Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27./29. Juni 1948 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 27. Juni 1948.
Mein geliebtes Herz!
Also heut bist Du 66 Jahre alt! Wie anders haben wir sonst diesen Tag gefeiert. Manchmal waren wir beisammen, in Berlin. Ich denke vor allem an den 50. Geburtstag, mit der Goethe-Rede in der Berliner Aula, und der Feier mit den Schülern. Wenigstens einige Zeilen schreiben will ich heute noch, zum Zeichen, daß ich auch jetzt in Gedanken "dabei" bin, wenn ich es auch bei dem teuren Porto nicht abschicke. – Mir war der Tag hier recht bewegt. Trotz der Versicherung, daß mir durch das Anlernen der Frl. D. nichts entgehen sollte, erfuhr ich, daß Ihr sogleich die Hälfte der noch fälligen Zeichnungen übertragen werden sollten, und zwar unter meiner Mithilfe!! Ich war so erregt, daß ich eine sehr unterbrochene Nachtruhe hatte, und ich beschloß, mit dem Professor [über der Zeile] Oberarzt Sch. eine offene Aussprache zu suchen. Ich fuhr schon um [über der Zeile] ½ 9 Uhr in die Klinik, wo der Pförtner sagte, er sei noch nicht da, ging in seine Wohnung am Ende der endlosen Bergheimer Straße, wo er nicht mehr war, denn er war doch schon in der Klinik gewesen!! Nach diesem Mißgeschick verlief aber die Sache ganz günstig und er sah ein, daß man mich nicht im Stich lassen könnte. Er hat offenbar garnicht bedacht, daß auch ich von der "Reform" betroffen bin. Ich werde hoffentlich auch wirklich nun alle kommenden Aufträge erhalten, solange ich gesund bin und das
[2]
| Erforderliche leiste. – Von dort ging ich zu Frl. Mathy, um den Fahrschein über die Brücke auszunützen und hatte ein nettes Zusammensein mit ihr, werde am Freitag zum Kaffee bei ihr sein. – Ganz nahe dabei wohnt die 87jährige Frl. Schupp, wo man immer eine Anzahl ihrer Freunde antrifft. Diesmal war es die junge, reizende Frau Hudemann, geb. Caspari, die ich schon lange gern kennen gelernt hätte. Im Laufe des Gesprächs erzählte Frl. Sch. daß sie von ihrer Cousine aus Amerika ein Paket mit Kleidern bekommen hätte, und daß die alle schon an ihre Bekannten verteilt seien, bis auf ein schwarzes, ob ich das nicht wolle? Erst wollte ich nicht, aber beide redeten mir so zu, daß ich doch recht dankbar dafür war, denn alles, was ich besitze, ist sehr hinfällig. – Nach der Rückkehr wärmte ich mein Essen, und nach demselben schlief ich sehr gründlich und lange, denn ich war sehr erschöpft. Aber ich war nun doch beruhigter und hatte eine unverhoffte Freude gehabt. So habe ich auf improvisierte Art Deinen Geburtstag gefeiert und statt zu schenken, selbst etwas geschenkt bekommen; sogar heut abend noch ein Stück Kuchen von Frau Buttmi, die mich nach dem Abendbrot sehr gemütlich besuchte. – Bei der Rückkehr aus der Stadt besuchte ich noch Frau Heraucourt an der Markscheide, und hörte, daß es der Tochter leidlich geht; ihre Krankheit ist aber hauptsächlich chronische
[3]
| Infektion des Blutes durch vereiterte Drüsen, Schilddrüse und Rachenmandeln. Sie soll nun im Laufe der Woche operiert werden, wird durch Medikamente möglichst gestärkt und entgiftet. Die Herzfehler sind nicht die Ursache, nur durch Schwäche gesteigert.
Unter dem Eindruck, wie ungeeignet heut solch Kranksein ist, kann ich immer nur als Hauptwunsch für Dich heut den Himmel bitten, Dich gesund zu erhalten. Tue doch nur selbst dazu, was Du irgend kannst. Die mancherlei Erregungen und Sorgen dieser Tage sind dazu nicht gerade nützlich. Hier wird behauptet, das Radio melde, Tübingen schließe die Vorlesungen. Ich denke aber, das wird wohl ein Gerücht sein.
Manchmal habe ich in diesen Tagen gedacht, es wäre in meiner Lage eigentlich verfehlt, sich möglichst zu pflegen, denn wozu? Wenn man so alt und nutzlos geworden ist, wie ich an täglichen Unzulänglichkeiten merke, ist man schließlich nur eine Last für sich und andere. Aber Du mit Deiner treuen Liebe läßt mich das nicht fühlen und eine unverwüstliche Zuversicht läßt mich immer wieder hoffen, es könne mit mir auch mal wieder besser werden; und eins ist gewiß, es bleibt eben Pflicht, sich zu bewähren, so gut man kann. – Wenn nur die großen Sorgen um die Geschwister nicht wären. Niemand weiß, wie die Chancen für die Berliner stehen, und wird Hermann Erwerbs
[4]
|möglichkeiten behalten? Wer bezahlt noch Privatstunden? Er hat auch so wenig von der wirtschaftlichen Lebensform wie ich, und ist, wie seine Frau sagt, wie unsre sächsischen Ahnen nicht nur Mägdleinsschuhmeister sondern auch "Schönfärber". So sieht er die Wirklichkeit oft in zu rosigem Licht. –
Doch nun für heute: gute Nacht!

29.VI. Gestern morgen fand ich es nach nächtlicher Überlegung doch das Richtige, mich in der Berufssache direkt an den Chef, Prof. Engelking zu wenden, und fand dort sehr freundliches, volles Verständnis.: Ich solle die Sache glatt ablehnen. Man könne mir doch nicht zumuten, "daß ich den Ast absägen soll, auf dem ich sitze". Es sei ja nicht einmal für mich volle Beschäftigung da. Es werde von der Klinik aus durch seine Bewilligung nur mir Aufträge erteilt werden. Also da ist zunächst Ruhe. Das tut wohl. Und ebenso ist es erfreulich, daß die Auszahlung der Altersrente am 1.VII. mit vollem Betrag angekündigt ist. So habe ich also außer den 40 M noch 37,20 in der Hand, und an die Klinik auch mehrere Forderungen, und laufende Arbeiten. Du mußt Dir also wirklich keine Sorge um mich machen. Es wird sich alles einrenken, wie wir ja auch s. Z. die Inflation überstanden haben.
Das ist nun ein recht prosaisches Schreiben, aber die Gedanken aller drehen sich eben um diese Dinge, soweit sie nicht von den plötzlichen Möglichkeiten des <li. Rand> Kaufens benebelt sind. – Ich hoffe auch von Dir auf günstige Nachricht, und wenn <li. Rand S. 3> es auch nur ein Ritardando im Absturz sein sollte, wir wollen uns daran halten.
<li. Rand S. 2>
Viele innige Grüße Euch beiden und auch an Ida Gruß. Immer Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Die mikroskopischen Zeichnungen machen mir rechte Freude und gelingen auch.