Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. Juni 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Juni 1948.
Mein geliebtes Herz!
Dieser Bogen ist nun das Einzige, was ich Dir zum Geburtstag schicken kann, und die Zeit ihn zu beschreiben ist knapp, wenn er noch rechtzeitig bei Dir eintreffen soll. Aber Du weißt ja auch ohnehin, welche innigen, treuen Wünsche Dich ständig umgeben und wie dankbar ich bin, Dir immer auch in der Ferne "nahe sein" zu können. Dieses große, wunderbare Glück trägt und erhält mein Leben, ist Licht in dieser hoffnungslos dunklen Zeit. Denn gerade jetzt, auf der Sonnenhöhe des Jahres, hat unser armes Vaterland einen neuen vernichtenden Stoß erhalten und wer kann wissen, ob wir damit nun die äußerste Tiefe des Elends erreicht haben! Du hast sehr recht, daß daneben die persönlichen Schwierigkeiten erst in zweiter Linie kommen, aber doch fühle ich mit inniger Dankbarkeit tröstlich die zarte Fürsorge, die aus Deinem lieben Brief vom 20. heute zu mir spricht. Sorge Dich nicht, es wird schon irgendwie gehen! Wenn ich auch nicht viel verdiene, so ist es doch ein rechter
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| Segen, daß ich das noch kann; und es ist mir keine Last, sondern die Arbeit macht mir Freude. Nennen wir es Fügung, daß nach längerer Pause gerade jetzt wieder mehrfach für mich Aufträge in Aussicht sind. Ich kann die Arbeit einteilen und so ist sie nicht zu anstrengend. So ist mir der Gedanke, als nutzloses Glied der menschlichen Gesellschaft, Dir, Du Lieber, Guter zur Last fallen zu müssen, viel bedrückender, und ich hoffe, daß sich das möglichst einschränken läßt. An der Augenklinik sind 2 Oberärzte: Dr. Cibis und Prof. Schreck, für die ich gelegentlich gezeichnet habe. Augenblicklich bereitet der letztere eine Arbeit für den Congreß im August vor, für die auch Zeichnungen nötig sind. Einen kleinen Schock versetzte es mir, daß er mir dieser Tage erklärte, ob ich wohl ein Fräulein Degenhardt anlernen wollte, die auch solche Arbeit lernen wolle? Er versichert mir aber auf meine Rückfrage, daß sie mich keineswegs ersetzen solle, denn der Chef und er seien so restlos zufrieden mit meiner Arbeit, daß sie da keine Änderung wünschten.
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Neben dieser Sache habe ich mit dem häuslichen Kram und der Geldanmeldung allerlei Last gehabt. Teils weil ich mich beunruhigte etwas falsch zu machen, teils weil ich an die ganze Sache und ihre Consequenzen nicht genug gedacht hatte. So habe ich wohl manche kleine Dummheit gemacht, weil ich nicht genug im Voraus kaufte, aus Scheu vor dem "Schlangestehen", oder mich auf Hafer und Gries versteift hatte, die ich vergeblich aufzutreiben suchte. Aber etwas Ernstliches glaube ich nicht versäumt zu haben. –  – Immer wieder überlege ich mir, wie ich meinen Tageslauf etwas zweckmäßiger einteilen könnte, aber man ist leider so abhängig von den Geschäften und Aufrufen, die einem über die Zeit verfügen. Auch das Erwünschte kann da recht zur Unzeit kommen, so am Montag 10 <altes Pfundzeichen> Kirschen im Weißen Haus, die sofort geholt und verarbeitet werden mußten. Sie sind leider schon etwas überreif und machen viel Mühe dadurch.
Hanne Heraucourt hat als halbes Kind vom Scharlach einen Herzklappenfehler und Muskelschwäche zurückbehalten, jetzt ist noch Herzneurose dazu gekommen, alles in allem: mangelnde Ernährung.
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An dem Anblick von Herrenberg aus dem Bahnfenster erinnere ich, an den Eindruck einer mächtigen Kirche vor ansteigenden Bergen. Ich bin an den sonnigen Tagen nicht viel aus dem Haus gekommen, außer zur Stadt. Nur der Weg am Neckar von Schlierbach war hübsch. Und sonst, scheint mir, waren täglich ein bis zwei Gewitter, heut mit kräftigem Hagel. Dabei ist es dauernd empfindlich kühl, sodaß ich heute das Winterkleid wieder vorholte.
Nachträglich erfuhr ich, daß Mechthild, die von Tutzing in Stuttgart war, mich am Sonntag hatte besuchen wollen, aber die "Reform" trieb sie schneller zurück. Die hiesige Post ist eben besonders langsam. Auch die letzte Geldsendung der Klinik ist nicht eingetroffen. Ob wohl am 1. die Altersrente ausgezahlt wird? Noch habe ich kaum Geld ausgegeben, und außer der Miete brauche ich auch nur wenig, sodaß ich gut versorgt bin. Also laß mich Dir noch einmal sehr danken für Deine hülfreiche Vorsorge und Dich bitten, nicht nur für andere, sondern auch für Dich recht gründlich zu sorgen. Laß Dir nicht garzu viel Arbeit aufhalsen! Möge der Plan mit Freudenstadt glücken, und auf das Zusammensein in Tübingen hoffe ich auch. Dir und Susanne herzlichste Grüße, <li. Rand> und ebenso an Ida. Sei in immer gleicher Liebe gegrüßt von
Deiner Käthe.