Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Juli 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Juli 1948.
Mein geliebtes Herz!
Deine hilfreiche Geldsendung kam gestern wohlbehalten an, und ich danke Dir sehr innig dafür; ich bin erstaunt, daß Du schon über Geld frei verfügen kannst. Ich hätte ohne Deine Hülfe nicht einmal die Miete bezahlen können. Aber nun gab es auch die Altersrente in voller Höhe ausbezahlt und ich habe zunächst Geld in der Hand, wenn auch dasjenige, das ich noch von der Klinik zu bekommen habe, nicht flüssig ist. Aber ich bin von Prof. Engelking dessen versichert worden, daß er auch in Zukunft nur mich in der Augenklinik beschäftigen wird und daß wir uns immer über einen angemessenen Preis einigen werden. Im Augenblick aber liegt kein Auftrag vor und das bedaure ich umso mehr, als mir die Arbeit am Mikroskop so gut gelang und ich wieder so in Übung gekommen war. Die letzte der vier angekündigten Zeichnungen allerdings hat Prof. Schreck doch der nun abgeschafften "Nachfolgerin" übertragen gehabt, und er hat ihre Zeichnung ohne Entgelt! zur Verwendung dabehalten. Diese ganze Affäre war recht störend und ungemütlich, ließ sich aber für mich persönlich mit Frl. Degenhart, der Schwester von Frau Fröhlich (an der Markscheide unter mir wohnend) gütlich beilegen. Ihre Konkurrenz also ist für mich ausgeschaltet, aber was kann ich tun, um wieder mehr zu verdienen?
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| Denn der Zustand seit Weihnachten war offenbar eine Vortäuschung guten Verdienstes, auch bevor Engelking die Preise von sich aus hinauf setzte. Es ist wohl in Voraussicht der Katastrophe, die ich doch so entscheidend nicht erwartet hatte, alles in Arbeit gegeben worden, was in Frage kam. Und nun werden alle sparen!
Auch ich will ja noch mehr sparen, als bisher. Man ist eben doch an manches noch gewöhnt, was man für nötig hält, und was man entbehren kann. Natürlich habe ich die östliche Frau für diese Woche abgesagt, und will sehen, ob ich sie alle 2 Wochen beibehalten kann.
Frl. Schupp, die einen großen Bekanntenkreis, hat, in bisher meist günstigen Verhältnissen hat, fordert mich auf, eine Liste anzulegen mit Dingen, die ich verkaufen möchte. Aber ob da Aussicht ist, weiß man ja nicht. Leider bin ich für kaufmännische Fragen von jeher unbegabt und fürchte mich, verkehrt zu handeln. Und nun vollends mit den Büchern weiß ich gar nicht Bescheid, weiß nur von Frl. Heraucourt wie schuftig ihr Chef immer war, selbst mit ihr, die doch Einblick hatte.
Ich wäre so dankbar, wenn Du mir sagen könntest, was Du für meine Lage richtig hältst, zu tun? Gibt es eine Stelle, an die man appellieren könnte, um ein Existenzminimum zu behalten? Denn mit 37,20 M kann man nicht leben. Ich hatte bis zum Kriegs
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|ende [über der Zeile] im Durchschnitt monatlich 70 M fest, und 90 M Vorzugsrente von alten Staatspapieren jährlich. Das Übrige verdiente ich dazu oder holte von der Sparkasse. Die Ausgaben waren etwa 150 M, mal mehr, mal weniger. – In diesem Jahr betrugen die Ausgaben monatlich etwa 125 M, aber von dem neuen Geld bereits 52 M. mit der Miete. Die Altersrente ist also noch vollzählig da und der Rest von der Kopfquote, sowie die Forderung für Zeichnungen.
Somit habe ich Dir, Du Lieber, nun also die Situation klargelegt, wie ich sie verstehe. Wenn ich dann vielleicht auch mal über die kleinen Sparsummen verfügen darf, die mir von den 3000 M Guthaben auf der Bank und Sparkasse bleiben, dann ist wenigstens eine Reserve da. Aber das gibt keinen Dauerzustand.
Was habe ich versäumt, daß ich in eine so haltlose Lage kam? Ich war immer so bedacht, geordnet zu leben, aber jetzt ist mir jede Möglichkeit abgeschnitten. Und durch die Vertreibung aus der gewohnten Existenz sind die Kräfte unnötig verzehrt worden. Jetzt aber geht es mir wieder gesundheitlich besser, ich war mehr im Gleichgewicht und hatte auch gelernt die äußeren Anforderungen besser zu beherrschen. Nun schwindet mir der letzte Boden unter den Füßen. Sage mir, lieber Einziger, was findest Du, daß ich tun soll?  –  –  –
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Doch nun mehr als genug von mir und meinen Schwierigkeiten! Bin ich daran schuld? Ich weiß es nicht. – Aber jetzt noch ein wenig vom sonstigen Leben! Um mich vom nutzlosen Grübeln abzulenken, lese ich abends allerlei: Von Carl Neumann die schöne Rede in Kiel zur Rembrandt-Feier. Viele Erinnerungen wurden dabei wach an unsre ersten gemeinsamen Jahre, an die Zeit, als wir im alten Universitätssaal zusammen Vorträge hörten. Es war wohl ein Ferienkurs! Auch in dieser Beziehung bin ich jetzt verarmt, denn an solchen Anregungen nehme ich nur noch durch die Ankündigung in der Zeitung teil. Die Entfernung von der Stadt lähmt meine Initiative. Dabei ist doch in der Elektrischen jetzt eine merkliche Abnahme des Verkehrs. – Auch die Fischerfrau von der Nehrung hat mir wieder großen Eindruck gemacht mit ihrer tiefen Seelenschilderung. Das ist überhaupt eigen, wie wir aus allem,was ich lese, eine innere Welt lebendig wird. Ich glaube wohl, daß ich mich in viel höherem Maße als früher einfühlen kann. Auch Rosegger mit seinen schlichten Menschenbildern und seinem feinen Humor zieht mich sehr an. Seit gestern habe ich noch etwas ganz Anderes, durch Frau Heraucourt, die es für die Patientin geliehen hatte: "Albertuslegende" von Wilhelm Schmidtbonn. Es wird sich ja wohl für meinen Sinn zu katholisch entwickeln, aber bisher
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|ist es eine sehr ansprechende, lebendige Erzählung. Wie wird es bei Heraucourt's weiter gehen? In dieser Woche sollen der Tochter nun die Mandeln operiert werden. Die ganze Sache scheint eine chronische septische Angina zu sein. Wenn nur die Kräfte standhalten! Ich bange mich um die lieben Menschen! – Und wie viel denke ich auch an Berlin und Tutzing!
Hoffentlich bleibt es so, daß ich mir um Dich, Du liebster, einziger Freund, keine Sorgen zu machen brauche. Ich höre indirekt, daß die Vorlesungen bei Euch weiter gehen, und höre, wie begeistert die Schüler von den Deinigen sind. Einen ganz unmittelbaren Eindruck davon hatte ich durch die beiden Dankesbriefe über Stuttgart, von denen der weibliche entschieden der ansprechendere ist. Ich schicke sie Dir mit Dank zurück.
Frau Hoffmann-Drechsler ist noch in der Psychiatrischen Klinik, soll aber im Laufe der Woche nach Haus kommen. Hoffentlich nicht zu früh.
Ich habe bisher noch nicht gehört, ob wohl der eingeschriebene Brief, den ich am 7. Juni mit den Briefen von Onkel Ernst an Dich abschickte, in Deine Hände kam? Man ist jetzt nicht so zuversichtlich wie sonst.
Meine Gedanken über die gegenwärtige Situation will ich lieber nicht schreiben. Mich mit der persönlichen
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| Lage abfinden, so gut ich irgend kann, bin ich fest entschlossen und ich werde auf jeden guten Rat hören. Wenn ich denke, wie sehr es mich früher aufregte, wenn ein Papier meines kleinen Vermögens neu angelegt werden mußte, und wie gelassen ich jetzt den völligen Verlust ertrage, dann verstehe ich es selbst nicht. Es ist wohl die Unmöglichkeit, sich zu wehren! Es ist auch das Gefühl, daß ich in allem Guten eine lenkende Hand fühlte, so meine ich, dürfte ich auch im Schlimmen [über der Zeile] nicht an der Fügung zweifeln. Ich muß nur getreu einen Weg suchen. Und dazu brauche ich Deine Hülfe, denn Du bist nun doch einmal mein einziger Freund. Ich habe ja sonst niemand, mit dem ich sprechen könnte. Es ist aber mein ganzes Bestreben und mein dringender Wunsch, Dir damit möglichst wenig zur Last zu fallen, sondern selber aktiv zu sein. Du hast ja selbst Mühe und Kampf genug. Darum – was kann ich tun?
Wie schön wäre es, wenn auch mal wieder was Gedrucktes von Dir zu mir käme, zum stillen Nachdenken. "Einstweilen" muß ich mich eben behelfen mit Anderem. Aber auf einen angekündigten Brief freue ich mich.
Wie mag in Tübingen die allgemeine Stimmung sein? Hier ist sie äußerlich nach der ersten Erregung ruhig. Von dem Universitätsbrand wurde wenig gesprochen. – Nun ist der letzte Bogen zuende und es ist nur noch Platz, Dir zu sagen, wie dankbar ich für das <li. Rand> Gefühl der Ruhe bin, das mir aus Deinen lieben Zeilen vom 20.VI. zuströmt. Sei <li. Rand S. 5> wie immer, bedankt und geliebt von Deiner Käthe.
[Kopf S. 5] Ich grüße auch Susanne und Ida herzlich.