Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. November 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Nov. 1948.
Mein liebstes Herz!
Der Sonntag kann doch nicht vorbeigehen ohne einen Gruß an Dich, wennschon ich nichts Wichtiges zu schreiben habe. Nach einer stark einsetzenden Kälte hatten wir heut einen milden Frühlingstag, der mich verlockte, zu Fuß in die Stadt zu der armen Patientin im Josephshaus zu gehen. Ich fand sie sehr krank, sichtlich hohes Fieber nach einer schlaflosen Nacht und vielen Schmerzen. Jetzt endlich soll auch bei Penicilin angewendet werden, wo es vielleicht schon zu spät ist. Wie soll dieser zarte Körper noch länger all die Leiden und die Medikamente aushalten[über der Zeile] !
Mit der Mutter ging ich zurück, die natürlich von neuem voller Hoffnung ist und Pläne schmiedet für die Zeit, wenn die Tochter wieder nach Haus kommt. Womöglich denkt sie an einen Wohnungswechsel, da sie einsieht, daß die Kranke noch auf viele Monate die drei
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| Treppen nicht wird gehen können. – Es ist mir etwas Schönes, daß die liebe Patientin meine Besuche so besonders gern hat: ich sei so beruhigend! Wie schwer ist es, jetzt im Krankenhaus im Zimmer mit noch 3 andern Schwerkranken sein zu müssen!
Auf dem Rückweg von der Stadt besuchte ich dann noch Hoffmanns; er ist der Drechslersche Schwiegersohn und in einer großen Finanzorganisation in Frankfurt tätig. Da es Sonntag ist, war ich er bei der Familie und er benutzte meinen Besuch, mich auf das bevorstehende Gesetz der Existenzbeihilfe aufmerksam zu machen, das am 18. fertig werden soll. Sein Ressort sei am Zustandekommen beteiligt. Die Währungsgeschädigten [über der Zeile] über 65. Jahr mit Einkommen unter ?? sollen monatlich vom 1. Okt. 1948 auf ein Jahr 70 DM erhalten bis zur selben Höhe ihres [über der Zeile] Sparguthabens restlichen Besitzes. Ich soll mich in nächster Zeit mit der Sparkasse in Verbindung setzen wegen einer Antragsstellung. – Das
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| ist eine tröstliche Nachricht, die ich ganz besonders in Deinem Interesse begrüße. Denn Du weißt ja, wie leid es mir tut, Dir zur Last zu fallen. Ich habe freilich in Deiner liebevollen Fürsorge das wohlige Gefühl, vor absoluter Not geschützt zu sein, aber ich weiß doch auch, wie jeder heut zutage rechnen und sich einteilen muß. Ich bin Dir darum doppelt dankbar und kann es auch freien Herzens annehmen im Bewußtsein der tiefen Zusammengehörigkeit, die uns verbindet. Wie seltsam sind doch daneben die steten Wechselfälle des Lebens.
Von der übrigen Welt, z. B. von Berlin höre ich wenig. Aber morgen (am 15.) soll nun Hermann auf eine Woche kommen. Hoffentlich kann ich es ihm behaglich bei mir machen. Gestern hat die östliche Frau, genannt Frau Moser, das Zimmer unten aufgeräumt, das jetzt etwas anders möbliert ist. Aber schöner ist es nicht geworden! Es scheint mir eine gute Beihilfe für die Ernährung, daß ich die Altersspeisung bekomme. Da braucht man weniger zu kochen, denn
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| auswärts zu essen, hat er ebenso wenig Geld wie ich. Auch pflegt es nicht lohnend zu sein, wenn man nicht Schwarzmarktpreise zahlen will.
Mein Zimmer ist bei wirklicher Kälte doch recht schlecht heizbar. Oder ich vertrage die Heizluft nicht gut. Ich habe mehr gefroren als ehe der Ofen brannte. – Das Zeichnen in der Augenklinik war mit dem Ablauf der vorigen Woche vorbei. Nun bin ich wieder Kleinrentner ohne Renten! oder Invalide mit kleiner Rente – – wie man will.

15.XI. Über der vorbereitenden Arbeit blieb der Brief heut morgen liegen und nun kann ich gleich Hermanns Ankunft melden. Nach Jahr und Tag hatte mich gerade vorher Frau Kühn heimgesucht und ihre Beredsamkeit fand fast kein Ende! Kaum war er da, erschien eine Unbekannte, eine Nichte von Lulu Jannasch, die mich kennen lernen wollte, die aber gleich sehr taktvoll verschwand. So geht es also auch in meiner stillen Existenz manchmal bunt zu. Jetzt soll es Abendbrot geben, drum muß ich nur rasch den Brief noch zur Post bringen. Sei von Herzen gegrüßt und laß Dir auch von Hermann Grüße sagen. <li. Rand> In Gedanken werde ich womöglich noch mehr bei Dir sein als sonst!
Deine Käthe.

[Kopf] Ich grüße auch Susanne und Ida und hoffe, daß die "Feiertage" Euch angenehm verlaufen u. verliefen!