Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. September 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Sept. 1948.
Mein geliebtes Herz!
Nun bin ich schon seit zwei vollen Tagen wieder in der gewohnten Umgebung und habe mich darin zurecht gefunden. Ich kam sogar früher zurück, als vermutet, denn in Stuttgart wies mich der Schaffner beim Verlassen des Bahnsteiges auf die Weiterfahrt mit dem U.L.Zug hin, der 20 Minuten früher fährt, und so war ich schon um 14,35 am Heidelberger Bahnhof. Die Wartezeit in Stuttgart im Warteraum für Frauen (und Kinder) war sehr angenehm ausgefüllt mit den vorzüglichen Butterbroden, die mir Ida gerichtet hatte, und sie waren so zahlreich, daß sie auch noch für den Abend ausreichten. Zu Haus machte ich als erstes einen guten Kaffee, dazu den tadellosen Hochzeitskuchen – kurz, ich setzte die materielle Verwöhnung im Tübinger Stil glatt fort. Und die seelische trage ich mit mir als neue Kraft, als wärmende Sonne in dieser trüben Welt. Habe innigen Dank für all Deine treue Hülfe, die mir mal wieder über eine Zeit der Ebbe hinweg geholfen hat. Es war wohl mal wieder nötig, denn wenn ich auch persönlich keinen Grund habe, mich
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| über mein Schicksal zu beklagen, so lastet doch das allgemeine Leid, von dem man auf allen Seiten umgeben ist, beständig auf mir und ich bin in dieser ausweglosen Bedrückung oft so müde und hoffnungslos. Jetzt habe ich nun wieder eine so ersehnte Zeit friedvollen Ausruhens gehabt, daß es einfach Pflicht der Dankbarkeit ist, sich entsprechend zu bewähren. – All die schönen Stunden unsres gemeinsamen Wanderns sind mir wie zeitlose Gegenwart, durchzogen von Erinnerungen früherer Jahre. Und der Geist Eures Hauses in seiner geregelten Pflichterfüllung im Dienste Deiner Lebensaufgabe ist mir von neuem Maßstab, den engen Kreis meines Daseins womöglich nicht als einen Leerlauf um die Erhaltung der täglichen Existenz enden zu lassen.
Mein Wiedersehen mit den Geschwistern Nitsche war ganz freundlich. 2 Briefe empfingen mich, davon einer besonders erfreulich von, meiner Schwester, der andere von Frau Venediger (Frobenius). Gestern kam dann von der Bank die Meldung von der Abwertung meiner Sparguthaben, unter Abzug von 600 M für die Kopfquote. Ich habe davon ja natürlich die 400 damals verbraucht, ohne mir
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| der vollen Bedeutung bewußt zu sein. Es war ganz gut, daß man die Summe nicht gleich ganz ausbezahlt bekam. Augenblicklich brauche ich sie ja nicht. Auf den Sparkassen habe ich jetzt noch 50 und 190 M.!! Hätte ich doch beizeiten nützliche Anschaffungen gemacht, anstatt für meine alten Tage zu sparen! –
Bei Frau Heraucourt hörte ich, daß der Tochter zwei Zähne gezogen wurden, die an sich tadellos, aber eine ganz vereiterte Wurzel hatten. Nun sind noch zwei solche zu ziehen und einen weiteren will der Zahnarzt durch Wurzelresektion erhalten. Ich ließe den auch ziehen, denn ich kenne die Sache aus Erfahrung. Ich nannte das damals so eine Art Fegefeuer, und Ruhe hatte ich erst, als die Bösewichter alle raus waren. Das arme Mädchen ist sehr elend, aber die Mutter voll Optimismus.
Bei Buttmis traf ich nur den Vater, der sehr nett, aber stockheiser war. Ich habe dort meine Dokumente etc. wieder abgeholt.
Für heute will ich nun diesen Brief schließen, damit er noch die letzten Marken benutzen kann, die ich in Tübingen nicht verwerten konnte. Er soll Dir sagen, wie dankbar ich für all das Liebe bin, das mir bei Euch zuteil wurde. Sage das, bitte, auch Susanne, bis ich ihr selbst schreibe, und auch Ida. Wenn auch nun wieder fern, doch immer bei Dir!
<li. Rand>
Immer Deine Käthe.