Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12./13. Juli 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Juli 1948
Mein geliebtes Herz.
Weil ich am Sonntag nicht zum Schreiben kam, will ich jetzt, im Wartezimmer von Frl. Dr. Clauß ein wenig nachholen. Ich bin nicht etwa krank, habe nur kleine Altersbeschwerden und vielleicht kann man dem abhelfen, Gestern war ich bei Heinrichs eingeladen, und es war behaglich in diesem gepflegten Haushalt, dem keine W.R anzumerken ist. Es gab sogar friedensmäßigen Heidelbeerkuchen. Die Verwöhnung ist diesen Leuten so selbstverständlich, daß sie es garnicht wissen; fast könnte man Anstoß nehmen und es als renomieren auffassen.
Sonst ist in meinem Bekanntenkreis allgemeines Entsetzen, und jeder geht mit mehr oder weniger Unsicherheit der Zukunft entgegen. Ich war am Freitag bei Hedwig Mathy, der ein Auftrag abgesagt wurde, im Weißen Haus, wo sie nicht wissen, wie sie die Arbeiter entlohnen sollen. Glücklich sind alle mit fester Anstellung. Frau Heraucourt hofft auf Pension, und Krankenkasse für die Tochter, sonst wäre die Situation für sie ja verzweifelt.
Ich sehe für mich immer mehr ein, wie viel Illusionen
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| ich hatte in dem Glauben, bei einem bescheidenen, sparsamen Leben mit meinen vorhandenen Mitteln bis ans Ende zu reichen, Mit der Inflation hatte ich mich abgefunden und durch die Berliner Stiftung sowie die staatliche Vorzugsrente kam mir ein gewisser Ersatz. Aber eins nach dem andern blieb aus und die Sparkasse schien mit dem Verdienst zusammen für Jahre diese Lücken zu füllen, Nun ist das so restlos vernichtet, daß ich mich vergeblich frage, wie ich das hätte verhindern können?
Und abgesehen vom ganz Egoistischen, welche Kette von Sorge und Kummer! Du wirst von Hermann auch die Trauernachricht erhalten haben, die von dem härtesten Verlust spricht, der ihn treffen konnte. Und wie geht es den Berlinern! Am 8. bekam ich einen Brief meiner Schwester, der von schlimmen Wochen redet, aber trotz allem noch von Hoffnung. Ob meine Antwort sie noch erreicht?

13. Juli. Heut sind es zwei Jahre, daß ich aus der Markscheide vertrieben wurde – und Hermann ist nun an seinem Geburtstag allein. Ob eins der auswärtigen Kinder zu ihm kommen konnte? Ich weiß
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| noch garnichts Näheres. Vorhin kam Dein lieber Brief vom 11. Juli, der mir so lieb zuspricht. Du darfst mir nicht zürnen, daß mich die Erkenntnis meiner finanziellen Lage bei klarer Erkenntnis zuerst an der Gurgel packte. Denn wenn ich auch von Anfang an Deiner treuen Hilfe gewiß war, und wenn das auch für mein Gemüt keine Last, sondern ein Glück ist bei der tiefen Bestimmung, die unsere Leben für einander haben – so weiß ich doch, daß gegenwärtig solche Unterstützung ein wirkliches Opfer ist, das nicht nur Dich sondern Euren ganzen Haushalt trifft. Und ich frage auch, ob ich nicht rechtzeitig für eine Sicherung meiner äußeren Lage durch eine Anstellung hätte sorgen können und müssen? Aber Deine Güte schiebt alle diese Bedenken beiseite und so will ich sehen, in Zukunft dankbar und "logisch" mit dem Leben fertig zu werden,
Heut aber will ich – nur aufhören zu schreiben, denn ich könnte noch mancherlei schreiben. Aber meine Hand ist ziemlich schmerzhaft und ich muß sie möglichst still halten. Es ist eine Gelenkentzündung, ausgerechnet im rechten Handgelenk. Wie gut, daß kein Zeichenauftrag vorliegt, sonst würde Prof. Schreck triumphieren.
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| Weißt Du noch, wie Du in der Rohrbacherstr. diese Sache in der Schulter hattest? Es ist eklig schmerzhaft. Damals waren auch schon Krisenzeiten, wann haben wir zuletzt wohl in Ruhe leben können?
– Von dem Kinderheim Häblers möchte ich Dir noch mitteilen, daß es nicht staatlich ist und zwar für schwer erziehbare Kinder bestimmt. Ich glaube kaum, daß sie kranke nehmen.
Nun also für heute Schluß mit vielen Grüßen an alle drei und Dir viel Liebes von
Deiner
Käthe.