Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Juni 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Juni 1948.
Mein liebes Herz,
nun will ich endlich doch die Briefe abschicken, die mir so lebhaft die Vergangenheit heraufbeschworen haben. Ich erinnere mich noch so gut an jenen ersten Besuch mit Dir bei dem feinen gütigen alten Herren und dann an unser Beisammensein in Potsdam, durch das Du seine Geburtstagsfeier versäumtest. Und ich habe durch diese Briefe so recht deutlich empfunden, wie wertvoll für Dich die ruhige, stille Art dieses Wahl-Onkels war. In das Päckchen vom 2.6. wollte ich dieses Dokument aus Deiner Jugendzeit nicht einlegen, weil man immer etwas besorgt ist wegen der Sicherheit der Sendungen. Aber ich hoffe trotzdem, daß alles heil angekommen ist. –  – Umgekehrt ist nun schon wieder ein so reichhaltiges Paket bei mir eingetroffen, daß ich ganz bedrückt von dem Reichtum bin, den Ihr an mich verschwendet. Möchte es doch wirklich nur ein leicht entbehrlicher Überschuß der Sendungen sein, die Euch zuteil werden. Ich hatte mir manchmal Gedanken
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| gemacht, ob die auswärtige Hülfe auch pünktlich bei Euch weiter eintrifft? Aber ich mochte nicht fragen, weil das wie ein Wink mit dem Zaunpfahl aussehen konnte, und abgesehen davon, daß ich wirklich auskömmlich versorgt bin durch den Krankenzusatz, würde ich in einem Notfall lieber eine direkte Bitte aussprechen, als eine verschämte Andeutung! Das möchte ich gern für alle Fälle betonen, und außerdem für die gegenwärtige reiche Gabe von Herzen danken. Von den früheren Sendungen habe ich immer noch einen eisernen Bestand, der nun in den täglichen Gebrauch einrückt, und ich komme mir ganz unverdient üppig versorgt vor.
Meine Tage stehen im Zeichen der Augenklinik, so auch heute, am Sonntag. Es handelt sich um ein eiliges Bild eines Augenhintergrundes. Anschließend gibt es noch mikroskopische Zeichnungen. – Gestern hatte ich aber Hausarbeit, leider nicht so erfolgreich wie ich gehofft hatte. In der regenlosen Zeit war die Zimmerecke so gut getrocknet, daß ich – nach gründlicher Reinigung durch die nette Frau aus
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| dem Osten – wieder das Büchergestell an die Wand rücken und die verlagerten Bücher darauf stellen wollte. Bei näherer Betrachtung aber ist die Wand noch so naß und schimmelig, daß ich statt dessen das Gestell ganz fortrücken und vor das Fenster stellen mußte. Denn sonst gingen die Bücher einfach kaputt. So wird es im Zimmer statt besser, immer ungemütlicher. Überhaupt – diese Straße! Bei gutem Wetter ist da ein Kinderlärm nicht zum Aushalten. Und eine Frauenstimme [über der Zeile] übt wimmernd im höchsten Diskant, bisweilen abgelöst von jemand der in verständnisloser und unbarmherziger Weise das Klavier "schlägt". Sowohl vorn gegenüber, als auch auf der Balkonseite gibt es ein baby, das stundenlang unermüdlich brüllt, kurz, es ist manchmal zum Verzweifeln.
– Die neuen Schuhe habe ich noch nicht den Mut anzuziehen, denn eigentlich sind sie wie für meine große Schwester, 2 cm zu lang! Richtige Quadratlatschen, sagt der Berliner. Aber es gab keine Auswahl. Und: Strümpfe hieß es: erst muß ich einen "Kaufnachweis" bringen! So ist das Leben eine fortgesetzte Schikane.
Aber das sind so die Randverzierungen. Und ich weiß ja, daß es mir immer noch viel besser geht,
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| als manche Anderem. Vor allem bin ich gesund und kann noch arbeiten. Hanne Heraucourt dagegen ist sehr krank. Das Herz will nicht mehr und sie sieht aus wie ein Geist, obgleich sie fest zu Bett liegt. Am Donnerstag soll sie ins Josephhaus in ständige Behandlung kommen.
Von Tutzing hörte ich, daß Dieter jetzt als Assistent in Bethel ist. Das ist mir eine rechte Beruhigung.
Den Prof. Durand habe ich noch nicht wieder gesehen. Ich dachte eigentlich, er würde mal mit vorbeikommen, wie er mir angekündigt hatte. [über der Zeile] Darum hatte ich heut nach Möglichkeit Ordnung gehalten. Aber es war vergebens, daß ich das Bett in der Truhe verstaute!! –
Gestern, als die Putzfrau fort war, habe ich gegen Abend über 2 Stunden geschlafen, denn ich war am Rande meiner Kräfte. Es ist so ärgerlich, wenn alles Ungewöhnliche gleich über die Kraft geht. Und dann denke ich immer, wie wenig Leistung ich dafür zu bieten habe. Und Du dagegen mußt beständig die äußerste Energie einsetzen, aber Du siehst auch den Erfolg. Das wirkt dann tröstlich. Aber ich möchte doch sehr gern, Du könntest einmal das Tempo so weit mäßigen, daß Du Dich nicht so gehetzt fühltest. Und meine innigen Wünsche möchten Dir über aller Hast des Lebens doch ein Gefühl der Ruhe in überlegener Sicherheit zaubern können. Ich grüße <li. Rand> Dich von Herzen und hoffe auf gute Nachricht von Dir. Grüße auch an Susanne und Ida.
<Kopf>
Immer
Deine Käthe.