Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. April 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. April 1948
Mein geliebtes Herz!
Jetzt muß ich wohl die Hoffnung aufgeben, das Heft wiederzufinden, wenigstens weiß ich nun nicht mehr, wo ich noch suchen oder nachforschen könnte. Du wirst gewiß in der Stille über mich verstimmt sein, daß ich diese wertvolle Abhandlung nicht besser gehütet habe, aber es ist auch mir selbst ganz unbegreiflich, wo sie geblieben sein kann. Denn Dr. Matussek kann mir bestätigen, daß ich wie ein Drache jede Schrift von Dir hüte, und nur verleihe, was ich etwa doppelt habe. Am Montag schrieb Hermann, daß er sie nicht hat; der Schreck fuhr mir so in die Glieder, daß ich ganz elend wurde, denn ich hatte so sicher mit dieser Möglichkeit gerechnet. Seitdem habe ich auch jede Unwahrscheinlichkeit durchforscht, habe meinen Kopf zermartert, wo ich das Heft wohl zuletzt mit Sicherheit sah und komme zu keinem tröstlichen Resultat. Nur der leere Umschlag, in dem es s. Z. kam und in dem es noch lag, als ich es aus dem Schrank holte, ist auf dem Tischchen am
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| grünen Lehnstuhl und kommt mir vor wie ein Hohn für meine Ratlosigkeit. Es ist ja nichts Seltenes, daß mir die Dinge unter den Fingern verloren gehen, teils ist das erschreckend schlechte Gedächtnis schuld, teils die Enge, die mich nötigt, die Dinge immer irgendwie unterzustecken. Denn früher hatte alles seinen gewohnten Platz in meiner kleinen Wohnung, hier aber drängt immer eins das andere weg. Mit der Alltäglichkeit dieses Zustandes habe ich mich sonst abgefunden und warte, bis das Gesuchte von selbst wieder zum Vorschein kommt; daß es aber etwas so Kostbares und Unersetzliches betrifft wie diesmal, ist eine Grausamkeit, die mich doppelt quält, weil sie nun Dich mitbetrifft. Kannst Du Dir denn das Heft sonst irgendwo beschaffen? Wie gern ich es Dir geschickt hätte, wirst Du Dir denken können und mein erster Brief zeigte Dir, wie unvermutet mich das Vermissen traf. Ich hätte es wohl noch länger nicht bemerkt ohne Deine Frage danach. Und ich hüte doch sonst jede Schriftsache von Dir so sorglich vom ersten Heft – (dem "Hutten") – an und glaube nicht, daß je etwas abhanden kam.
Nur die erste Karte aus Ketsch blieb in dem ausgeraubten Luftschutzkeller in Leimen, den mir
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| die Hanne Hecht so fast zwangsweise empfahl, aus dem ich aber sonst alle [über der Zeile] Deine Briefe zurückbekam. Wenn mir doch auch diesmal das Glück günstig wäre!
Du wirst mehr als genug an diesem Erguß der Klage und Anklage haben. Aber Du wirst begreifen, daß es mich unausgesetzt beschäftigt, vom Wachwerden bis zum Einschlafen! Was gäbe ich nicht von sonst mir lieben Sachen für dieses Eine!
Erfreuliches zu erzählen habe ich leider nichts, da alles im Schatten dieser Stimmung stand! Die beiden Brüder waren gestern abend mal wieder zusammen da und das hat mir eine gewisse Ablenkung gebracht. Morgens war ich voll Entrüstung auf dem Wirtschaftsamt gewesen, denn am letzten Paar tragbarer Schuhe sind nun auch die Sohlen entzwei. Aber man bekommt nichts als die üblichen Redensarten! Auch Hermanns sind immer noch in ihrer Dachkammer, ohne Zuzugsgenehmigung und Zimmer! Auch sonst hört man immer so viel Trauriges, daß man schwer zum Aufatmen kommt, und alle stehen unter dem Druck der ungewissen Lage. Da ist es gut, wenn man Arbeit hat. Dafür sorgt die Tücke des
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| Objekts immer auch noch neben dem Laufenden. So habe ich mir an einem vorstehenden Nagel in mein graues Kleid ein böses Dreieck gerissen, das ich recht mühsam mit eigenen Haaren stopfen mußte. So sieht man es am wenigsten!
Es ist hübsch, daß man jetzt wieder so viel die alten Volks- und Kinderlieder singen hört, vor allem, daß "alle Vögel schon da sind". Eben wird es auch auf dem Klavier geübt. An die Straßengeräusche habe ich mich doch hier allmälig gewöhnt, nur das Gegenüber mit dem lauten Radio bei offenem Fenster fürchte ich.
Von der Obstblüte stehen jetzt nur noch die schönsten, die zartrosa Apfelblüten bevor. Und das Wetter ist schon fast sommerlich. Wenn Du von Euren Ausflügen schreibst, verfolge ichs immer mit Karte und Kursbuch, um mir ein wenig Bild davon zu machen und den Bericht Deiner Eindrücke mir durch geographische Lage und eigene Tübinger Erinnerung zu ergänzen.
Mir persönlich ist alle Unternehmungslust durch das vergebliche Suchen vergangen. Laß mich [über der Zeile] womöglich recht bald wissen, ob Du Nachsicht und ein wenig Mitgefühl mit mir hast? Ich fühle mich sehr untüchtig. Aber ich grüße Dich und denke Deiner immer mit derselben Innigkeit. – Grüße auch Susanne herzlich, <li. Rand> und desgleichen Ida. Laßt es Euch gut gehen in diesen sonnigen <Kopf> Frühlingstagen. Deine Käthe.