Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. August 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31. August 1948
Mein geliebtes Herz!
Wenn auch mein Brief nicht zum 45sten Gedenktag rechtzeitig kam, so will ich doch wenigstens am 31. ein sichtbares Zeichen des Gedenkens geben. Also, wie Du richtig vermutest ist der 23. der Tag, an dem Du Dich widerstrebend entschlossest, mir einen Besuch zu machen; am 31. war die schöne Wanderung über die Berge und am 2.IX. kamst Du noch einmal, abschiednehmend. Nicht ganz klar ist dabei, wann Dein zweites Kommen war, bei dem der Spaziergang verabredet wurde, ob am 30. oder erst am 31. vormittags. Dieser Besuch war eigentlich überraschend und nicht programmgemäß. –
Sehr zu meiner Zufriedenheit hat Frl. Mathy den Plan für Donnerstag abgesagt wegen eines Besuches. Entstanden war das Projekt in einer leichtsinnigen Minute, die mir vorzauberte, ich würde auf dem schönen Weg recht lebhaft in der Erinnerung an "dazumal" leben. Aber inzwischen kamen mir Bedenken "in fünferlei Hinsicht", denn ich brauche die Zeit bis zum Sonntag für allerlei Arbeit, auch möchte ich nicht eine ungewohnte Anstrengung bei der gegenwärtigen Wärme riskieren und dann – – die Kosten! Lauter dumme Bedenklichkeiten!
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| Sonst ist von mir nichts zu erzählen. Ich denke in steter Sorge nach Berlin, lese abends in Freitags Bildern der Vergangenheit, die viel Ähnlichkeit mit der Gegenwart haben. Nur ist heute alles raffinierter und in größeren Maßen. Und auch damals: wieviel mangelnde Einsicht an entscheidender Stelle und wieviel verpaßte Gelegenheiten. Die Darstellung ist in der Form sehr angenehm, anschaulich und lebendig. Aus allem klingt eine warme Liebe, obgleich er auch die Schattenseiten nicht verschweigt.
Bei Hanne Heraucourt will sich der Zustand noch immer nicht bessern, und alle Versuche der Ärzte erzielen keine Besserung: Blutübertragung, Spritzen mit Medikamenten, Fangopackungen u.s.w. Es ist, als sollte sie zu Tode kuriert werden. Die Schmerzen nehmen zu und die Widerstandskraft nimmt ab. Selbst der Optimismus der Mutter laßt allmälig nach.
Aber ich will lieber an das Gute denken, das mir bevorsteht und meine Gedanken dafür frei halten. Ich sehne mich nach dem Augenblick, wo ich endlich dort sein werde und wo alles Dunkle hinter mir zurückbleibt. Ich grüße Dich innig in 45jähriger Treue.
Deine Käthe.

[li. Rand] Herzliche Grüße an Susanne und auch an Ida.