Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. November 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Nov. 48.
Mein liebes Herz!
Seit Tagen liegt der Briefumschlag da und wartet auf den Inhalt, aber immer ging der Tag hin, ohne daß es zum Schreiben kam. Und ich hatte doch den dringenden Wunsch, Dir für beide liebe Sendungen, die reiche Geldsumme und den lieben Brief, herzlich zu danken. Es waren Tage, die mir lauter Gutes brachten, auch außerdem! Am Sonntag kamen unerwartet Kohlers, und ich war mit ihnen und dem Brautpaar bei einer Freundin von Gertrud beisammen. Am Samstag brachte der Geldbriefträger die 80 D.M., und am Montag kam der Auftrag von der Augenklinik für eine Zeichnung, Am Dienstag fing das an, und morgens kam mit Deinem lieben Brief eine Karte von Hermann mit guter Nachricht von ihm und der Meldung, daß er am 18. Nov. hierher zu kommen gedenkt. Wie froh ich bin, endlich wieder etwas verdienen zu können, wirst
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| Du Dir denken können. Denn mit dem Verkaufen von Sachen will es nicht so recht glücken. Der Sessel, den Frau Heraucourt mit meinem schönen Wollrippsvorhang beziehen wollte, ist in andre Hände gekommen. Es fehlt mir etwas an Geschicklichkeit, die Sachen an den Mann zu bringen, und das Geldausgeben geht mir leider viel leichter als das Erwerben. – Nur zum Sparen habe ich ziemlich Talent und bin froh, daß ich außer den 40 M von Dir noch 3,25 M übrig hatte! Dabei lebe ich doch eigentlich noch ganz nach alter Gewohnheit. Daß ich noch mit dem Heizen zögerte, war hauptsächlich, weil ich den Temperaturwechsel mehr fürchte als die dauernde Kühle. Aber seit ich nun in der Klinik doch Heizluft aushalten muß, habe ich auch mein Öfchen in Betrieb gesetzt. Das gibt dem unbehaglichen Zimmer doch etwas Angenehmeres. – Am Montag abend war ich bei Buttmis, und heute nach dem Abendbrot war der junge
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| Matussek
da und unterhielt mich mit dem Bericht über die Verteidigung von Schacht, die er gelesen hat. Es ist etwas Unheimliches, wie all die Menschen damals trotz inneren Widerstrebens der Macht jenes Dämons verfielen. – Den großen Bruder hatte ich auf der Straße getroffen und ihm abgeraten, Dich wieder mit einem Manuskript zu beglücken!! Wie erfolgreich ich Dich verteidige, siehst Du daran, daß "er nicht über meine Leiche" gehen will.
Mit inniger Freude las ich Deinen Bericht über die Fahrt nach Oberwolfach. Ich hatte lebhaft an unsern Weg gedacht und an die Brücke, auf der wir an Goethes Geburtstag zu Mittag aßen. Es gibt oft Momente, die sich ohne besonderen Grund sehr lebhaft einprägen. Und ebenso sehe ich das Haus vor mir, rechter Hand an unserm Wege, in dem wir im ersten Stock den rettenden Kaffee bekamen. – Was ist übrigens H.H.?
Ursula KohlerHeinz Platt sind ein sehr
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| sympathisches Brautpaar. Sie werden am 4.XII. schon heiraten, und in Eberbach im Hause seiner Eltern zunächst ein Zimmer bekommen. Es ist eine gut gehende Fabrik, die der junge Ehemann mit seinem Vater leitet, also für heutige Verhältnisse relativ sichere Verhältnisse.
So steht es ja auch mit Hermanns Ältester, Irmchen, in Schleswig. Es ist immer tröstlich, daß es auch so etwas mal wieder gibt.
Morgen hoffe ich nach langen Wochen die Uhr, die schon in Tübingen nicht mehr gehen wollte, repariert wiederzubekommen. Es wird nicht billig sein! – Meine Tischlampe, die zweimal Kurzschluß machte, konnte ich zum Glück selbst ausbessern. Aber auch sonst geht viel entzwei und man kommt immer mehr herunter.
Also am Dienstag, als ich zum Zeichnen fuhr, hattest Du schon die erste Vorlesung des Semesters gehalten! Von allen möglichen Seiten hört man immer, wie begeistert Deine Hörer sind! Möchtest Du viel Freude an ihnen erleben.
Und nun gute Nacht und viele Grüße! In treuem Gedenken immer
Deine Käthe.