Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. August 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. August. 1948
Mein liebes Herz,
nun ist endlich die Sonne wieder siegreich, und ich hoffe, es hat sich auch in Freudenstadt Stimmung und Befinden gehoben. Denn die kurze Arbeitspause muß doch womöglich auch noch Kräfte aufspeichern. Das Zimmer, das mir Heinrichs als vermutlich das Eure besonders hübsch schilderten, hat aber leider nicht Deinen ungeteilten Beifall. Ich glaube aber, daß es überhaupt schwer ist, seelisch zu dem Gleichgewicht zu gelangen, das einer Erholung zur Grundlage dient. Hoffentlich sind wenigstens die physischen Bedingungen in jeder Richtung gegeben. Von mir habe ich mal wieder garnichts zu berichten. Mit Bedauern las ich in Deinem Brief von den Ansprüchen, die Du bei der augenblicklichen allgemeinen Geldknappheit befürchtest. Da tut es mir besonders leid, daß ich in meinem letzten Brief dies Thema auch berührte, aber nur unter dem Gesichtspunkt, Dir Rechenschaft von meiner Wirtschaftsführung zu geben. Denke, bitte, durchaus nicht, daß ich auch in momentaner Verlegenheit wäre. Die Rente wird pünktlich bezahlt, und bis dahin reicht das Geld, und außerdem wird doch auch einmal der Rest der Kopfquote kommen. Ich bin mit Eßvorräten versehen, daß ich so gut wie keine Ausgaben dafür zu haben brauchte, wenn ich nicht eine wahre Manie hätte, keine Marken verfallen
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| zu lassen! Und dann bin ich so leichtsinnig, die jetzt so schönen und reifen Zwetschgen zu kaufen, die ich erreichen kann. Ich habe Mus gekocht, das ich sehr lange nicht mehr kannte.
Dein Vorschlag, mein Kommen zu Euch auf Anfang September festzusetzen, ist ganz das, was ich Dir gerade auch schreiben wollte. Denn ich muß hier vorher die geschäftlichen Dinge beim Monatsbeginn erledigen. Und auch all die Näherei und Flickerei, Waschen und Bügeln geht bei meiner Langsamkeit nicht eher zu erledigen.
Ein schmerzliches Gefühl ist mir das Bewußtsein meiner Untauglichkeit, irgendwie helfend einzuspringen. Denn es wäre mir ein Bedürfnis, so wie unser Tanting bei Familiennotlage auszuhelfen. Der Brief von Mädi, der mir ein so trauriges Bild von dem gibt, was mit der Arbeit für Mann und 3 Kinder auf ihr lastet, durch unerträglich zänkische Untermieter, liegt mir täglich im Sinn. Sie hat derartige Herzbeschwerden davon bekommen, daß sie arbeitsunfähig war und fest liegen mußte. Wenn man ihr doch helfen könnte! Sie ist ein tapferes Menschenkind und verliert nicht leicht den Mut. Die Arbeit ist ihr nie zu viel gewesen, aber die Selbstbeherrschung bei den täglichen Reibereien mit diesen Menschen, die sie schweigend ausübt, verzehrt ihre Kraft, daß sie jedesmal zitternd erst wieder sich beruhigen muß. Das ist auch so ein Bild der Zeit.
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Auch hier steigert sich die Erbitterung gegen die Gewalttätigkeit des Wohnungsamtes. Die Verfügungen haben oft das Ansehen wahrer Chikane, ohne jede Rücksicht auf berechtigte Ansprüche.
Aber es gibt auch noch Menschen, die unbehelligt davon bleiben, so Butmis und vor allem Heinrichs, die noch ganz im gewohnten Stil weiter leben. Am Samstag war ich bei ihnen zu einem feinen Kaffee mit der Tochter und dem Enkel, die als Emigranten in England leben und auf der Rückreise vom Berner Oberland hier Station machten. Und gestern, Sonntag, war ich bei Frau Frobenius eingeladen, die von einer Kur im Stillachhaus bei Oberstdorf zurückgekehrt, sehr befriedigt und sichtlich erholt ist. Sie ist unmittelbar vor dem 20. Juni hingereist und hat offenbar keine Geldsorgen. –  – Das ist jetzt überhaupt das allgemeine Problem, von dem man überall Bruchstücke der Unterhaltung aufschnappt. Und die große Schwierigkeit wird wohl noch kommen, wenn man erst merkt, daß man immer noch unhaltbare Ansprüche gehabt hat. Es wird erst allmälig das richtige Niveau zu finden sein. –  –
Heute kamen nun mal zwei erfreuliche Druck[über der Zeile] Postsachen.
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| Erstlich der Brief mit dem "Auftrag" von der Buchhandlung Siebeck und dann die Verlobungsanzeige von Ursel Kohler. Vermutungen in der Richtung bestanden schon länger, aber Näheres wußte ich nicht. Jetzt schreibt Otto, daß sie sehr glücklich über Ursels Wahl seien.
Meine Gedanken sind natürlich oft bei der Hoffnung auf den Besuch bei Euch. Möge nichts dazwischenkommen. Dann hole ich mir mündlich die Antwort auf meinen Brief bei Susanne. Sie soll sich nur nicht die Ferienzeit mit Schreiben an mich verderben. Von Dir höre ich ja immer das Wesentliche und werde auch wohl noch nähere Antwort bekommen wegen des Angebots der Tabakmarken von Butmis. Nach dem 1. Sept. kann ich dann auch dafür was auslegen. Wieviel ist Dirs etwa wert? und welche Qualität?
Das Barometer fällt schon wieder und ich wünsche doch so dringend gut Wetter für Euchx! [li. Rand] x Bleibt nur so lange wie irgend möglich dort! Ob Käte Silber heut gekommen ist? Von Maria Dorer hatte ich eine Karte, sehr befriedigt von Eurem Beisammensein in Mainz, und von der Nachwirkung auf ihre Schüler. Sie meldete Durchreise für Freitag und Samstags kam die Karte!! Ich wäre doch nicht hingegangen.
Dir wünsche ich recht erfreuliche Eindrücke und rechte Ferienruhe. Viele herzliche Grüße, auch an Susanne.
In stetem Gedenken Deine Käthe.