Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Mai 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Mai 1948.
Mein liebes Herz!
Gestern war der 77. Hochzeitstag meiner Eltern, was ich nur weiß durch die Inschrift auf einem hübschen Kaffeebrett, das ich dieser Tage mehrfach in Gebrauch hatte. Denn ich habe nun endlich verschiedene gute Freunde bei mir gesehen, die mich schon häufig zu sich eingeladen hatten. Und wenn es auch nicht in genauer Abwechslung geht, so möchte ich doch wenigstens hin und wieder den guten Willen zeigen. Bei meiner großen Langsamkeit nimmt aber solch "Ereignis" viel Zeit und Gedanken in Anspruch; da empfand ich die wohltuende Entlastung durch das fertige Mittagessen besonders wohltuend angenehm.
Jetzt ist es nun Zeit zur Eile, wenn Dich mein Gruß noch zum Pfingstfest erreichen soll. Heut nacht habe ich mal wieder sehr lebhaft und deutlich von Dir geträumt. Aber es war nicht ganz ungetrübt und ich will nur hoffen, daß es Dir gesundheitlich gut geht! –  – Erzählen will ich Dir nur noch rasch, wer meine Besucher waren; einmal Frau Buttmi und Gundel, einmal Frau Frobenius und ihre Mutter, und zuletzt Frau Heinrich u. Schwester.
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| Es war jedesmal hübsch und befriedigend, nur mit dem selbstgebackenen Kuchen war ich gerade bei der verwöhnten Frau Frobenius nicht zufrieden.
Gestern abend waren dann mal wieder die Brüder Matussek da, die aber mit einer Tasse Eszetta abgefunden wurden. Außerdem verlangen sie immer nach frischem Wasser und rauchen kräftig dazu. Die Unterhaltung drehte sich diesmal – sie waren nicht viel über eine Stunde da – um allerlei medizinische Möglichkeiten. Denn ich habe augenblicklich, dank der vorteilhaften Lage von Heidelberg, so ein wenig Vermittlungsbüro, wie Du im großen Stil. Das "I" schreibt wegen Zulassung zur Universität für eine junge Bekannte, und Cläre Fürst Fuerst wegen einer ärztlichen Betätigung an einer Nervenklinik. Für beides bekam ich gute sachliche Auskunft durch Dr. M. – Den Brief von Ila werde ich Dir wegen seiner unverkennbar pathologischen und für sie charakteristischen Art nächstens mal mitschicken. –
Ich selbst war auch oft recht geistig unfähig, schlief am hellen Tage ein, und konnte wenig lesen. Hauptsächlich beschäftigt hat mich das Heft des "Uni
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|versitas", das mir Prof. Durand geliehen hat und für das Du auch s. Z. den Aufsatz über Geistesgeschichte und Politik schriebst. (Dies hier ist Heft 3,1) Mit einem wahren Schock der Empörung las ich aber in diesem Heft den gemeinen, hinterhältigen Ausfall von "Theodor" Oesterreich gegen die Magie! Ich las es immer wieder in der Meinung, es müsse sich doch eine irgendwie sachliche und anständige Erklärung für diese krasse Äußerung von Neid und Mißgunst finden lassen. Aber ich sehe nur immer wieder das eigentümlich grinsende, maskenartige Gesicht vor mir, das er bei meinem Besuch im August hatte. – Umso tiefer wirkt das feinfühlige Verständnis von Dr. Carl Augstein, das mir Prof. D. mitgab. – Das ganze Heft bis auf jenen Schandfleck ist mir sehr interessant gewesen, besonders auch Burghard Breitner, Ethos des Arztes. Während ich mit der "Liturgie" nichts anzufangen wußte, die wohl im Protestantismus zur leeren Form geworden ist. Unter den Anzeigen fand ich die Namen von Arnold Bork und Hellmut Kittel, die mir Erinnerung weckten.
Obgleich ich seit Monaten an niemand schrieb,
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| als an Dich und ganz selten an Hermann und Aenne, gibt es doch allerlei treue Seelen, die mir Nachricht zukommen lassen, so z. B. Mädi, trotz ihrer vielen Arbeit für Mann und Kinder. Leider schimmern auch da meist Sorgen durch. Nicht pekuniär, aber gesundheitlich. – Und wohin kann man eigentlich ohne Sorge denken! Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß man von einem schweren Schicksal hört.
Da wandern die Gedanken gern zu irgend einem Lichtpunkt, z. B. Deinem Plan für Mainz. Möge es sich alles günstig fügen. Und täglich denke ich Deiner großen erfolgreichen Arbeit, die deutsches Leben über diese Zeit der Zerstörung hinüber rettet. Und meine treuen Wünsche für Gesundheit und Befriedigung geleiten Dich stündlich.
Verzeih diesen Brief seine Unzulänglichkeit. Teils ist es die schlechte Feder, teils der hohle Kopf schuld daran. Auch die dauernde Gewitterstimmung drückte sehr, und auch mein Zimmer behält dabei die nasse Ecke, trotz häufiger Reparaturen des Klempners. Der Dank an Susanne soll bald noch zu Papier kommen, heut sage ihr das bitte, noch einmal mit herzlichen Grüßen. Auch Ida grüße ich vielmals, und wie immer ist Gedanken auch im Geist des Pfingstfestes bei Dir
Deine Käthe.