Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Sprange, 18. Juli 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Juli 1948.
Mein liebstes Herz!
Ich habe zwar nichts Wichtiges zu erzählen, aber ich möchte doch gern ein wenig mit Dir plaudern. Die Tage vergehen mir in halbem Müßiggang, denn ich spiele ein wenig "màlade imaginaire". Ein wenig habe ich dabei schlechtes Gewissen, aber ein wenig bin ich ja auch dazu berechtigt, denn meine Hand ist noch nicht heil. Dein lieber Brief mit der Ermahnung, "gehorsam" zu sein bestärkt mich in der leichtsinnigen Faulheit und die erneute gütige Geldsendung [li. Rand] x vom 16.7. beruhigt mich über das Mißverhältnis von Besitz und Ausgaben, soll mich aber nicht zu unvernünftiger Wirtschaft verleiten. Und das Abkommen mit der östlichen Frau ist unverhältnismäßig kostspielig bei der heutigen Geldlage. Für Deine sorgliche Sendung danke ich Dir sehr herzlich, und mit der Frau will ich mich irgendwie verständigen.
Hanne Heraucourt hat die Operation überstanden, ist aber noch sehr gequält und elend. Die Mutter hatte mich heute wieder zum Essen
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| eingeladen und hat mir auch für morgen noch was mitgegeben. Ich bin nun schon 4 Tage zu Gast gewesen und kann jetzt wieder allein für mich sorgen. Unsere Rationen sind durchaus reichlich und die Preise sollen ja sein wie vorher. Aber in Wirklichkeit steigen sie!
Die materiellen Werte, die mich noch umgeben, fühle ich mehr als Verpflichtung, denn als nötig. Denn Deine Äußerung, daß wir Alten bei einem erneuten Krieg sagen möchten: "wir haben nun genug von der Welt"– das trifft mein volles Einverständnis. Wie oft habe ich schon bei mir gedacht: ach, ich bin des Treibens müde –  –
Freilich ist das nur Stimmung und es fehlt jede Folgerung. Dessen bin ich mir wohl bewußt. Und voll tröstlicher Gewißheit wenden sich dann die Gedanken zu dem unverlierbaren Glück, das mir mit Dir geschenkt ist. Nicht die materielle Hilfe ist da gemeint, wie auch Ihr sie von Amis annehmt, und ich die von hiesigen Freunden, sondern der tiefe Sinn des Lebens, der mir durch Dich enthüllt wurde. Denn wie sollte man all das Leid aushalten, was uns von allen Seiten umgibt, allein schon die Gedanken an Berlin und Tutzing!
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Was nun das Praktische betrifft, so will ich möglichst bald ein Verzeichnis der Bücher zu machen versuchen. Es ist ja geradezu wie ein Verhängnis, daß mir die Hand krank wurde. Aber es scheint doch schneller sich zu bessern, als erwartet wurde. – Viel Wertvolles wird bei den Büchern aber kaum sein. Es sind nur meist für mich liebe Gefährten.
Der kleine Vers von Carossa ist zum 27.VI. auf einem Kalender gewesen, den ich von Hanne Heraucourt bekam. Und der Bericht über Radbruch's Abschiedsrede gefällt mir durch seine Wärme ganz besonders.
Der ununterbrochene Regen bringt nun zu allem Übrigen auch noch die Bedrohung der Ernte mit sich. Ist denn alles mit den Russen im Bunde? Ich sehe in diesem Zusammenhang immer ein Bild vor mir von Kubin, das Erdrückende: eine enorme Kellerassel, die sich über alles Lebendige hinwälzte.
Doch mit diesem abstoßenden Bilde will ich lieber nicht schließen, sondern Dir nur sagen, wie dankbar ich all die freundliche Rücksicht und Hilfe genieße, die mir infolge meiner geschwollenen Hand zuteil wurde, und wie voll dankbarer Liebe ich Deine tröstliche und ermutigende Fürsorge fühle. Sei innigst gegrüßt und grüße auch die Andern herzlich.
<li. Rand>
Deine Käthe.