Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. Juni 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14.[unter der Zeile] /15. Juni 1948.
Mein liebes Herz,
ist dieses Sommerwetter nach Deinem Sinn? Habt Ihr wenigstens noch kühle Nächte? Konntet Ihr gestern einen Sonntagsausflug in den Wald machen? –  – So möchte ich noch mancherlei fragen, und von Deinem Ergehen hören. Unterdessen habe ich hier Durand gesprochen und ihm Deine Ansicht über die Angelegenheit mitgeteilt, vielleicht bekamst Du schon von ihm direkt einen Brief. Für mich ist die Aussicht auf solch berufliche Aufgabe hier für Dich keine unbedingte Freude, so sehr sie auch in den Zusammenhang Deines Lebens paßt. Für mich freilich wird dabei keine Zeit übrig bleiben.
Gestern früh holte ich mir im "Weißen Haus" einige sehr schöne Nelken zum Verschenken und so kam ich seit langer Zeit mal wieder früh morgens in die Natur. Wie sehnsüchtig machte mich das, dieses Wandern bergauf in der Morgenfrische. Dann ist mir immer besonders unsre Glanzleistung von Freudenstadt aus gegenwärtig, an Goethe's Geburtstag über RippoldsauWolfach. Wer das noch könnte! – Statt dessen steht man vor den Ladentüren "Schlange" und
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| kommt erschöpft nach Haus. Augenblicklich habe ich nun also für Prof. Schreck in der Klinik am Mikroskop zu zeichnen und will hoffen, daß es auch "lohnend" ist. Vielleicht dehnt es sich aus bis zur Währungsreform. Zum Glück sind die Herrn mit meinen Arbeiten durchweg sehr zufrieden. Und mir macht es Freude. Für meine Augen habe ich Tropfen, die gut zu wirken scheinen, so bin ich in der Richtung beruhigter. — Der Währungssache sieht alle Welt recht besorgt entgegen. Aber Dich möchte ich bitten, daß Du um meinetwillen Dir keine Sorge machst. Ich habe von einem "Sachverständigen", der in Frankfurt seine einschlägige Arbeit hat, gehört, daß man pro Person 50 M zur Verfügung bekommen werde. Und die Renten werden beibehalten. Ich bekomme ja pro Monat 37,20 M Altersrente. Also ganz mittellos werde ich nicht sein, und Du mußt doch erst selbst Klarheit haben, ehe Du selbstlos verschenkst. Habe aber innigen Dank für das liebe Anerbieten. Für diese Zeit der Unsicherheit bin ich überhaupt noch immer ausreichend versorgt mit kleinen Vorräten, teils vom Laufenden, teils durch Euch, sodaß ich auch tagelang ohne Geld existieren könnte.
Heut wird ein lebhafter Tag sein, und alles, was
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| aus dem täglichen Rahmen fällt, strengt mich mehr an als der Sache entspricht. Am Sonntag kam nämlich ein Telegramm, daß Irmgart Lehbert (Hermanns Älteste) mit ihrem Mann heut um 1,30° hier durchreisen wird. Da ist die Tageseinteilung schwierig, wenn ich nicht um das Mittagessen kommen will, denn ich muß vormittags zum Zeichnen in die Klinik, muß einkaufen hier im Dorf, muß kochen und plätten, wenn ich ein gewaschenes Kleid anziehen will!! So muß ich alles vor der Klinik fertig haben und von dort zur Bahn. Die Hauptsache ist aber bei allem, daß ich nichts Wesentliches vergesse.
Morgen kommen wieder abends Matusseks. Sie waren auch vorigen Mittwoch da, und der Dr. trug mir auf, Dir zu erklären, daß sein Plan mit Amerika den Sinn habe, daß dort für ihn Ausbildungsmöglichkeit wäre, die er hier nicht findet. Ob das unbedingt so ist, kann ja der Laie nicht beurteilen. Von seinem Wesen habe ich den Eindruck, daß [über der Zeile] er seine eigne Leistung und Möglichkeit sehr hoch anschlägt und von einer großen nervösen Unruhe beseelt ist. Ein Urteil habe ich über seine Fähigkeit natürlich garnicht. In seine Klinik ist vor wenigen Tagen Frau Dr. Hoffmann, geb. Drechsler gekommen, die mit
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| Mann und vier Kindern ganz in unsrer Nähe wohnt. Ich besuchte sie in letzter Zeit mehrmals, weil sie leidend ist, und hatte beim Letztenmal einen so trostlosen Eindruck, daß ich die Katastrophe voraussah, die in der nächsten Nacht auch eintrat. Zum Glück ist eine ältere Frau, eine tüchtige und gute Frau im Hause bei den Kindern. Der Mann ist immer nur übers Wochenende da. – Von meinen andern Patienten ist die eine, Frl. Koelle, die letzte im Haus Schoepffer, gestorben, und die andere, Hanna Herancourt, liegt schwer herzkrank zu Bett. –  – Am Sonntag war ich zum Kaffee bei einer ausgebommten Frau aus Bochum, die mit der Schwiegertochter und 2 Enkeln in der Von der Tannstraße wohnt. Es ist eine stille, sehr schwerhörige Frau, die ich in der "Rose" kennen lernte und die mir in ihrer Gelassenheit gefiel und leidtat. Die Kaffeestunde mit den Beiden aber war quälend und furchtbar anstrengend. Wir leben in einer zu verschiedenen Welt. –  –
Wohltuend ist meine Lektüre eben: Roseggers Waldschulmeister, als Gegensatz zu der Beschäftigung mit Kleist. Der Prinz v. H. und die Hermannschlacht wirken stark. Das Käthchen v. H. aber war mir, von Agnes Sorma gespielt ganz anders in der Erinnerung.
Doch nun will ich den gedrängten Tageslauf beginnen und Dir nur noch viele, viele innige Grüße <li. Rand> mitschicken, selbstverständlich grüße bitte auch die beiden Anderen! Ich hätte noch viel <Kopf> zu schreiben, aber Du keine Zeit zum Lesen! Drum lebewohl!
In treuer Liebe Deine Käthe.