Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. Mai 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Mai 1948
Mein liebes Herz!
Ein wundervoll sonniger Tag folgt dem andern, aber die ewig unzufriedenen Menschen verlangen nach Regen, denn es macht sich bereits eine große Trockenheit bemerklich. So ist und bleibt bei uns notgedrungen der Gedanke der Ernährung der herrschende. Mir ist diese Frage im Augenblick so angenehm erleichtert durch den Mittagszusatz vom evangelischen Hilfswerk, der immer am Freitag seinen Höhepunkt hat mit vorzüglichem Gebäck von schneeweißem Mehl. Die Hoffnung auf Ersparung von Zeit und Kraft hat sich aber nur teilweise erfüllt, da in der vorigen Woche die Beförderung von der Küche zur Ausgabenstelle versagte und wir in dem Lokal stundenlang beim Abholen warten mußten. Das ermüdet furchtbar, und ich hätte fast lieber verzichtet. Überhaupt ist in mir eine solche Müdigkeit, daß ich zu jeder Tageszeit einschlafen könnte.
Dabei habe ich doch überhaupt nichts zu leisten, und ich komme mit dem Aufarbeiten der rückständigen Flickereien und vor allem der Briefschulden nicht so schnell vorwärts, wie ich möchte. Dazwischen ist auch mancher Weg in die Stadt zu
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| Besorgungen und zu Besuchen nötig. Alle Welt wird eben krank. Frl. Héraucourt ist ernstlich herzkrank, und die Mutter ist verreist, da kann ich hie und da ein wenig helfen. Frl. Kölle besuche ich seltener, und jetzt ist noch Rösel Hechts Schwester Cläre Wendling am Kropf operiert, die auch als dritte herzkrank ist. Überall versagt die Kraft bei dem Notstand der Zeit.
Mir aber geht es eigentlich unverdient gut. Nur empfinde ich täglich den großen Mangel an Geistesgegenwart und Gedächtnis. Da hilft alles Zusammennehmen nicht. Es ist ein quälendes Versagen. Frl. Dr. Clauß ist mit dem äußeren Befund so zufrieden, daß sie sagte: "mich könne man ausstellen" – aber der Augenschein trügt Sie hat aber wieder den Krankenzusatz aufgeschrieben. Hoffentlich wird er bewilligt. – Um mit dem vielen Reden von mir selbst endlich fertig zu werden, will ich aber noch hinzufügen, daß ich jetzt ein Paar neue Schuhe habe! Es ist mir zwar nicht klar, ob ich klug gekauft habe. Ich lasse mich so leicht verblüffen und die Verkäuferin redete mir so gut zu. Es sind solide Halbschuhe, angeblich kleinste Damennummer, aber reichlich lang und breit; doch sie sitzen bequem und das ist mir auch sehr wichtig. Elegant sind sie nicht!
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Daß Du eine Art Grippe gehabt hast, beschäftigt mich mit stiller Sorge. Hoffentlich hat das sonnige Wetter Dich rasch geheilt. Ich sehne mich nach der Nachricht darüber.
Von der Berufungssache höre ich hier nichts. Die Brüder Matussek waren am Mittwoch nicht bei mir, der Dr. ist zu einer Ärztetagung gereist. Er ist überhaupt viel unterwegs, auch nach Marbach zur kranken Schwester.
Von Prof. Durand hast Du wieder die richtige Witterung gehabt! Er ist so erfüllt von Deinen Schriften, daß er den dringenden Wunsch hat, Dich hierher für eine Lehrertagung zu gewinnen. Ich war einigermaßen erschrocken darüber, denn ich liebe Dein hiesiges Inkognito so sehr. Und dann finde ich, daß Heidelberg als geistige Gesamtheit es nicht um Dich verdient hat, wenigstens nicht die Universitätsstadt. Er ist aber so erfüllt von dem flachen und materiellen Geist des Lehrernachwuchses, daß er nach einer Erweckung durch Dich dringend verlangt und durch Dich erhofft. Ich habe nur zugesagt, Dir die Sache zu unterbreiten und falls Du nicht absolut ablehnend bist, will er Dir selber schreiben. – Rein sachlich und im Zusammenhang des Lebens betrachtet, ist es ja eine schöne Aufgabe und in Deiner Linie gelegen,
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| aber ich verstehe, daß Du es manchmal müde bist, immer wieder solche Sisyphusarbeit zu leisten, aber wie soll Deutschland wieder aufleben, wenn nicht gerade hier alles eingesetzt wird? Prof. D. setzt große Hoffnung darauf. Er hat die Seminaristen für das praktische Jahr vorzubereiten.
Sonst gibt es auch meinem Dasein nichts zu berichten. Zu einem abendlichen Ausgehen in Vorträge oder Conzerte, deren Anzeige mich öfters reizt, fehlt mir die Initiative. Und wenn ich bedenke, daß ich nicht mehr weit von 80 bin, finde ich das auch ganz natürlich. Es wird mir nur schwer, alt zu werden!
Und nun verzeih, bitte, die mancherlei Schönheitsfehler dieses Schreibens. Es gibt Dir ein Bild meiner schwachen Geistesverfassung, die eine Aufbesserung durch Dich sehr nötig hätte! – Erfreuliche Neuigkeit ist, daß das bescheidene aber saubere Gasthaus, wo das Essen ausgegeben wird, die "Rose" bei Vorbestellung Gäste aufnimmt für die Nacht. Es ist kaum 5 Minuten von uns aus. –
Doch nun will ich für heute nur noch innige Grüße hinzufügen und Dir weiter einen befriedigenden Semesterverlauf wünschen. Hoffentlich kommen die Carepakete pünktlich, daß auch die Kräfte Unterstützung haben. Wir sind eben mit <li. Rand> besserer Verpflegung bedacht. Die übliche Hefe und Glimmstengel kommen auch.
<Kopf>
Grüße an Susanne und Ida, Dir alles Liebe von
Deiner Käthe.

[li. Rand S. 1] Rate doch Prof. Krüger von dem Heidelberger Klima ab!

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Ich mache den Brief noch einmal auf, weil ich natürlich allerlei Wichtiges vergessen habe. So wollte ich vor allem sagen, daß Du ja Deine Erlebnisse von der Abdrosselung der Berliner Universität aufschreiben möchtest. Darüber wissen nur Wenige etwas Genaueres. – Dann wollte ich fragen, ob die Zeichnungen von Halbritter vervielfältigt werden? Wenn Dein Porträt so gut ist, würde ich es schrecklich gern sehen. – Und wie wurde es mit Sigmaringen?
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Ich lese eben als Gegengewicht zu den vielen trüben Eindrücken mal wieder den unverwüstlich heiteren "lieben Augustin". –  – Eine ganz traurige Sache ist in unsrer nächsten Nähe die Gemütserkrankung der Frau Dr. Hoffmann, Schwester von Dr. Drechsler. Die andere Schwester, Nitsche, hat sich s. Z. das Leben genommen. Diese hier hat ein böses Hautleiden, und wird zusehends schwer melancholisch.
Dr. Drechsler war heute hier, wird in der nächsten Woche in Karlsruhe eine eigene Wohnung erhalten und dazu seine hiesigen Möbel abholen.