Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. März 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21.III.1948.
Mein geliebtes Herz!
Eigentlich sollte ich an dem Berg der Briefschulden abarbeiten, aber es ist doch immer das Erste, daß ich Dir schreibe; noch dazu am Sonntag nachmittags! Draußen lockt ein wunderbarer Sonnenschein, aber fortzugehen bin ich zu müde, und der Balkon ist von den Geschwistern besetzt. So begnüge ich mich mit dem Reflex der Häuser gegenüber. Oder besser, mit dem inneren Schein, der mir von Deinem lieben Brief kam! Du hast sicherlich keine Ahnung, welch innige Freude er mir – "in fünferlei Hinsicht" war! Zunächst durch die beruhigende Nachricht über den ärztlichen Befund. Aber nicht allein durch die Beziehung auf Dein Befinden gab er mir einen unvermuteten Trost, sondern – Dir vielleicht unvermutet – war mir bei Deinem Hiersein etwas Fremdes, Hemmendes im Gefühl geblieben, das ich nicht überwinden konnte. Ich suchte natürlich in mir nach einem Grund, vielleicht in den veränderten häuslichen Bedingungen meines jetzigen Lebens, die ich noch immer nicht frei beherrschte. War ich vielleicht selbst so verändert, daß ich den rechten Ton nicht mehr fand? Ich war mir dessen
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| nicht bewußt, denn im Tiefsten bin ich ja immer die Gleiche. Nun sprichst auch Du von etwas Störendem bei Dir, und das scheint mir tröstlicher Grund genug für den geheimen Druck, den ich nicht los werden konnte. Ich kenne Dich doch nun mal so gut, daß ich jede leise Veränderung fühle. Und nun macht mich Dein liebes Wort, daß Du so bald als möglich wiederkommen willst, doppelt glücklich. Aber laß Dir dann nur ja den grünen Wunderschein wieder geben. Das können die Stuttgarter auch ohne Vortrag "an Dich wenden".
Eine Freude ist es mir auch, daß Du nun doch etwas mehr zu Arbeiten kommst, die Dir am Herzen liegen. Die nähere Formulierung: "Gewissenserziehung" giebt mir nun auch etwas deutlichere Vorstellung davon, als Deine kurze Andeutung hier. — Wo lebt denn dieser Volksschullehrer Dürr? — Von Maria Dorer habe ich seit der Karte, mit der ich mein vergebliches Suchen nach ihr am Bahnhof meldete, nichts mehr gehört. –
Durch Geheimrat Gunzert hörte ich schon, daß Schm. jetzt die Lizenz hat, und wollte Dirs gerade mitteilen. Übermäßig Hoffnungen schien der Vater
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| dabei für seinen Sohn [über der Zeile] nicht zu hegen. "Man müsse nun sehen, wie die Sache gedeiht."
Wie wird es überhaupt mit dem Gedeihen bestellt sein? Beim Zeitungslesen heute, legten sich recht fühlbar die Erinnerungen von der Conzilienterrasse über mich. In der Zeitung soll auch gestanden haben, daß Jaspers nach Basel geht. Sie hat es schon länger den betrübten Heidelbergern mitgeteilt. – Im Übrigen leben wir ganz zufrieden weiter, obgleich die Osterzuteilung nicht übermäßig ist, immerhin soll es 2 Eier geben.
Im Auftrag von Susanne fragte ich hier an, ob man eine Militärhose schwarz oder sonstwie färben werde? Nun fragst, ob auch Kleider! Vielleicht meint diese Frage, ob unzertrennt? Jedenfalls färben sie bei Sappers auch das, z. B. eine Bluse von einer Bekannten ist sehr schön geworden.
Mir fiel neulich ein, daß Du nach Charitas Bischoff fragtest. Beide Bücher von ihr stehen in dem Gestell in der schimmeligen Ecke, die aber jetzt allmälig trocknet. Dicht dabei fand ich den "See", und darin das lange gesuchte Gedicht eines Unbekannten: Gottlieben. So steht manches in dem engen Raum meines Zimmers verborgen.
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Also den "Diesel" hast Du kennen gelernt! Wie wirkt er persönlich und wie denkt er heute? Ich besitze, von Adele geschenkt, "Vom Verhängnis der Völker". Das will ich doch jetzt mal lesen. Es ist bestimmt aus einer ernsten Zuversicht heraus geschrieben, die mir nach dem Schwertfeger wohltun wird.
Matusseks waren diese Woche nicht bei mir. Vielleicht diesen Mittwoch. Ich werde Deine Grüße ausrichten. Bei Buttmis war ich am Dienstag gerade zum Schluß von Gundels Abiturienten-Examen. Sie war sehr begeistert, wie liebenswürdig die Lehrer alle gewesen sind. — An Lätare, als Sylvia Wais eingesegnet wurde, war hier der alljährliche Sommertagszug, den sie heut hier in Rohrbach mit mehr Wetterglück nachmachten. Es ist in dieser mageren Zeit doch ein willkommenes Vergnügen für die Kinder, schon der Stolz über die bunten Stecken und gar die Bretzel.
Nun muß ich Dir doch noch einmal sagen, wie froh ich bin, daß der Tübinger Doktor Dich so beruhigen konnte. Weißt Du noch, wie damals in Kassel die Consultation des Onkels und die Bleikugel Wunder wirkte? Freuen wir uns also der schönen Frühlingstage, die uns noch geschenkt sind. Ist auch bei Euch die Obstblüte schon im Beginn? Mandeln, Aprikosen und Zwetschen sind schon da! und bisher ohne Frost.
Sei innig gegrüßt. Kam das Päckchen vom 18. an? Grüße auch Susanne und Ida und macht so viel Ferien wie möglich, und das Wetter es gestattet. Ich habe <li. Rand> heut hauptsächlich geschlafen. Das hat viel nachgeholt. Von Herzen
Deine Käthe.