Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6./8. April 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6.IV.1948.
Mein liebes Herz!
Nun ist doch schon wieder Dienstag geworden, und ich wollte doch gern recht pünktlich und viel schreiben. Was mich hinderte? Es ist nicht so recht zu sagen, lauter Nichtigkeiten. Am Sonnabend trieb mich der Wunsch nach menschlicher Ansprache aus dem Haus. Ich besuchte Frau Serr, die in der Osterzeit nicht, wie versprochen mit ihrem Mann bei mir erschienen war. Auch dort ist immer viel, was an Absichten nicht zur Ausführung kommt. Dann brachte ich Frl. Seidel ein Sträußchen Anemonen als Geburtstagsglückwunsch, und traf sie im Begriff auszugehen, also ging's rasch. Von dort fuhr ich über die Brücke zu Paula Seitz, die wieder krank gewesen war, aber mit Interesse und eingehend die "Magie der Seele" liest. Ihr verstandesmäßiges Denken hat noch nicht die einheitliche Kraft der "Magie" in den alten Formen dämonischer Vorstellungen und den heutigen Glaubensbildern herausgefühlt. – Bei ihr traf ich Frl. von Dusch,
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| die Tochter des Ministers und Nichte von Alfred Bassermann, die ich s. Z. in Schwetzingen kennen lernte. Das gab eine lebhafte Unterhaltung zu Dritt über "Dazumal und Heute." Sie sprach auch von dem grundlegenden Unterschied in der moralischen Auffassung Deutscher und Amerikaner. Es sei einem angesehenen Großindustriellen von einem Amerikaner zugetraut worden: „Sie sind doch ein anständiger Mann, sagen Sie nur, was sie mit dem (fehlenden) Geld gemacht habenx [li. Rand] x bei der Stiftung, die er gegeben hat, fehlte eine beträchtliche Summe auf rätselhafte Art.?"! Er hatte garkeine Ahnung, welche Beleidigung für uns [über der Zeile] Deutsche in solcher Vermutung liegt! – Daß auch bei uns die Ehrlichkeit jetzt keine Selbstverständlichkeit mehr ist, war uns dabei aber schmerzlich bewußt. Im Schaufenster sah ich gerade vorher eine Broschüre von Lindsey liegen "Zweierlei Moral". Vielleicht wars das gleiche Thema. Das ist doch der Mann von der "Kameradschaftsehe", von dem wir damals in Luzern sprachen.
Werden wir ohne straffe Staatszucht eine Möglichkeit zu neuer "Gewissenserziehung"
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| haben? Kann die Kirche den Einfluß haben? Wird alles aus Besinnung und dem Leitziel des Einzelnen kommen müssen? Hat die Schule noch maßgebliche Wirkung?
Daß überall ähnliche Ansätze im Gange sind, zeigt ja die Arbeit von Matussek, der so lebhaft für die metaphysische Natur des Ethischen eintritt. Ich habe jetzt Fühlung für die Schrift bekommen, seit diese Seite der Freud’schen Ansichten behandelt wird, denn die ganze Theorie von den Trieben und Komplexen ist mir so unsympathisch.
In Neuenheim versuchte ich dann noch Rösel Hecht vergeblich zu begrüßen und machte statt dessen in der Hautklinik einen Krankenbesuch bei Frau Dr. Hofmann, der Drechslerschen Tochter, die dort nun schon wieder seit 7 Wochen in Behandlung ist.
Das war ein ausgefüllter Nachmittag! Es hatte seine Befriedigung, denn damit war allerlei Verpflichtung erledigt. Am Sonntag war ich dann aber sehr müde und gab meiner Faulheit nach. Da ist dann die Zeit gerade ausreichend für Kochen, Zimmeraufräumen, Essen und Schlafen. Zerreißen auch Deine Schnürsenkel jedesmal beim Schuheanziehen? Und seit
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| Freitag ist nun wirklich einmal ein Bezugsschein für Schuhe bestellt. Werde ich ihn aber morgen bekommen?!
Draußen regnet es unbarmherzig in die volle Zwetschenblüte, und es ist unangenehm naßkalt. – Unsre Meinung von der politischen Lage gewinnt immer mehr an Berechtigung, und ich denke mit Sorge an die Berliner. Wie gut nur, daß wenigstens keine russische Grenze zwischen uns ist! Frau Buttmi ist von ihrer Reise nach Sachsen noch nicht zurück. Sie wird für morgen erwartet. Sie hat wenigstens alle nötigen Ausweise. Dagegen ist die Schwester von Frau Frobenius ohne solche nach Erfurt zurückgefahren. Möge sie gut durchgekommen sein!
So ist man immer um irgend wen in Besorgnis. Daneben läuft eben allerlei Zeichnerei, die mühsamer ist als erwartet. Und meine Augen wollen nicht so recht. Das beschäftigt mich bis in den Schlaf hinein. Und ich träume oft so lebhaft! So z. B. war ich auf der Reichenau. Der Mohren war ganz verändert und von Familie Fr. bekam ich niemand zu sehen. Sie waren den Gästen unerreichbar. –  – Ich sehe das schlechte Wetter mit Bedauern für Euch. Da werdet Ihr keine guten Ausflüge machen können, die doch so nötig zur Erholung sind.
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| Hast Du Ruhe gehabt für eigene Arbeit und Gedanken?

Am 8. April. – Du wirst es dem sogenannten "Brief" anmerken, daß es mit dem Schreiben nicht gehen wollte. Müdigkeit, schlechtes Licht und kaltes Zimmer machten der Sache ein Ende. Nun ist aber inzwischen Dein lieber Brief gekommen, für den ich Dir sehr herzlich danke, und der meine Seele wieder belebt und wärmt. – Du mußt übrigens nicht denken, ich sparte mit dem Heizen, es ist nicht Geiz, sondern Arbeitsscheu, wenn ich manchmal damit aussetze. Gestern abend hatte ich tüchtig eingeheizt, um behaglich schreiben zu können. Da kam der "kleine" Matussek unerwartet, den ich noch in Marbach bei dem Vater glaubte. Der Ältere ist bei einer Tagung katholischer Ärzte in Ellwangen, kommt erst nächsten Mittwoch, wo ich ihm Deinen Auftrag, hoffentlich geschickt, ausrichten werde. –  – Mit dem Verlangen nach der Bremer Börsenfeder F habe ich aber kein Glück. Die Verkäuferin gab mir einige, aus einer Schachtel, die mit F ausgezeichnet war, es erwies sich aber, daß sie auch EF waren, wie die aus einem anderen Laden. Also mußt Du es schon damit versuchen, wenn es wenigstens nicht so arg spitz ist. –
Und den "Schiller" schicke ich Dir natürlich — das habe ich eben so selbstverständlich hingeschrieben,
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| und indem ich sogleich in meinem Bücherschrank danach suche, ist es nicht zu finden. Ich hatte es vor einiger Zeit bei den Sachen, die ich wieder lesen wollte, da müßte es nun ganz greifbar bereit liegen; es ist aber auch bei genauer Durchsicht nicht da! Vielleicht hat Hermann es geliehen? Ich werde gleich anfragen. Was gibt es denn sonst an gedruckten Akademie-Vorträgen von Dir? Es liegt bei den Sachen nur der Nachruf für Heinrich Meyer und die "Entstehungsgeschichte der Deutschen Volksschule". – Gefunden habe ich nur den Sonderdruck aus der "Erziehung". Willst Du den?
Solch vergebliches Suchen ist so aufregend. Verloren kann das Heft ja nicht sein, denn ich habe es hier noch gesehen. Es bleibt nur die Hoffnung auf Hermann. Er sprach von Schiller damals, und ich gab ihm meine kleine Pantheonausgabe von Schillers Gedichten. Die Schriften von Dir verleihe ich aber eigentlich nie. Doch kann es sein, daß ich es Hermann nicht abschlagen wollte. Mir schwebt so etwas vor, aber mein Gedächtnis ist absolut unzuverlässig. Darunter habe ich viel zu leiden. Der tiefe Einschnitt in mein Leben, der mit der Vertreibung aus der geordneten, kleinen Wohnung gemacht wurde, ist täglich fühlbar.
Frau Buttmi ist wohlbehalten mit den Töchtern aus Sachsen zurück. Sie hat mich gleich besucht, noch ganz erfüllt von den Chikanen an der Grenze. Wegen angeblicher Gepäck
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|kontrolle mußten alle aus dem Zuge und 4 Stunden im Gedränge stehen. Wohl jedem, der nicht im Osten reisen muß! Sie brauchten 2 Tage für die Reise. Ich hatte mal bei dem Manne nachgefragt und da schüttete er mir sein Herz aus, daß er sehr dafür wäre, wenn sie die Schule aufgäbe und sich wieder mehr für das Behagen der Häuslichkeit einsetzte. Es scheint aber dafür noch keine Aussicht. Denn erstlich möchte sie durch den Religionsunterricht Fühlung mit der Gemeinde behalten und dann ist sie ja auch recht ehrgeizig und es schmeichelt ihr, daß man sie schätzt und auch für die städtische Schule (höhere Mädchenschule) bestimmt hat. Ich habe vorsichtig abgeraten und sie gestand zu, daß sie das Opfer scheue, den Beruf aufzugeben. Sie will dem Himmel die Entscheidung überlassen, wie er sie auch jetzt aus dem bisherigen Schuldienst ohne ihr Zutun entfernte. —
Was Du über Jaspers schreibst ist nach den Erfahrungen, die wir mit ihm machten und nach den Bemerkungen von Matussek schon längst mein Eindruck. Bei ihm decken sich Mensch und Lehre nicht. Er ist ein schwacher Charakter und der Mann seiner jüdischen Frau. Die hiesige Universität im Stich zu lassen, fällt ihm wohl nicht schwer da er so glänzende Lebensbedingungen in Basel haben wird; und es ist ja auch ein stolzes Bewußtsein, solch fühlbare Lücke zu hinterlassen. Mich
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| kränkt es natürlich, daß man nicht sofort wenigstens den Versuch gemacht hat, Dich für diesen Lehrstuhl zu gewinnen. Hat Frau Flitner nichts über die Vorgänge erfahren? Daß Du nicht gekommen wärst, stand ja bei mir nun vornherein fest, aber es hätte sich gehört, und wäre im Interesse der Universität gewesen.
Daß Du Ärgernisse und Enttäuschungen mit dem geduldigen Fleiß der Ferienzeit hattest, schmerzt mich. Was ists denn mit dem Furche-Verlag? Hättest Du doch lieber Deine Kräfte geschont! Aber ich begreife auch wieder, daß man die Arbeit braucht, um die Gedanken von der Gegenwart abzulenken. Es ist ja darin auch das einzig Produktive, das irgendwie eine Besserung anbahnen kann. Und das ist meine ganze Hoffnung, daß Du auf diesem Wege für unser armes Deutschland vorangehst und Erfolg hast, nicht "Schüler" sondern Nachfolger findest! Du lobtest an Jaspers, daß er als letzten Halt das Religiöse hervorhebe – wer wirkt dann aber so dafür wie Du durch Schrift und Person? Noch viel hätte ich in diesem Zusammenhang zu fragen und habe Verlangen nach persönlichem Austausch. Aber dieser Brief soll endlich fort und Dir sagen, wie ich beständig in Gedanken bei Dir bin.
Ich grüße Dich herzlich und die beiden Andern auch!
In Treue immer
Deine
Käthe.

[li. Rand s. 4] Den Schuhschein habe ich natürlich nicht bekommen. Soll den Antrag in 4 Wochen wiederholen!!