Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12./14. März 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. März 1948
Mein liebes Herz,
wenigstens einen kurzen Gruß will ich doch heute noch schreiben, der Dir sagen soll, daß ich den ganzen Tag daran dachte, daß man vor Jahren um diese Zeit schon kleine Anemonen und Veilchen im Freien suchen konnte und nach Berlin schicken! Die Welt ist doch in jeder Hinsicht kärglicher geworden! Wußte man wohl damals so recht, wie glücklich man war?
Heut war ich bei Frl. Dr. Clauß, und es kam die Sprache darauf, daß das Schicksal im Grunde wohl die Absicht habe, uns von unseren Ansprüchen an das Leben immer mehr zu lösen. Und – – im Anschluß daran verschrieb sie mir wieder den Krankenzusatz! Tatsächlich aber geht es mir, wie Du ja gesehen hast, wirklich ganz gut, und es war auch "kein Befund". Ich habe es wieder auf 90 <altes Pfundzeichen> gebracht und hatte auf keine Fortsetzung des Zusatzes gerechnet. Man ist aber auf dem Amt eben etwas freigebiger. – Frl. Dr. sprach auch davon, daß sie in der Stille auf Deine Hilfe für ihren Freund, Dr. Glockner hofft, der zwar nicht P.G. war, aber sonst Unvorsichtigkeiten begangen habe. Er sei
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| ein Verehrer von Dir schon lange, und sei auch mit Dir im Briefwechsel. Ich erwähnte gleich, wieviel Du mit solchen Anliegen zu tun habest, besonders bei Leuten, die Du garnicht weiter kennst. Aber vielleicht liegt hier die Sache günstiger?
Ob Du wohl heute zum Wochenende Zeit hast, mir zu schreiben? Und ob Ihr am Sonntag bei schönen Wetter einen Ausflug machen könnt? Hier ist der Himmel oft bedeckt und es ist ziemlich kühl. Frau Buttmi ist krank; sie meint, es sei Grippe. Ich will hoffen, daß es nichts Ernsteres ist. Sie haust zu sehr mit ihren Kräften und hat die Sache verschleppt.
Mit meiner östlichen Hilfe bin ich sehr zufrieden, und ich wollte nur, sie hätte mein Zimmer schon vor Deinem Hiersein so gründlich hergerichtet, wie es jetzt ist. Ich empfinde es als eine wahre Wohltat. Es bleibt immer noch viel Arbeit im Rückstand, aber ich habe doch nun Hoffnung, durchzukommen.

14.III. Aber mit diesem Briefe kam ich nicht vorwärts, und nun ist es doch wieder Sonntag geworden. Es war ein wunderbar schöner Tag und ich hoffe, Ihr habt ihn irgendwo, (ohne Sparmaßnahmen!) genießen können. Ich habe eine gute Stunde auf dem Balkon in der Sonne gesessen mit einer sehr nötigen Handarbeit, nämlich den kleinen Teppich (unter dem Tisch)
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| mit Borte eingefaßt. Es ist wirklich eine Sonntagsfreude, wenn eine schon lange notwendige Ausbesserung endlich mal gemacht ist. Nach 6 Uhrx [li. Rand S. 3 und 4] x Hast Du wohl den Neumond wie eine Sichel aus Silberfiligran am zart rosigen Abendhimmel gesehen und unmittelbar darüber den Abendstern? Es war sehr reizvoll. bin ich dann noch zu Frau Buttmi gegangen, die noch zu Bett liegt, und von einer ganz ungewohnten Geduld ist. Man merkt so recht, wieviel Ruhe sie nachzuholen hat. Es scheint eine fiebrige Stirnhöhlenentzündung zu sein. Übrigens hat sie auch noch eine besondere Ursache, sich etwas zu schonen, da sie in vierzehn Tage nach Freiburg an der Unstrut fahren will, zur Hochzeit einer Nichte. Das ist ein Unternehmen heutzutage. Es ist ja wieder mal in hohem Grade eine Stimmung wie s. Z. auf der Conzilien-terrasse. Der kleine Matussek brachte auch von Berlin eine recht besorgte Stimmung mit. Hier im Hause ist die Stimmung ohne Barometerstürze verlaufen, und ich bin dessen froh, wenn auch ein eigentliches Behagen nicht aufkommt. Selbst eine ungeteilte Freude am eigenen Zimmer soll mir nicht beschieden sein. Denn als ich gestern, als ich scheinbar durch günstigen Zufall bei der Gemüsehändlerin statt der ausgebliebenen 10 <altes Pfundzeichen> Äpfel eine Dose Apfelmus bekommen hatte, erlebte ich beim Öffnen dasselbe, wie s. Z. mit den Holunderbeeren, deren Wirkung an der Decke Du gesehen hast. Aus dem kleinen Loch im Deckel schoß ein Strahl
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| senkrecht auf wie bei einem Springbrunnen, zerspritzte an der Decke und kam zum Teil auf mich und die Tischdecke zurück. Ich hoffte, wenigstens solle die Spur da oben nur hell sein, weil doch die Äpfel nicht wie die Beeren dunkel sind, aber sie haben sich pechschwarz verfärbt und es ist da nun ein Anblick wie das Negativ einer astronomischen Photographie von Sternhausen. Es ist viel schlimmer als das vorige Mal und "ich kann es nicht ändern". Es ist aber eine Art Indolenz in mir und ich nehme es eben hin, in Anbetracht so viel ernsterer Dinge heut. Wenn ich nur so manches gute Vorhaben schon erledigt hätte, ehe es zu spät dafür ist. Wenigstens ein kleines Päckchen für Euch ist mal wieder gepackt und wartet nur noch auf einen Brief an Susanne. Es kommen nur Hefeflocken, ein paar Zigarren, (die Marke: Hanse heißen) die Notizbücher und Anzünder für die Pfeife. (Die Wachs-taper kann man gut ausblasen, sie sind nur dünn). Für Susanne schicke ich Heilserum mit, zur Behandlung aufgeplatzter Finger. Es hat mir gut geholfen.
Heut aber will ich wieder den Brief noch zur Post bringen, damit er möglichst rasch zu Dir kommt und Dir sagt, wie ständig ich Deiner gedenke. Nach Tisch auf dem Lehnstuhl sehe ich immer verlangend nach dem Kopf auf dem Sophakissen vergeblich aus! Ich grüße Dich und Deine Hausgenossen herzlich.
Wie immer Deine Käthe.