Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. November 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8.XI.48.
Mein einziger Freund!
Es ist wieder eine Woche vergangen, Deine erste im Wintersemester, und mir war sie im Fluge vorbei. Denn am Montag kam die Aufforderung, in der Augenklinik zu zeichnen und das setzte sich bis zum Sonnabend fort. Das Unangenehme dabei ist das Fahren in der Elektrischen und so ärgert es mich besonders, wenn diese Prozedur vergeblich war. So heut, wo ich vormittags die Zeichnung abliefern wollte, aber der Dr. Müller sie dem Chef nicht vorführen konnte, und mich dafür nachmittags noch einmal dazu kommen ließ. Das war völlig unnötig, und die Herren haben das nie verlangt. Auch diesmal saß ich 1½ Stunden vergeblich wartend, damit mir dann der junge Mann, der den Professor allein aufsuchte, in Eile sagte, daß "er" gesagt habe, es sei gut! Ich war sehr geärgert, denn es ist nichts anstrengender, als untätig warten.
Aber nun verzeih diesen Erguß! ich mußte
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| mir Luft machen! Hoffentlich hast Du ohne [über der Zeile] Hindernis recht glatt und ungestört Deine Vorlesungen beginnen können. Und sei doch, bitte, so lieb, mir auf beiliegendem Zettel die feststehende Einteilung Deiner Tage aufzuschreiben.
Vorigen Sonntag war auch Dr. Drechsler mal wieder da. Ich sprach ihn nur ganz flüchtig an der Tür, und da setzte er mir, im Zusammenhang mit der Krankheit seiner Schwester, auseinander, daß er bei der Beobachtung der Periodicität des Lebens festgestellt habe, daß im Rhythmus von 7 Jahren, (der ja allgemein angenommen wird) beim Manne die Höhepunkte bei 28, 42, 56, 70 liegen, bei der Frau 21, 35 etc. Du weißt er liebt solche Deutungen, er ist z. B. auch Graphologe. –
Nach diesem Schema bin ich also gerade auf einer Höhe, und es wird mir allerdings sehr häufig erklärt, wie viel wohler ich wieder aussehe. Und Du wärst nach einem Tiefpunkt mit 63 jetzt wieder im Anstieg der Kraft. Das will ich gern glauben und hoffe, daß die Tübinger Bedingungen Deines Wirkens Dir dazu die günstigen Voraussetzungen geben. Wenn Du sie nur auch
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| mit Ökonomie verwendest!
Gestern meldete Hermann, daß er wahrscheinlich nicht am 18. sondern schon am 15 kommen wird. Das paßt recht gut in fünferlei Hinsicht. Möge uns das Wetter so günstig sein, wie es überwiegend bisher war. Gestern, der Sonntag war zwar nur gegen Abend freundlich, aber am Sonnabend war ein Tag von ungewöhnlicher Schönheit. Dann lockt es immer – leider vergeblich – zu irgend einer Wanderung. Nur von der Fähre in Ziegelhausen hatte ich einen kurzen Genuß vom Neckartal.
Was jetzt in den Läden zum Verkauf geboten wird, ist erstaunlich. So z. B. 100 gr. Gänseschinken zu 6,20 M! Und es wird gekauft! Aber auch die Zuteilungen sind gut, und da steigen die Preise nur mäßig. – Mir wird die Zeichnung einen kleinen Verdienst bringen, und dann bekomme ich jetzt [über der Zeile] im Monat regelmäßig 2,50 M Miete für den Gasherd. So tröpfelt doch hie und da ein wenig vom eignen Bestand dazu und ich hoffe auch sonst noch den alten Besitz etwas nutzbringend zu verwerten. Ich habe nur so wenig Geschick dabei. Und es kommen auch immer wieder kleine Verpflichtungen,
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| die entweder Geld oder einen vorhandenen Gegenstand kosten. So Ursel Kohlers Hochzeit. Da will mir noch garnichts Passendes einfallen. Sie hat Tisch und Stuhl von mir geliehen, in ihrer Studentenbude gehabt, aber die will ich nicht herschenken! – Nach Berlin sind die Päckchen gesperrt. Wie nötig wäre dort ein kleiner Zuschuß! Und sie hatten bisher noch keine Kohlen. Ich dagegen heize mit Erfolg und der Ofen verbraucht wenig. Heute allerdings hatte ich kein Feuer, da ich vor- und nachmittags fort war. Darum ist es auch jetzt recht kühl, wie Du am Brief gewiß merkst. Aber meine Gedanken an Dich sind warm wie immer. Auch nachts, wo ich in letzter Zeit wieder häufig sehr lebhaft von Dir träumte. Manchmal wache ich direkt davon auf und muß mich erst auf die Gegenwart besinnen.
Der beabsichtigte Brief an Susanne ist noch immer nicht geschrieben. Ich bitte um Nachsicht und grüße herzlich, ebenso an Ida einen schönen Gruß.
Dir selbst alles Liebe und Gute in Treue und Innigkeit von
Deiner Käthe.