Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Februar 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Februar 1948.
Mein liebes Herz,
wie besonders glücklich bin ich über Deinen letzten lieben Brief, der mir durch die Ausführlichkeit der Möglichkeiten eine viel größere Zuversicht zu der eventuellen Ausführbarkeit des schönen Plans von Deinem Herkommen gibt. Hoffen wir, daß all die äußeren Bedingungen uns freundlich sind! Es wird doch hoffentlich nicht gerade wieder Streik sein!
Was ist auch für eine Zeit jetzt! Die Lektüre von Hassell hat mich wieder mehr in das politische Interesse geführt, das ich wegen seiner Trostlosigkeit gern etwas zurückdrängte. Jetzt habe ich als Fortsetzung der Lektüre das Buch von Schwertfeger: Rätsel um Deutschland (1933–45). Nicht so unmittelbar wie H., aber angeblich auf zuverlässigen Quellen beruhend, ist es auch sehr erregend. Man fragt sich nur immer: warum mußte das alles sein?? Und nun wieder die Ermordung von Gandhi! Die Welt ist allenthalben aus den Fugen. Wird dieser Tod als Märtyrertum Segen wirken oder neue Leidenschaften entfesseln? Ich traure um den edlen Menschen!
Also auch die Mutter Erde hat wieder gebebt. Ich habe nichts davon gemerkt, aber es ist auch bei uns eine unnatürliche Schwüle und frühe Frühlingswärme. So hat sich wohl auch das Lämmchen in Hechingen
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| ebenso wie hier die Haselkätzchen in der Jahreszeit geirrt. Das gibt wenig Hoffnung für eine günstige Entwicklung für Landbau und Obst. Aber wir wollen nicht in die Zukunft denken und gar unken! Der Tag bringt genug. So habe ich etwas Gutes zu melden: Hermann hat einen Enkel bekommen, in Essen-Kray bei dem Pfarrersehepaar Sass. Auch bei Ruges hatte ja kürzlich die jüngste Tochter einen Sohn. Nun steht nur bei der zweiten, Inge Gronstedt, noch das Baby aus, das eigentlich im Januar erscheinen sollte. Mit ihr bin ich schon lange garnicht mehr in Verkehr, aber meine Schwester würde mirs melden.
Von Maria Dorer bekam ich ein Briefchen. Sie bat mich, nach einem ihrer Schüler in der hiesigen Klinik zu fahren. Der war aber schon wieder entlassen. Von Dr. Matussek sah ich länger nichts. Er ging für 10 Tage nach Garmisch, ehe er wieder in der Psychiatrischen die Arbeit aufnimmt. Er hatte eine Erholung sehr nötig. Es ist betrübend, wie alle tüchtigen Leute überarbeitet sind. Das ist auch eine Zerstörung der deutschen Konkurrenz, die wir nicht so leicht wieder überwinden werden. Und dagegen geht es mir alten und überflüssigen Person wieder so viel besser, daß mich alle Leute auf mein gutes Aussehen hin anreden. Das macht der nahrhafte Krankenzu
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|satz. Oder ist es die Vorfreude auf Dein Kommen? Fürchte nur nicht, daß ich mich in den Gedanken zu sehr verrenne. Ich warte ab – wie überhaupt. Aber ich will doch morgen nun mal auf dem Bahnhof nach den Zügen von Stuttgart fragen. Und auch nach einer eventuellen Unterkunft im Bergfrieden (dem Gasthaus an der Landstraße) will ich mich erkundigen. Aber es ist gut, daß wir auf alle Fälle die bescheidene Schlafstelle im Hause haben. Es wird nur so ungemein primitiv und dürftig sein, daß man es Dir garnicht anbieten kann. Hermann war eben den Aufenthalt in Massenlagern schon gewohnt! Hast Du trotzdem Mut dazu?
Was Du von dem Schuhleder schreibst, will mir nicht einleuchten. Es wäre doch ein Jammer, wenn die Schuhe verpaßt würden. Und ohne Maßnehmen wäre zu riskant. Hier aber ist man durch einen Schein an seinen Schuster gebunden; es sei denn, daß man etwa bei einem orthopädischen Schuhmacher auch zugelassen würde. – Einen passenden Probeschuh habe ich garnicht, denn die einzigen, die unter allen Umständen passen, kann ich nicht entbehren. Und die kräftigen Schnürstiefel kann ich nur zeitweise tragen. Manchmal sind sie durchaus bequem,
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| manchmal schmerzen sie unerträglich. Das scheint mit einem unterschiedlichen Umfang meiner Füße zusammenzuhängen; oder auch mit dem Wetter und der elektrischen Empfindlichkeit der Nerven. –
Wunderst Du Dich nicht über das gute Briefpapier mit goldenem Schnitt? Das ist nämlich der Inhalt eines kleinen Buches, das ein Pankower Buchbinder mir für die Aufzeichnungen machte, die ich aus dem Religionsunterricht bei Scholz aufschrieb. Da ist eine Menge leer geblieben und ich habe die beschriebenen Blätter herausgelöst – und vor kurzem mal wieder mit lebhaftem Eindruck gelesen. Da ist ein wenig davon eingefangen von dem warmen Christentum der Liebe, das Prediger Scholz vermittelte. – Von der Problematik des Humanitätsgedankens zu hören bin ich sehr begierig. Vermutlich ist wohl dies schöne Ideal ein Luxus, den wir uns jetzt nicht mehr gestatten können. Dafür haben wir jetzt ein Menschentum der Verzerrung und Entstellung, wie man es garnicht ahnte. Wann werden wir diese schwere Krise überwinden? Und wann wird der bessere Kern wieder durchbrechen?
Grüße Susanne und Ida vielmals. Halte Deine Kräfte zusammen, und bleibe gesund, daß unser Plan auch gelingt. Wie immer in innigen Gedenken
Deine Käthe.

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Um Besuchen am 25.II. vorzubeugen, möchte ich vorschützen, daß ich vielleicht Gelegenheit hätte, in den Tagen zu einem Vortrag von Dir in Stuttgart zu sein. – (Etwa bei Luise Lampert oder so – es kann sich ja dann noch verändert haben, wenns anders kommt!) Matussek darf man nichts vorher sagen, er <re. Rand> ist kein Diplomat.