Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Februar/4./5. März 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Februar 1948.

[von fremder Hand] Stempel 5.3
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Mein liebes Herz!
Nach Deinem Fortgehen war die Welt hier sehr öde, und ich fand es grausam, daß ich nicht wenigstens sehen durfte, ob Du rechtzeitig und gut in dem Eisenbahnwagen Platz fandest. Ich hoffe ja bald zu hören, wie die Reise verlief, und ob Du ohne allzu große Ermüdung all die Strapazen überstandest? – Ununterbrochen sind meine Gedanken bei Dir und der letzten Vergangenheit. Wie dankbar bin ich für dies Zusammensein, und für alle Einzelheiten Deines lieben Einfügens in die beengten Verhältnisse meines jetzigen Lebens. Nur dem Himmel zürne ich ernstlich, der uns die wenigen Tage durch das ungewöhnlich rauhe Wetter so verkürzte. Denn wir hatten wohl beide gleichmäßig von den geplanten Spaziergängen einen ruhigen Gedankenaustausch wie sonst erhofft. Es war wirklich wie reiner Hohn, daß den beiden Tagen mit dem eisigen Sturm hier zwei so milde und sonnige Frühlingstage folgten, wie sie uns nur je beschieden waren. Den zweiten davon benutzte ich, um die Wäsche nach Ziegelhausen zu bringen, und
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| mich bei Frau Frobenius nach dem Resultat des besorgten Briefes zu erkundigen. Natürlich war die Verhandlung mit der Haushilfe nichts geworden, und die Betreffende hatte nur nicht nötig gefunden abzusagen, wie verabredet war. – Ich war am Sonnabend eigentlich den ganzen Tag außer Hause, vormittags wegen der Klinik, nachmittags in dieser Sache, und blieb trotzdem von den ungewohnten Beschwerden verschont, die mir bei Deinem Hiersein solche Not machten. Auch das war Tücke des Objekts, der heutigen Situation des ständigen Kampfes entsprechend.
Heut habe ich nun einen ganz stillen Sonntag gehabt und viel geschlafen. Wie schnell sich doch der Mensch verwöhnt! Mit dem üblichen Heizens habe ich dauernd 12° erreicht und fand das sonst recht behaglich, aber heute schien es mir zu Anfang etwas kühl. Jetzt sitze ich nun mit dem warmen Tuch und den Füßen auf der eingehüllten Wärmeflasche ganz mollig, und das Zimmer atmet eine Wohnlichkeit, wie es sie vor Deinem lieben Besuch nicht hatte. Ach, laß doch unser Heidelberg nicht entgelten, was die ungünstigen Umstände bei Deinem letzten
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| und vorletzten Hiersein verschuldeten, sondern komm, soweit Du irgend kannst, einmal wieder. Du hast doch gesehen, wie einsam ich im Grunde hier lebe, und Du weißt, wie sehr ich den Austausch mit Dir brauche. Aber das muß aus der momentanen Stimmung herauswachsen und läßt sich nicht erzwingen. Das nötige Gleichgewicht ist bei mir so leicht gestört durch lästige Äußerlichkeiten, die unter den heutigen schwierigen Verhältnissen entschiedene Aufmerksamkeit erfordern, und die mir doch eigentlich garnicht so wichtig sind. Ich meinte, sie während Deines Hierseins ziemlich beherrscht zu haben, aber nachträglich fällt mir so manches aufs Herz, was ich besser gemacht haben sollte. Und das ist ja überhaupt das Grüblerische in mir, das mich quält. Aber es treibt mich auch wieder zu neuen guten Vorsätzen; vor allem will ich mich immer mehr von diesen Alltagsdingen frei machen und mein tägliches Leben möglichst zweckmäßig vereinfachen. Ich verliere viel zu viel Zeit damit, denn ich bin so langsam geworden. In mir aber ringt das bessere Menschentum nach Freiheit und sucht immer von neuem den Weg nach oben. – Du wunderst Dich, daß es mir lieb ist, mich in die geistige Welt dieser Moabiter Sonette andachtsvoll zu vertiefen. Aber ist nicht auch unsre Welt immer
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| eine tragische – unsere persönliche, und die Gesamtdeutsche mehr denn je? Da gibt es nur einen steten Kampf des Überwindens. Es berührt mich eigen, daß fast alle Geburtstagsbriefe als Hauptsache mir "Kraft" wünschen, und das ist es, was ich selbst mir als Gabe für das 77. Jahr gewünscht hatte: Kraft für die Arbeit des Tages, aber auch Kraft, das Leben zu überwinden. Das ist ein ständig neuer Kampf, der nie zu völligem Siege führt. Die unversiegliche Quelle zu dieser Fähigkeit ist die unendliche Liebeskraft, die mein ganzes Leben erfüllt und trägt, die durch Dich und für Dich erweckt wurde. Ist nicht solche Liebe die tiefste Berührung mit dem Ewigen, die wir kennen? So hat mich Dein schöner kleiner Aufsatz im Würtemberger berührt und ganz persönlich angesprochen. Er redete zu mir von dem Zeitlosen, das wir beide auf unserm Lebenswege suchen. Gibt es darüber hinaus noch eine Dauer? Ich habe kein Verlangen das zu wissen. Ich halte es mit Goethe: "Bis im Anschaun ew'ger Liebe wir verschweben, wir verschwinden". – Aber über solche und ähnliche Tiefen des Daseins hätte ich so gern einmal wieder mit Dir geredet. Dort hat die Magie der Seele ihre Wurzel, und in ihr ist uns auch die Gnade geschenkt, immer wieder einer höheren Führung gewiß zu werden.

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4.II.48.
Seit Sonntag liegt dieser angefangene Brief in der Schreibmappe, und kam nicht weiter. Auch heut war wieder der Tag so angefüllt mit Arbeit und Unruhe, durch große Putzerei mit der östlichen Frau aus Ziegelhausen, daß ich nur rasch den Anfang noch zur Post bringen will, damit er endlich zu Dir kommt, die "Fortsetzung folgt" ganz bald.
Eine Frage von Susanne möchte ich nur noch beantworten: Man kann hier Stoffe gefärbt bekommen, und zwar schwarz, dunkelblau und braun. Es dauert 8 Wochen. Außerdem sagte mir Frau Geh-Rat Franz ihr Schwiegersohn habe in Eislingen eine Färberei, die dasselbe tut und wo es 4 Wochen dauert. Vielleicht ist es Susanne dort bequemer. Sie beruft sich vielleicht auf die Empfehlung.
Im Übrigen aber für heute: gute Nacht. Ich bin sehr müde, aber ich hätte gern noch viel geschrieben. Ich hatte so bewegte Tagesläufe und möchte Dir davon erzählen. Laßt es Euch gut gehen – und denke an mich, die ich noch immer nicht recht begreife, daß dieser lange erwartete Besuch nun schon definitiv vorbei ist. Aber es ist gewiß für Dich
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| sehr wohltuend, wieder in dem gewohnten Behagen daheim zu sein und das freut mich auch.
Und nun habe noch einmal Dank und innige Grüße und richte auch Grüße an Susanne und Ida aus, denen ich bald selbst schreibe.
Immer
Deine Käthe.

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Da hatte ich richtig wieder vergessen, Dir zu berichten über die Summe, die Du für das "Logis" hiergelassen hattest. Ich mußte all meine Beredsamkeit aufbieten, um die Geschwister zu der Annahme zu bewegen. "Es wäre doch selbstverständlich und das Zimmer wäre unbenutzt." Eine Mühe hatten sie ja in der Tat nicht davon. –  –
Das sind so sonderbare Gegensätze in unserem Verkehr, der überhaupt eben lebhafter und natürlicher ist. Ich bin nur begierig, ob das umgängliche Wesen von Trudel auch nach dem Geburtstag noch standhalten wird! Infolge ihrer augenblicklichen Freundlichkeit habe ich mich entschlossen, ihr "Soll und Haben" zu schenken.

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Heidelberg. 5.II.1948.
Mein liebes Herz,
nun will ich aber sofort mit der Fortsetzung des liegengebliebenen Briefes beginnen, denn sonst verwirrt sich in meinem Kopf all das, was ich zu schreiben die Absicht hatte. Da ist vor allem der Dank für Deinen lieben Brief, der schon so überraschend schnell, am Montag, eintraf. Wie froh war ich, solche relativ rasche und ruhige Rückfahrt hattest. Es hat mein Gemüt recht tröstlich berührt, daß Du die Tage hier "gut" nennst, trotz aller Mängel an Wetter und Bewirtung. Inzwischen ist nun auch der allzu sichtbare Staub einigermaßen gebändigt, da die Ostflüchtling, Frau Moser, sehr tatkräftig und geschickt geholfen hat. Aber froh will ich sein, wenn der arge Staubspender, der unzureichende Ofen, mal nicht mehr geheizt zu werden braucht. Vorläufig bekommen wir aber nochmal 1 Ctr. Kohlen. –
Heute nun kam schon wieder von Euch ein willkommenes Päckchen: die warmen Schuhe und ein lieber Brief von Susanne. Ihr und Dir danke ich vielmals! Ich werde wohl der Länge meiner Füße etwas Kunst zusetzen müssen, denn ich bin ja nicht gewöhnt, auf so großem Fuße zu leben! Auf alle Fälle aber sind die
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| Schuhe umso erfreulicher, als ich heute wieder mit meinem Antrag beim Wirtschaftsamt abgewiesen wurde.
In dieser Woche war ungewöhnlich viel Verkehr in meinem Zimmer. Außer der Putzfrau kam sehr überflüssiger Weise Frau Kühn. Sie brachte einen Strauß von Weidenkätzchen, Tannengrün und einer Papierblume so richtig wie aufs Grab. Sie sagte auch selbst, er sei nicht schön und hätte doch viel gekostet!! Sie blieb über eine Stunde mit ununterbrochenem Reden über Nahrungs- und sonstigem Mangel, was andere hätten, und ihr nicht abgaben. Sehr wahrscheinlich hatte sie auch bei mir irgend etwas gewollt, und fand deshalb nicht wieder fort, obgleich ich ihr garnicht zum Bleiben zuredete. Zum Abschied gab ich ihr dann aber doch einen von den letzten schönen Äpfeln, die Du leider verschmäht hattest. – Am Tage vorher bekam aber Dr. Matussek einen, der mit einem enormen Katarrh ankam, und sich gern mit Tee und Haferpudding bei mir stärkte. Der Bruder war von Berlin noch nicht zurück. Der Dr. gefällt mir gesundheitlich garnicht, und sieht miserabel aus. Daß wir nicht bei Deinem Hiersein mit ihm in Verbindung kamen, nahm er verständnisvoll auf. Er war inzwischen in Marbach bei der Familie gewesen, wo die ältere Tochter jetzt auch an
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| Tuberkulose erkrankt ist, also die dritte von den Geschwistern. Er war recht mißgestimmt und ging dann aber sichtlich entspannter fort. Mit einer ihn sehr interessierenden Arbeit ist er eifrig neben der ärztlichen Tätigkeit beschäftigt, wahrscheinlich mehr als ihm gesund ist. – Für heute hatte ich mir die Freundin und treue Hilfe des Hauses von Rösel eingeladen, die ich sehr gern habe und besonders schätze wegen ihres Temperaments, mit dem sie in überlegener Ruhe Rösels unberechenbares Wesen seit vielen Jahren erträgt. Thusnelda Dilger ist aus Furtwangen, aus solcher Aufstieg-Familie wie Busse sie schildert, voller Kunstbegabung und voller Interessen. Sie sprach heute z. B. von einer Tante in Amerika, die eine Bibliothek hat, wie mancher sogenannte gebildete Deutsche nicht, sogar Plato ist da vertreten, obgleich sie nur Volksschulbildung hatte. Es sei nur zur Sprache gekommen, weil sie mit Bedauern daran denkt, daß das mit ihrem Tode bei den Amerikanern doch nur Altpapier sein wird! –
Ich selbst hatte es bei dem Frühlingswetter nicht dauernd in meinem lichtlosen Zimmer ausgehalten und habe sowohl Einkäufe wie Besuche gemacht. Da mir Marie Dorer eine Karte schrieb, sie würde mich gern, wenn es mir nicht zu beschwerlich wäre, wenigstens auf der
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| Durchfahrt gern mal wiedersehen, knüpfte ich an diese notwendige Fahrt mit der Elektrischen eine ganze Reihe Besuche: Frau Franz, das weiße Haus, Hedwig Mathy, Paula Seitz und Rösel Hecht, kurz ich rammschte Neuenheim. Um ¾ 8 endete ich am Bahnhof bei ziemlicher Dunkelheit und kühlem Wind, suchte den einfahrenden Zug gewiß 5x ab, aber Dr. Dorer war nicht zu sehen. Die Wagen waren übervoll, man stieg zum Fenster aus und ein, es ist also möglich, daß sie nur nicht ans Fenster kommen konnte. Du wirst sagen, es war töricht von mir, und zuerst wollte ich auch nicht hingehen, aber dann wäre es mir doch zu unfreundlich erschienen. Es hat mich schließlich auch interessiert, wie man jetzt reist. –  – Im übrigen richte ich mich aber recht gewissenhaft nach Deinen Ermahnungen und der Kaffee ist wieder auf wenige Ausnahmen beschränkt. Für die Brotmarken habe ich mir 1 <altes Pfundzeichen> Pumpernikel spendiert und danke noch sehr dafür. Hatte eigentlich schreiben wollen, Du möchtest sie doch lieber behalten, Dir im Falle sie nicht mehr vorhanden wären, ja keine Sorgen machen. Knapp wäre es bei mir nicht gewesen. Du hast mir mit Deiner großen Bescheidenheit leider mehr als nötig erschwert, Dich ausreichend zu bewirten.
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| Auch wegen der geringen Mühe, die solch Besuch mehr verursacht, als der gewöhnliche Tageslauf, mußt Du durchaus nicht besorgt sein. Erstlich geht es mir so entschieden besser als um Weihnachten, daß ich es gut leisten kann, und dann empfindet man etwas, das man aus Liebe tut, nur als Freude. Es hat bei mir nur an richtiger Überlegung und Einteilung gefehlt, sodaß es mehr in die Augen fällt, als es sollte. Aber Du warst so geduldig und halfest sogar so freundlich, daß ich es dankbar und fast beschämend empfand. Du wirst ja leider nur zu sehr bemerkt haben, wie sehr es bei mir an Geistesgegenwart fehlt. Die guten Gedanken hinken immer erst hinterher.
Denke Dir, daß am Morgen Deiner Abreise meine sämtlichen Uhren stehen blieben. Du hattest mich doch noch ermahnt, den Regulator aufzuziehen, und dann habe ich es doch vergessen. – Es war mir aber wie symbolisch für die Tage Deines Hierseins, die für mich gewissermaßen aus dem Zusammenhang der Zeit herausgerückt waren. Denn das Bewußtsein, daß mein Geburtstag sei, ging völlig unter in dem festlichen Gefühl Deiner lieben Gegenwart. – So manches Deiner Worte geht mir noch öfter durch den Sinn; so z. B. was Du von dem Zusammenschluß der Europareste sagtest, in dem Deutschland die
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| geistige Führung haben solle. Ob es dazu kommen wird? Vorläufig ist über allem noch ein lähmender Druck. So klingen auch die Moabiter Sonette aus – – und ich denke an Dein Wort von der religiösen Tröstung, die doch das Letzte bleibt.x Aber daß er sein Leid in diesen wundervollen tiefsinnigen Versen aussprechen konnte, das war eine Gnade. Auch Thomas Morex [li. Rand] x Thomas Morus mit seinem echten Christentum: Vater vergib ihnen – – – wird wieder erwähnt! War es denn nicht seltsam, daß damals als ich das kleine Buch wie ein eignes Erleben las, Du mir aus Moabit die Bilder Holbeins von ihm und dem König schicktest? Was ist Zufall? Was ist subjektive Deutung? Was ist Magie der Seele? Was ist Fügung?
Der Schwertfeger ist an sich gut, aber das Rätsel um Deutschland löst es nicht. Ich will es möglichst schnell zu Ende lesen und dann noch einmal Meinecke's "Katastrophe", die einen weiteren Überblick versucht. Aber es wird mir wohl nicht weiter helfen, wenn man so nach einzelnen Fehlern in der Vergangenheit sucht und gewissermaßen einzelne Personen verantwortlich macht. Ist doch alles Geschehen eine organische Entwicklung, die ihrem innewohnenden Gesetz folgt, die ihre Reife und ihren Verfall hat. Jetzt ist die Zeit, in der der Samen in der Erde schlummert. Und Du hilfst ihn zu pflegen!
Über meinem Schreiben ist es schon "morgen" geworden und ich will schlafen. Ich grüße Dich innig und bitte Dich Susanne für den lieben Brief und Ida für den Kuchen zu danken, bis ich selbst schreibe.
Deine Käthe.