Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. April 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. April 1948.
Mein geliebtes Herz!
Es liegt mir beständig im Sinn, ob nun Hermann inzwischen die Abhandlung über " Schillers Geistesart" an Dich geschickt hat? Ich bin überzeugt, daß er sie mitgenommen hat, denn es ist mir wieder in die Erinnerung gekommen, daß er sagte, er sei mit dem Lesen noch nicht fertig. Er hatte das Heft mit in der "Unterwelt", und dadurch kam es mir aus den Augen. Und es ist jetzt immer so, was mir nicht gerade sichtbar ist, kommt mir aus dem Gedächtnis, wenigstens aus dem augenblicklichen Bewußtsein. Und dann hebt das Suchen und Besinnen an, worüber soviel nutzlose Zeit vergeht und die Nerven in unnötige Spannung geraten. Das merke ich auch jetzt an unruhigen Träumen. Es quält mich, daß ich gerade dann, wenn Du einmal etwas von mir haben möchtest, so versage. –
Heute war ein ganz herrlicher Sonntag, den Ihr hoffentlich zu einem erfreulichen Ausflug benutzen konntet. Ich bin den ganzen Tag nicht aus
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| meinem Zimmer gekommen, aber ich hatte es behaglich geheizt. Schon um der nassen Ecke willen muß das sein, denn die ist seit über einer Woche schlimmer als je. Es soll vom Nachbarhaus kommen, und bei der Lahmheit der betreffenden Eigentümer bei uns und dort, sowie der Langsamkeit der Handwerker ist das eine trübe Angelegenheit. – Nicht einmal auf dem Balkon sonnen konnte ich mich, da Sonntags die Geschwister Nitsche mit Recht Gebrauch davon machen. – Aber vorige Woche war ich mit Frl. Seidel per Bahn bis Schriesheim und dann zu Fuß in dem uns von jenem ersten gemeinsamen Weg liebe Tal bis zum Sanatorium Stammheim, wo eine Angestellte der Augenklinik zur Kur ist. Es war ein schöner Weg durch lauter blühende Bäume, aber noch schöner war es mit Frl. Mathy am Dienstag zu Fuß von Handschuhsheim nach Dossenheim, dort in einem hübschen Gasthaus nach Landesart Kaffee und Brot, dann weiter den üblichen Blütenweg am Bergabhang nach der Strahlenburg, dort auf der schönen Terrasse einen hellen Saft (sprich: Bier!) und dann in 12 Minuten eilends in das Bimmelbähnchen. Da habe ich mal
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| wieder ein gesundes Herz bewiesen. Ich dachte mit Vergnügen daran, wie Du sagst, daß ich das Rennen bekomme, wenn ein Bahnhof in der Nähe ist. Es ist mir glänzend bekommen und der Eindruck des blühenden Frühlings ist noch heute wach in mir. Auch einige schöne Abendbeleuchtungen hatten wir. Sahst Du wohl zufällig den neuen Mond und darüber direkt den herrlichen Planet, ob Jupiter oder Venus, weiß man nicht genau! Mir ist das erstere wahrscheinlicher.
Von Matussek habe ich, seit er bei Dir war, noch nichts gesehen. Nur der Bruder war bei mir, und sagte, der andere sei sehr abgespannt von der Reise gekommen und liege zu Bett.x [li. Rand] x Aber er stand dazwischen auf, um ins Kino zu gehen!! Ich habe immer Freude am Besuch dieses jüngeren Bruders. Er erzählte auch von einer Predigt eines Dominikaners auf dem Wilhelmsplatz in Heidelberg. Er habe gesagt, nur das Christentum könne aus dieser Not helfen, nicht die Kirche, sondern jeder Einzelne in sich müsse zu christlichem Sinn zurückfinden. Die Predigt sei vorzüglich gewesen, sowohl inhaltlich als rhetorisch, sehr packend. – Ich bin sehr gespannt auf Deine beab
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|sichtigte Auseinandersetzung mit der Evangelischen Kirche. – Frau Buttmi ist weiter mit Freude bei ihren Religionsstunden und weckt sicherlich offnen Sinn. –  – Der "kleine Matussek" ist offenbar im Augenblick mit Glaubensschwierigkeiten im Kampfe. Er kommt immer auf derartige Dinge zu sprechen, und es scheint ihm eine Diskussion mit mir erwünscht. Öfters kann ich ihn unmittelbar auf Stellen in Deinen Schriften verweisen, die er ja auch kennt, aber die dann in neuen Zusammenhang treten. –  – Also für Amerika soll die Magie übersetzt werden! Ist sie für dort nicht zu schweres Geschütz? Sind sie dort nicht mehr fürs Gesundbeten?
Ich denke Deiner bei diesem neuen Semesteranfang. Möchtest Du Freude an der Hörerschaft haben, die Dir die Arbeit erleichtert. Ich wüßte gern Zeit und Thema der Vorlesungen, wenns Dir nicht zu mühsam ist, mir mitzuteilen. Und noch eine Bitte habe ich. Bei dem verzweifelten Suchen nach dem Schillerheft, sind mir die Briefe von Dir an Onkel Ernst in die Hand gekommen. Willst Du die nicht jetzt wieder haben? Aber darf ich die wohl vorher lesen?
Jetzt will ich, (es ist 9 Uhr nach der neuen Sommerzeit) diesen Zettel noch zur Post bringen, damit er bald bei Dir ist und Dir innige Grüße bringt. Grüße auch Susanne und Ida herzlich. Hoffentlich hat der neue Student seine <li. Rand> Grippe für sich behalten und Ihr seid alle gesund. In stetem Gedenken
Deine Käthe.