Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. September 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Sept. 1948.
Mein geliebter, einziger Freund!
Wie sehr habe ich mich über Deinen lieben Brief gefreut, der mir solch warmer Nachklang sonniger Tage war! Hab vielen Dank dafür und ebenso für die große Geldsumme, die heute eintraf. Ich möchte Dich aber in diesem Zusammenhange noch einmal bitten, nicht besorgt zu sein, wenn Du nicht gerade zum 1. etwas schicken kannst. Ich bekomme immer pünktlich die Altersrente, und mit der Miete kann ich im Notfall auch etwas zögern, da ich voraus bezahle. Außerdem aber ist die Kopfquote mit den restlichen 20 M noch auf meinem offnen Bankkonto. Soviel ich weiß, kann man ja wohl auch bei der Sparkasse wieder abheben. Mein Gasherd ist jetzt bei einer Bekannten – noch unbestimmt, ob geliehen oder verkauft. Mit Frau Heraucourt unterhandle ich wegen eines Vorhangs, den sie vielleicht als Bezug für einen Sessel braucht. So ist also immer irgend eine Quelle in Sicht. Und ich habe in bar noch 12 M.! – Ausgaben kommen allerdings auch beständig. So sind jetzt wieder 2 Ctr. Kohlen und ebenso Holz aufgerufen, und die will ich natürlich nicht preisgeben. Denn, obgleich wir doch wieder einige sommerlich warme Tage hatten, ist mein Zimmer ohne jede Behaglichkeit. Ich verstehe es sehr, daß Du gefroren
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| hast, mir ging es ebenso. Die Zeit vorher war so von Sonne durchglüht, daß ich den Abstand sehr empfunden habe. Du bliebst freilich in der lichten Wohnung, aber Du hattest doch in Freudenstadt zu wenig Wärme gesammelt. – Wie mag es Dir in Calw ergangen sein? Hattest Du auch ein wenig Zeit für Dich und Möglichkeit die gute Witterung im Freien zu nützen? Ich wollte, Du unterließest die Vorträge in Baden-Baden, wenn Du Dich doch eigentlich nicht frisch fühlst. Es kommt Dir für die Winterarbeit zugute, wenn Du Dich etwas schonst. Das ist keine verlorene Zeit sondern Gewinn, auch für die Gesamtstimmung. Denn wenn Du nicht mit frischer Kraft dabei bist, so bleibst Du unbefriedigt. Du hast, seit Du in Tübingen bist, ununterbrochen auf accord geschafft und das kann niemand auf die Dauer. Dein Temperament und die ganze Zeit jetzt drängen dazu, aber vielleicht ließe sich doch ein wenig Maß halten, um diesen Zustand der Erschöpfung zu überwinden, der Dich quält. Ich habe das schon seit dem Vortrag in Mainz im Gefühl, zu dem Du eigentlich halb wider Willen Dich entschloßest. Heut sprach mir Matussek davon, der nach Dir dort war. Er hörte von verschiedenen Seiten, daß man Dich rein akustisch schlecht verstanden habe. Mehrfach hat man ihm das mit Bedauern gesagt. Es war mir auch bisher unverständlich, weshalb Du über den Eindruck Deiner
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| Rede so unbefriedigt warst.: Die Leute hätten sich gescheut zu rufen "lauter", aus Respekt vor Dir. Ein solcher Vortrag von Dir ist in seiner Gedankenführung zu gehaltvoll, als daß man nicht wortgetreu folgen müßte. Und so hat es also nur an solch äußeren Schwierigkeiten gelegen und nicht an mangelndem Interesse der Leute für Dein Thema. Verzeih mir, mein liebes Herz, wenn ich Dir vielleicht mit dieser Erklärung töricht erscheine. Mir ist dies eine sehr begreifliche und erwünschte Erläuterung des ganzen Vorgangs. Es konnte so eben nicht der richtige Kontakt entstehen.
Vielleicht habe ich gerade besonderes Verständnis für diese Erklärung, weil [über der Zeile] ich mir den Aufsatz über das Naturrecht sehr mühsam erarbeiten mußten. Es fehlt mir da von vornherein ja natürlich die Grundlage des Wissens. Aber die Klarheit Deiner Gedankenentwicklung hat mich doch dahin gebracht zu verstehen, daß es vermutlich ein Urprinzip des Rechts ist, nach dem man immer wieder sucht, das man rein herausstellen möchte und das doch immer nur in zeitgemäßer Form Leben gewinnt, wie alles Lebendige. – Ich habe viele Abende mich damit beschäftigt, immer vor dem Einschlafen, wie ich das so gewöhnt bin. Da spottest Du gewiß!
In der Fortsetzung habe ich kürzlich sehr hübsch von Dir geträumt. Es war mal wieder in der Rohr
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und so schön und friedlich wie damals! Das ist wohl ein Reflex Deiner Bemerkung: ich solle sehen, ob es nicht ein brauchbares Unterkommen für Dich hier gäbe? Das war mir neulich eine ganz besondere Freude, daß Du an diese Möglichkeit überhaupt denkst. Und noch viele liebe Eindrücke und Bilder aus den Tübinger Tagen leben in mir weiter. Für mich waren unsre Unternehmungen alle neu und interessant, wenn es auch keine Sehenswürdigkeiten sind. Du hast ganz recht: wir waren eben beisammen! Das ist der tiefe Sinn, in dem und aus dem ich lebe. Ich hatte vorher eine Zeit der Ebbe. Es gibt wohl immer wieder Perioden, in denen man an sich selber zweifelt. Es sammeln sich manch kleine Enttäuschungen und lähmen die Zuversicht und Freudigkeit. Da ist man dann sehr alt und müde. Aber nun will ich wieder mit neuem Mut standhalten, mag auch diese Welt noch so sinnlos erscheinen. (1. Corinther 13,13.)
Einen alten Atlas habe ich vorgeholt, er stammt von Vater Knaps, etwa von 1850. Da ist eine Karte von Baden-Württemberg, und da gibt es: Tübingen, Reutlingen, Rottenburg, – sogar Kirchentellinsfurt und Dußlingen! – ist das nicht hübsch? Aber das Stockach ist leider nicht zu finden.
Dr. Matussek sah recht angegriffen aus. Er kam von einem [über der Zeile] PsychologenCongreß, auf dem er sich überzeugt hatte, daß
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| man dort auch noch nicht weiter sei in einer Sache, an der er selbst arbeitet. Sein Name sei dort genannt worden, was ihn freute. Er geht jetzt nach der Schweiz über Basel nach Münsingen?, wo er einen Vortrag halten soll und möchte dann noch nach Zürich. – Vom Bruder hatte ich einen sehr netten Brief. Er hat die Famuluszeit in Mergentheim jetzt beendet und kommt zum Oktober wieder her, will mich am Mittwoch wieder besuchen. Das freut mich.
Daß Dr. Drechsler kurz hier war, schrieb ich wohl schon. Er hat einem Verein katholischer Lehrer Vortrag gehalten über die "Polarität der Erziehung", die Gegensätze zwischen den Zielen z. B. Einheit und Ganzheit, u.s.w.
In unsrer Zeitung war kürzlich ein Artikel von Regenbogen über Werner Jäger, sehr anerkennend, gut geschrieben. – Du hattest ja von ihm selbst Nachricht. Ist er selbst ebenso angetan von seinen Erfolgen in Amerika?
(Nun verzeih diesen unzeitgemäßen Fettfleck, es ist der letzte Bogen, drum mußte ich ihn doch benutzen.)
Ich bin viel unterwegs gewesen: im Weißen Haus, in Kirchheim, in Ziegelhausen. Letzteres gestern bei schönstem Wetter, teils zur Waschfrau, teils zum Geburtstag der alten Frau Venediger, auf dem Balkon beim Kaffee. Abends zurück durch das dunkle Tal mit den vielen Lichtern.
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Ich war auch schon zweimal bei Hanne Heraucourt. Es geht ihr traurig. Ob sie es doch noch überwindet? Ich muß an Willi Weise denken. Der ist auch nach endlosen Leiden gestorben. Vermutlich ist es nur menschliches Mitgefühl von den Ärzten, daß sie ihr immer Hoffnung machen. Für mich wäre ihr Tod ein doppelter Verlust, denn dann ginge auch die Mutter von Heidelberg fort.
Jetzt lege ich Dir noch die Karte von Ila bei. Was sagst Du von der Idee mit dem Altersheim in Hofgeismar? Dort wäre man völlig aus der Welt. Du weißt ja wo es liegt an der Straße nach Beberbeck. Weißt Du noch?
Nächster Tage schicke ich ein kleines Päckchen und bitte herzlich, mich nicht deswegen zu zanken. Ich konnte es nicht lassen, ein paar Quitten zu besorgen, weil Susanne sie so gern hat. Die kleinen Karten werden Dir vielleicht nicht bequem sein; aber sie sind wenigstens noch erkennbar. Man legt sie besser nicht auf die Decke sondern auf eine glatte Platte. – – Gibt es bei euch auch noch so viel blutgierige Mücken? Ich schlage mich täglich – oder besser: nächtlich damit herum.
Doch nun endlich Schluß! – Sei von ganzem Herzen gegrüßt und sorge, Deine Kräfte zu schonen. Sage auch Susanne und Ida meine Grüße!
Immerdar
Deine Käthe.