Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. März 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. Ostern 1948.
Mein liebes Herz,
wie erwartet, ist Dein Brief wie immer pünktlich eingetroffen, und ebenso wie üblich, kommt meiner erst verspätet. Habe vielen Dank, daß Du trotz Deiner Müdigkeit schriebst, aber eigentlich sollte ich sagen, in solchem Falle möchtest Du lieber etwas ausruhen, denn wenn ich auch stets über eine Nachricht erfreut bin, so warte ich selbstverständlich gern in Deinem Interesse. – Aber es freut mich gar nicht, daß Du Dich nicht recht wohl fühlst, und ich tröste mich nur mit der Vorstellung, daß es eben die übliche Frühlingsmüdigkeit ist. Und die russischen Cigarren hebe lieber für kräftigere Tage auf. – Sind denn nun jetzt noch einige Tage wirklicher Ferien? Oder hast Du wieder etwas Anderes gefunden, für das Du Dich noch einsetzen mußt? Es wäre hübsch, wenn irgend ein erfreuendes Ereignis Deine Gemütsstimmung recht fühlbar aufbesserte, das würde Dir über diese Flaute leichter hinweg helfen. Kann nicht die schöne Sonne in Eurer lichten Wohnung ein wenig dazu helfen? Eben bin ich im Begriff,
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| nach Ziegelhausen zu fahren, wo mich Frau Dr. Frobenius sehr liebenswürdig zum Essen einlud. Und Osterkuchen habe ich auch bekommen, was mich doppelt freut, da ich selber garnicht gebacken habe. Ich war zu lahm, irgend einen Entschluß zu fassen. – Inzwischen war ich noch ein zweites Mal wegen M. Dorer an der Bahn und traf sie diesmal. So konnte ich sie auch nach Brosius fragen, der noch in Marburg sein soll, aber Aussicht hat, nach Weilburg zu kommen. M. D. will Dir selbst davon schreiben. – Paul Matussek hat mir sein nun erschienenes Buch geschenkt, und ich arbeite ebenso mühsam daran, wie an dem Diesel. Ist es mein schwacher Verstand, oder sagen die Leute so oft immer wieder dasselbe von neuem? Ich bin nun einmal Deine klar fortschreitende, präzise und gehaltvolle Sprache gewöhnt. – (Fragen wollte ich noch ob ich vielleicht die Korrektur von der Jugendpsychologie mit lesen könnte?) – Bei der Abhandlung von M. fällt mir besonders auf, wie auf allen Gebieten die geistige Bewegung jetzt die gleiche Wendung im Großen nimmt: vom Realen zum Metaphysischen, vom Wissen zum Glauben, vom Bewußten zum Unterbewußten – vom Begreifen zum Unbegreiflichen.
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| Jetzt sieht man herab, auf die Zeit, die die Kleinarbeit schaffte, und ist erhaben über sie.
Über die Sache mit Jaspers gibt Dir die Zeitung einige Auskunft. Im Allgemeinen wird weniger die Tatsache kritisiert, als die Art und Weise. Der Belzner schreibt viel in unsre Zeitung, ist mir aber nicht sehr sympathisch. Auch M. sprach von dem Widerspruch bei J. zwischen Lehre und Leben.
– Doch für jetzt muß ich leider abbrechen, um rechtzeitig in Ziegelhausen zu sein. Wären wir doch für diese schönen Festtage beisammen!
Viel herzliche Grüße ans ganze Haus, und alles Liebe und Gute Dir!
Immer
Deine Käthe.