Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Juni 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Juni 1948.
Mein liebes Herz!
Es gab hier eine ereignisreiche Woche, aber wenig Erfreuliches. Da war die Demonstration der Studenten und unmittelbar hinterher der Brand der Aula. [über der Zeile] Universität. Dann brach die Währungspanik aus und jetzt ist nun der Bescheid da, den ich trotz allem so vernichtend nicht erwartet hatte. Heute am Sonntag ist eine ziemlich gedämpfte Stimmung, nur hie und da schimmert ein Galgenhumor durch. Um die letzte Nutzbarkeit der alten Geldsorte noch auszunutzen, fuhr ich der Wäsche wegen nach dem Kaffee ins Neckartal und habe recht bewußt die Gegend noch einmal wieder genossen. Zu meiner Freude traf ich unterwegs den "kleinen" Matussek und wir machten zusammen den Rückweg zu Fuß von Schlierbach zum Karlstor. Als echter Berliner kennt er die einfachsten Blumen nicht und so haben wir am Wegrand ein wenig Botanik getrieben. – Heute morgen ging ich beim Milchholen an der Zahlstelle im Schulhaus vorbei und da
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| vor mir nur 4 Leute waren, tauschte ich meine 60 M auch gleich um. Es ist ein dürftiges, geschmackloses Geld, ein Sinnbild seiner lieblosen Bedeutung. Ebenso wie vor 2 Jahren bei der plötzlichen Vertreibung versuche ich, mich mit Fassung ins Unabänderliche zu schicken. Ich habe mich sogar gezwungen zu schlafen, denn was nützt das Grübeln. Der zuversichtliche Wille des jungen Matussek hat mir wohlgetan und meinen sträflichen Leichtsinn bestärkt. Und so hoffe ich auch, nach Möglichkeit Herr der Situation zu bleiben, obgleich ich eigentlich keine reelle Basis dafür sehe. Dankbar bin ich, daß ich noch immer Beschäftigung in der Augenklinik habe und also zu den 31,20 M Altersrente dazu verdiene. Hoffentlich hört das nicht bald auf. Seit dem Dezember habe ich nichts mehr von der Sparkasse holen müssen. Aber jetzt ist das natürlich alles Illusion, was ich noch an Bestand dort habe. Es hätte noch auf Jahre gereicht!
Das Wetter ist aprilmäßig, aber im Neckartal schien die Sonne. Mir ist es angenehm, daß die Gewitterschwüle vorbei ist. In Kirchheim hat mir
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| die gute Frau Steidel allerlei mitgegeben: Salat, einige junge Bohnen, eine Handvoll wunderschöne Johannisbeeren, und Blumen für Hanna Heraucourt. Die Mutter war heute zu Tisch bei mir, es gab grüne Erbsen und einen Eierkuchen, vorher Suppe, nachher die eingezuckerten Beeren und es war ein nettes Beisammensein. Von hier ging Frau Pfarrer dann ins Josephshaus, wo die Tochter jetzt (in Behandlung bei Prof. Oehme) liegt. Die Diagnose lautet jetzt: Herzneurose. – Auch meine Waschfrau ist herzkrank – kurz, es gibt nur Kranke, wohin man sieht. Da ist es beinah wie wie ein unberechtigter Anspruch, wenn man seine Gesundheit erhalten möchte, und ich empfinde es fast wie vorwurfsvolles Erstaunen, wenn mir die Leute mein gutes Aussehen rühmen. Ganz gewiß aber entspricht meine Leistung nicht dem Befinden. Das kommt von einer lähmenden Kopfmüdigkeit. – Nitsches haben Küche und das große Zimmer malen lassen; das war auch für mich viel Schmutz und Ungemütlichkeit. Jetzt will Trudel auch womöglich mein Geschirr möglichst aus der Küche verdrängen, das ich solange auch noch im Zimmer aufheben mußte. Ich will aber sehen, daß ich es auf gute Art wieder rausbringe.
Das nächstemal ist nun der Geburtstagsbrief an der Reihe. Werden sie Dich auch hübsch feiern? Wie stehen
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| denn die Sachen mit der Berufung von Krüger? Hier verlautet garnichts, nachdem anfangs eine baldige Entscheidung verkündigt war.
Von Tutzing habe ich länger nichts gehört. Das Briefschreiben wird durch die Kosten noch mehr gehemmt werden. Und meine Briefe waren ohnehin schon das frühere Porto nicht wert! Nimm sie als Ausdruck meines steten, liebevollen Gedenkens freundlich auf, geliebter Freund, und denke nicht, daß sie eine Antwort fordern. Nicht das kleinste Angebinde werde ich zum 27. für Dich haben, und jetzt noch weniger, seit die Entwertung des letzten Besitzes über uns kam. Ist wohl der eingeschriebene Brief mit den Briefen von Onkel Ernst und der "Phantasie" angekommen?
Jetzt will ich diesen Zettel noch an die Post bringen, darum nur noch viele innige Grüße. Grüße auch Susanne und Ida vielmals.
Dir aber wünscht immer gesunde befriedigte Tage, erfreuende Eindrücke und fühlbaren Erfolg
Deine
Käthe.