Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Oktober 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Okt.1948.
Mein geliebtes Herz!
Nun wird doch leider dieser Brief nicht zum Sonntag bei Dir sein, weil ich gestern zu lahm war, um zu schreiben. Und doch wollte ich gern recht bald auf Deine lieben Zeilen vom 9. Oktober antworten. Auch mir vergehen die Tage so unvermutet schnell, obgleich sie nicht so von Arbeit ausgefüllt sind wie bei Dir. "Im Gegenteil", ich war ziemlich faul und viel außer Hause. An jenem 9. ging ich mit Frl. Seidel über den Philosophenweg und Guckkastenweg fast bis zur Stiftsmühle, beim Harlaß hinüber auf die Landstraße und zurück bis zum Karlstor. Es war herrliches Wetter und der Weg war mir ein großer Genuß. Ich weiß garnicht, wie lange es her ist, seit ich ihn nicht mehr ging. Ich glaube, es war zuletzt mit Dir und einer der Schülerinnen aus der Leipziger Zeit. –
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Ein andermal war ich bei der Schwester von Hedwig Mathy, Frau GehRat Franz, mit deren 2 kleinen Enkelinnen von 7 u. 10 Jahren wir ins Siebenmühlental gingen und nachher "Poch" spielten. Die 10jährige ist eine sehr liebreizende Ulrike. – Einen ähnlichen, aber etwas ausgedehnteren Weg machte ich vorgestern mit Hedwig Mathy selbst; eigentlich um Hutzeln (Kienäpfel) zu suchen, aber wir begnügten uns mit dem Naturgenuß. Es war eine seltsame Beleuchtung, fast unheimlich über der Rheinebene, ein brütender Dunst, der sogar die Nähe verschleierte und den Rauch niederdrückte. Trotzdem war es gestern wieder sonnenklar und herrlich warm. Doch nun fällt das Barometer stark und die Landwirtschaft hofft auf Regen, denn die Wintersaat soll in die Erde.
Wie sehr habe ich an all den schönen Tagen gewünscht, Du holtest Dir auch vor dem Winter noch etwas Wärme in freier Luft! Damit Du Deine Exkursionen recht systematisch durch
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|führen kannst, schicke ich Dir hier einen feinen Plan von Tübingens Umgebung. Ich trenne mich ungern davon, und ich habe immer wieder die Gesamtsituation und all die Wege studiert, die wir gemeinsam machten. Aber ich erstand ihn doch nur für Dich! und es war ein richtiges Glück, als ich ihn endlich auftrieb. In 8 Läden bin ich gewesen, alle die mir bekannten Buchhandlungen und endlich bei Braun, neben der Providenzkirche, fand ich ihn. Erst fürchtete ich, als er mir vom Herrn Sellin vorgelegt wurde, er würde zu teuer sein, denn ich hatte eigentlich nur auf einen Reiseführer gerechnet; aber das Schicksal wollte mir wohl, und es war wie eine Bestimmung, daß ich gerade den Preis vom Installateur bekommen hatte für eine elektrische Lampe aus meiner Badestube an der Markscheide. Ich hatte mich geärgert, daß ich nicht mehr dafür bekam, aber so war es doch ein richtiger Tausch zu meiner Freude.
Überhaupt hat sich alles Tägliche seit meiner Rückkehr von Euch viel besser gefügt als vorher.
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| Ich weiß nicht, ist der Grund dafür in mir oder sind es die äußeren Umstände. Jedenfalls habe ich aber ganz entschieden in der pfleglichen Behandlung bei Euch und in den vielen sonnigen Ruhestunden in der Veranda einen großen Zuwachs an Kräften gewonnen. Wie sehr spüre ich den Abstand täglich, wenn ich aus der warmen Küche in mein Zimmer mit der lichtlosen Kellerluft komme. –
Du fragst, ob ich noch mehr Schriften von Freitag hätte? Leider nicht mehr. Ich habe sie allmälig zu Geschenkzwecken verbraucht. Die Ahnen hat Hanne Hecht und die beiden Romane Trudel Nitsche. Es war eben oft nötig, um eine Geldausgabe zu vermeiden. Und vordem waren die Bücher keine solche Rarität.
Ich selbst habe inzwischen von Hanne Heraucourt das "Glasperlenspiel" geliehen und es mit manchem Widerstreben gelesen. Es hat etwas von einem Narcoticum. Aber ich halte es nicht für ein Heilmittel. Gewiß ist es gut, zur Besinnlichkeit zu ermahnen und viele Einzel
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|heiten der Schilderung sind wertvoll. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt, aber es ist auch allerlei absichtliches und künstliches Dunkel, sodaß mir zeitweise ganz drehend im Kopf wurde. Ich liebe die klare Höhenluft Deines sinnerfüllten Denkens, das auf solch magische Beleuchtung verzichtet.
Von Dr. Mittasch weiß ich nichts. Ich will mal Matussek's fragen. Letztere hatte ich gestern erwartet. Aber es kam nur der "kleine Bruder" und sagte, daß sie nicht können. Er mußte zu einer Probe, und Paul war noch von der Reise nicht zurück; also nächsten Mittwoch. Was ist denn das für ein Unternehmen mit dem Lorenzhof bei Wolfach? Nur ein Ausflug? Das wäre mir lieb! – Übrigens: frieren tue ich auch hier viel. Nur die Sonne ist von einer köstlichen Wärme. Und Kohlen habe ich auch, so viel ich bekommen konnte. Am Montag brachte Bauer Steidel aus Kirchheim die 3 Ctr. Kartoffeln, die gerade gehäuft in meine Kiste im Keller gingen. Beinah glaube ich, es hätten auch 2 gereicht! Besonders, da ich jetzt diesen
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| Monat durch die Altersspeisung eignes Kochen spare. –  – Die Teurung steigt rapide. Das Weißbrot von 25 auf 35 <altes Pfennigzeichen>, also 40 %.
Von Hermann kam eine Karte, daß er am 14.10., also heut, nach Kilchberg/Zürich zu seinem Freund Probst fahren kann. Vom 20.–26.XI. gedenkt er dann bei mir Station zu machen auf der Fahrt nach Essen. In der letzten Septemberwoche war er noch mal in den Bergen, in – Mittenwald! In Tutzing hat er jetzt mit Mechtild 2 Zimmer, Hauptstr. 73. –  – In Bezug auf Hofgeismar hatte ich die Karte eigentlich nur Dir zur Kenntnisnahme mitgeschickt. Wenn ich in solchem Heim enden sollte, so wäre mir das am Brunnen nicht so unsympatisch, denn da wäre Anneliese und ihre Familie. Aber ich würde doch nie freiwillig [über der Zeile] so weit von Dir fortziehen!
Gutes kann man von der Zukunft freilich nicht viel erwarten! Darum wollen wir heute jeden Sonnenstrahl genießen und sein Licht in uns bewahren. Laß es Dir wohl sein in Deinem lichten Zimmer und sei haushälterisch mit Deinen Kräften. Sei innig gegrüßt und sage Susanne herzlichen Gruß und Dank für ihren lieben Brief, den ich bald zu beantworten hoffe.
Deine Käthe.

[Kopf] Soll ich wieder solch Päckchen Tabak besorgen? Es war doch gut!
[li. Rand S. 5] Ich wollte neulich noch schreiben, daß im "Naturrecht" anscheinend 2 Druckfehler stehen blieben: <Fuß S. 5>: Seite 407 von unten Zeile 6/7, Seite 414 von oben Zeile 4.