Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Oktober 1948 (Heidelberg)


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<die 2. Zeile der Zufügung li. Rand/S. 2 und der re. Rand/S. 3 sind im Scan abgeschnitten>
Heidelberg. 24. Okt. 1948.
Mein liebstes Herz!
Gestern kamen gleichzeitig Brief und Geldsendung, mit Dank und Freude empfangen. Da ich noch immer ohne Verdienst bin, ist ja die letztere noch weiter notwendig, was ich schmerzlich feststellen muß. Ich bin zwar nach bestem Bemühen sparsam, aber das Geld fliegt ebenso davon, wie die Zeit. Doch hatte ich beim Eintreffen Deiner lieben Sendung noch 20 M, und hoffe davon auch noch für den neuen Monat etwas zu retten. –
Heute war ein herrlicher, warmer Herbsttag und ich hoffe von Herzen, daß Du ihn nochmals zu einer schönen Wanderung benutzt hast, vielleicht mit Benutzung der ausführlichen Karte! Oder nahm die Apothekertagung den ganzen Tag in Anspruch? Das wäre mir sehr ärgerlich, denn wer weiß, wie oft uns das Wetter noch so viel Gnade schenkt. Ob darin heimlich ein Grund für die allgemeine Erschlaffung liegt, über die alle klagen, und die auch Du zu meinem Bedauern erwähnst? Eigentliche Föhnstimmung ist es nicht, trotz der ungewöhnlichen Wärme für diese Jahreszeit.
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| Also schieben wir es wohl auf die jahrelange unzweckmäßige Ernährung, die wir auch ohne eigentlich zu hungern, hinter uns haben. Auch ich bin immer müde, obgleich ich eigentlich nichts tue, als abwechselnd essen und schlafen. Jede Mühe außer dem allernotwendigsten schiebe ich auf – und ich bin, ehrlich gesagt, richtig faul. Ich frage mich täglich, ob mein Alter wohl dazu das Recht gibt? und habe so meine eigne Schwierigkeit mit dem "Naturrechtx". [li. Rand] x meditierend war mir der Gedanke an solche Wortbedeutung als möglich, aber nicht schön erschienen, aber das: was etwa damals oder damals geht mir nicht ein oder auf! Umso mehr, als man mir beständig versichert, daß ich so wohl aussehe, wie seit langem nicht. Was berechtigt mich zu solchem Wohlbefinden, wo ich garnichts leiste und es vielen so schlecht geht?
Dabei denke ich natürlich auch an die arme Hanne Heraucourt. Der Versuch mit dem neuen Mittel, das Geh.R. Oehme anwandte, hat wieder nicht den erwarteten Erfolg gehabt. Jetzt steht wohl nur noch das Penicilin aus. Aber wer weiß, ob das für diesen Fall helfen kann! Sonst wäre das doch wohl schon versucht, da es bei einer Mitpatientin angewendet wird.
Mit der Kälte in meinem Zimmer habe ich weniger zu tun, seit ich das Bett bereits auf den Winter einstellte mit dem dicken Federbett. So speichere ich mehr Eigenwärme auf, und außer
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|dem suche ich die Sonne so viel ich irgend kann, bei den Einkaufswegen und in der morgens für mich freien Küche. Aber zu einem Behagen in meinen vier Pfählen kommt es nicht, ehe ich nicht heize. Doch das will ich nicht, ehe es unter Null draußen ist. Ich scheue die Mühe und Schmutzerei.
Prof. Serr's sind sehr befriedigt von ihrer Sommerfrische in Tölz heimgekehrt und empfehlen dort ein Café Gaissinger. Ihre eigne Unterkunft sei sehr einfach, aber nahrhaft gewesen.
Matussek hat nicht gerade viel von seiner Reise erzählt. Die Leute haben ihm nicht imponiert, seien auch nicht weiter, "obgleich sie dort doch in relativem Frieden weiter arbeiten konnten." Ernährungsmäßig hat es ihm sehr gut getan, aber dauernd möchte er nicht dorthin.
Du schreibst, am 30.8. sei Meinecke's 86. Geburtstag, heißt natürlich 10., aber wer ist in Marbach? – Vielleicht wird man von Jahr zu Jahr gefaßter, sonst ist es wohl sehr hart, so alt zu werden. Und doch kann ich auch verstehen, daß man immer wieder hofft, noch eine Wendung zu Besseren zu erleben. Die Augen und der Sinn werden weitsichtig und man projiziert in die Fernsicht, was man dort zu sehen wünscht.
Daß sich die Beziehung mit Cilli gebessert hat, ist
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| mir eine herzliche Freude. Möge keine neue Störung dazwischen kommen. –
Am nächsten Donnerstag werde ich Frau Dr. Bleßgen und Frau Buttmi bei mir zum Kaffee haben. Ich denke, das soll nett werden, ich mag sie beide gern und sie sich gegenseitig auch.
Infolge meiner mangelnden Initiative liegt mein Briefverkehr gänzlich still. Das ist mir sehr leid und ich bringe doch die Energie nicht auf, mich zu überwinden. Immer möchte ich erst richtig ausschlafen und mit Frische anfangen können zu schreiben. Aber die Hauptschuld liegt doch daran, daß ich keinen hellen Platz im Zimmer habe, der ein behagliches Sitzen gewährt. Nur abends bei Licht ist es dazu einladend, und da bin ich müde. Wenigstens habe ich jetzt eine elektrische Birne für die Tischlampe kaufen können. Ich fürchtete schon allein auf die Deckenbeleuchtung angewiesen zu sein.
Abends lese ich eben allerlei über Berlin von früher. Es ist auch une recherche du temps passé, und man fragt sich: ist noch etwas da außer der Erinnerung?
In Rohrbach ist Kerwe, die ganze Dorfstraße voller Buden und es war eine Unruhe, wie in einem aufgestörten Ameisenhaufen. Geht es bei Euch ebenso durch die Motorwoche?
Nochmals innigen Dank für die 40 M. und den lieben Brief, und viel herzliche Grüße!
Deine Käthe.

[li. Rand] Wer ist das, der immer von Berlin telegraphiert? – Gabs in Oberwolfach wieder Kaffee?