Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. August 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. August 1948.
Mein liebstes Herz!
Genau mit dem Tage Eurer Abreise von Freudenstadt hat das bessere Wetter eingesetzt! Aber es wird Dir auch zuhaus wieder wohl sein, und ich könnte mir denken, daß es Dir im eignen Heim während der vielen Regentage behaglicher gewesen wäre. Aber die Wirkung der unfreiwilligen Muße und der guten Luft, die Verschonung von unerwünschten Besuchen hat doch hoffentlich eine spürbare Erholung gebracht. Wie sehr freue ich mich darauf, von allen Einzelheiten nun bald auch mündlich zu hören. Ich hoffe also am Sonntag, d. 5.IX. mit dem vorgeschlagenen Zuge in Tübingen einzutreffen. Ist das bei der gegenwärtigen Spannung nicht eigentlich eine kühne Zuversicht? Beim Lesen der Zeitung wird mir vor Erregung und Schmerz manchmal förmlich übel.
Ich will mit dem Gruß zum 31. nicht bis zur Ermäßigung des Portos warten, obgleich er ja am Gedenktage doch nicht mehr bei Dir sein wird. Ich habe nämlich heut keine Briefmarke mehr, um diesen Zettel in den Kasten stecken zu können.
Auch am Bahnhof war ich noch nicht, um mich nach den anderen Zügen zu erkundigen, es ist von hier nicht gut mit den Besorgungen in der Stadt. Wie
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| rasch wird diese Woche noch vergehen! Ich muß meine fünf Sinne recht zusammenraffen, um nichts Wichtiges an Vorbereitung zu versäumen. Im Voraus möchte ich Dich nur bitten, mit der Abnahme meiner geistigen Fähigkeiten Nachsicht zu haben; denn die ist erschreckend. Ich bin oft ganz entsetzt. Und körperlich geht es mir doch soviel besser. –  – Ein recht leichtsinniges Vorhaben plane ich für nächsten Donnerstag; (es wird mir einen Anklang an den 31.[über der zeile] 1903 haben) nämlich einen Spaziergang mit Hedwig Mathy von Neckargemünd über den Tillystein nach Rainbach, wo man markenfrei und gut zu Mittag essen kann. Den Weg kennst Du, er ist besonders hübsch. Sonst gehen meine Tage in dem täglichen Einerlei hin. Gestern und heute war Dr. Drechsler mit Frau und Kindern hier. Die beiden Kleinen sind lieb und zutraulich, die Eltern immer freundlich und aufmerksam zu mir. Die Schulferien sind nun zu Ende. Wann fängt denn das Wintersemester an? Doch das werde ich ja dann hören. Ich hätte nur gern vorher gewußt, ob die Art Reisemarken, wie ich sie Dir neulich schickte, bei Euch Gültigkeit in Tübingen haben?
Auf alle Fälle schreibe ich noch eine Karte mit der definitiven Anmeldung. Ich bin schon ganz ungeduldig, und habe auch etwas Reisefieber, aber lange nicht so wie voriges Jahr, denn es ist jetzt keine Schwierigkeit mehr mit der Fahrt. – Viele herzliche Grüße! Dir wünsche ich ersprießliche Arbeitsruhe und Sonne. Auch Susanne und Ida grüße von mir. Auf gutes Wiedersehen!
<li. Rand S. 2>
Innig und treu –
Deine Käthe