Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2./3. Mai 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Mai 1948.
Sonntag.
Mein liebes Herz!
Heute habe ich etwas Erfreuliches erlebt: da man Lehrer in der Woche nur stört, versuchte ich, Prof. Durand's am Nachmittag aufzusuchen und traf wirklich das Ehepaar zu Haus. Es war eine sehr angenehme Begegnung, die mir entschiedenen Gewinn für die Zukunft verspricht. Er ist ein verständnisvoller Kenner Deiner Schriften und gab mir auch ein Heft der Universitas (Jg. 3,1) zum Lesen mit, das ihn gerade beschäftigt hatte, in dem ein feiner Aufsatz von Dr. Carl Augstein über die "Magie" steht. – (Wie ich sehe, ist da auch ein Beitrag von Oesterreich) Auch von Jaspers sprachen sie, und daß man hier bedauert, nicht Dich als Nachfolger zu bekommen.
Unterdessen höre ich von Dir, welch enorme Arbeit wieder in Tübingen von Dir verlangt wird. Ist denn in jedem Semester solch eine Flut von Examenskandidaten? In Leipzig brachte das wenigstens pro Mann 10 M ein! – Wie sehr eigentlich von je die Arbeit als ein erdrückender Berg vor Dir stand, sah ich recht eigentlich aus den Briefen an Onkel Ernst. Und ich erinnere mich
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| von damaliger Zeit, wie Du mir eine Beethoven-Sonate vorspieltest und fragtest, was das sei? Es war "Die Jagd", ich aber hatte das Gefühl: so ist das Leben. Schon damals war es das Tempo, so wie gehetzt, das für mich von Dir ausstrahlte. Und es berührte mich eigen und wie ein Geschenk, zu lesen, daß Du an mir Harmonie und Ruhe fandest. Du fand[über der Zeile] est wohl bei mir die stille Seelenbereitschaft, Deinen Ungestüm aufzunehmen und ausklingen zu lassen. Darum fühle ich es ja auch so genau, wenn dieser Einklang sich nicht einstellt. Daß wir ihn von je im Überzeitlichen suchten, gibt unsrer Gemeinschaft ihre Dauer und Tiefe. Aber sie möchte sich auch im Sichtbaren brauchbar erweisen, und das Versagen schmerzt. Das gibt dem Verlust Deiner Schillerschrift für mich den besonders starken Stachel. Ich habe aufgehört zu suchen, und gebe mich keiner Hoffnung auf Wiederfinden hin. Denn jede Möglichkeit, an die ich dachte, hatte ich mit solcher Intensität festgehalten, daß die Enttäuschung ein neuer Verlust war. Sehr dankbar bin ich Dir, daß Du mir keine Vorwürfe darüber machst, denn das tue ich selbst sehr gründlich. – Deine Bemerkung, daß
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| ich einen ganzen Stoß Akademieabhandlungen haben müsse, hat mich veranlaßt, auf dem Boden eine kleinere Holzkiste zu öffnen, die dort seit dem Umzug noch unberührt stand. Da lag nun wirklich eine ganze Reihe dieser gelben Hefte. Es ist mir eben durch die Vertreibung aus der früheren Ordnung und durch die Hilfe anderer bei dieser gewaltsamen Veränderung Zusammenhang und Beherrschung des gewohnten Besitzes gestört. Ich hoffe zwar, wieder einigermaßen damit zurecht zu kommen, da sich einiges in den äußeren Lebensbedingungen bessert, aber es wäre mir doch lieb, wenn ich möglichst viel von der Verantwortung für die wichtigen, besonders die Dir wichtigen Dinge abgeben könnte. Etwas hatte ich in dieser Richtung schon länger fragen wollen. 1. Habe ich 2 Exemplare der ursprünglichen, kleinen "Lebensformen". 2. Habe ich nach Aennes Tode eine Anzahl Deiner frühen Veröffentlichungen zurückerhalten, und wenn Dir etwas davon fehlt, aber wichtig ist, würde ich Dirs gern schicken. Sonst ist mir auch manches davon lieb, zu verschenken, weil ich immer gern etwas von Dir in geeignete Hände gebe.
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Gedeiht die Korrespondenz mit Frau Morgan wegen der Übersetzung der Magie? Ich denke mir, in Amerika hat man mit der ursprünglichen Magie noch einen Gewissen Konnex im "Gesundbeten". – Eine Schrift von Hartlaub im "Kunstspiegel" über "Alchemisten und Rosenkreuzer" die mir Frau Buttmi nachträglich zum Geburtstag schenkte, habe ich mit Interesse gelesen, wenn sie auch mit der religiösen Kraft der Magie wenig Berührung hat.
Nun möchte ich zum Schluß aber nur noch berichten, auf welche Art ich hoffe, etwas Kraft frei zu bekommen, um manches Notwendige, das immer liegen blieb, zu erledigen. Erstlich ist da die wöchentliche nette Flüchtlingsfrau, die ich immer mit Freude kommen sehe, und an der ich hoffe, keine Enttäuschung erleben zu müssen. Und dann werde ich für den Mai an einer Gemeinschaftsküche teilnehmen, die vom Ev. Hilfswerk für "Betagte" ausgeht. Mehrere Bekannte aus unsern Kreisen bekamen das schon und ich glaube, es ist kein Mißbrauch meinerseits. Man gibt ein wenig Marken und 8 M. für den Monat bei 5 Mittagessen in der Woche. Es soll wirklich recht gut sein, und welche Wohltat, so viel Zeit und Mühe zu sparen! –  — Auch das wertvolle Päckchen von Susanne war eine Wohltat, worüber ich ihr noch selbst schreiben und danken werde. "Einstweilen" <li. Rand> bestelle das, bitte, mit herzlichsten Grüßen, auch an Ida. Und sei selbst innig gegrüßt <Kopf> mit allen guten Wünschen für Deine Gesundheit
von Deiner Käthe.
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3.V.48
Prof. Durand ist gerade mit Deinen "Gedanken über Lehrerbildung" beschäftigt. Vielleicht würde er von den doppelten Exemplaren gern einiges lesen. Im Hauptamt ist er Direktor des Mädchenlyceum mit Realgymn. Aufbau, wo "Gunhild" Buttmi jetzt das beste Examen machte. Er ist ein sehr anregender Lehrer und hält eben auch Vorlesungen an d. Universität für Lehrer. – Offenbar würde er gern Deine Ansichten genau kennen, und meinte, Du seiest entschieden "führend". – Das scheinen ja auch andere zu denken nach all den Bemerkungen, zu
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| denen du immer genötigt wirst!!
Von Kohlers sind beide ebenso angetan, wie diese umgekehrt von ihnen. Dieser Freundschaft verdanke ich jetzt diese neue und wertvolle Beziehung.
Wie lange wird noch diese Stille vor dem Sturm anhalten? – Im übrigen ist seit heute Nordwind und Regen.

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<Anlage: 2 Zettel>
1. Deutsche Schule No 10.   1917 Luther
2. Schule u. Lehrerschaft 1813/1913 Rede im Leipziger Lehrerverein
3. Historische Vierteljahrschrift über Hinneberg  Kultur der Gegenwart
4. Pädagogische Blätter 44 Jgg.   11. u. 12. H. 25 Jahre deutscher Erziehungspolitik
5. Idee einer Hochschule für Frauen etc.   1916
6. Über den Beruf unsrer Zeit zur Universitätsgründung in "Die Geisteswissenschaften"
7. Denkschrift über die Fortbildung der höheren Lehrer. Monatsschrift f. höhere Schulen.
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8. Gesammelte Pädagog Abhandlungen von Fr. Paulsen   1912
9. Die Propyläen No 88   1. Jahrg. Die Phantasie.
10. Rede für den Fröbelverband  Die Erziehung der Frau zur Erzieherin.
11. Referat in Philosoph. Wochenschrift Bd. 2   No 7.  über Dr. Petsch  Goethe u. Schiller-Studien.
12. Päd. Archiv  1913 Heft 7/8 Adolf Matthias.
13. Geist der Zeit  Goethe, Resultate des Lebens