Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. November 1948 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 22. Nov. 48.
Mein liebes Herz!
Es drängt mich, Dir wenigstens einen sehr herzlichen Gruß zu schicken, wenn ich auch zu einem richtigen Gruß [über der Zeile] Brief nicht komme, da ich in diesen Tagen naturgemäß nie allein bin und auch ziemlich viel beschäftigt bin. Aber ich muß Dir sagen, wie mich die Nachricht von Deiner Beschwerde mich den Augen erschrekte und und Dir überhaupt für Dein liebes Schreiben danken. Was die Augen anbetrifft, so kann man wohl dem erfahrenen Arzt vertrauen und einen unbedeutenden Grund für die Störung annehmen. Vielleicht ist der Fleck im Auge eine sogenannte mouche volante, wie ich sie schon seit der Markscheide habe, und wie sie mich dauernd stört. Ist der Fleck dunkel? Sahst Du ihn auch mit offnem Auge? Ich bin sehr froh, daß er sich so schnell verminderte und halte all Deine Vermutungen für die mögliche Schädigung für wahrscheinlich. Jedenfalls kann außer der Brille in der Tasche auch eine gewisse Schonung nicht schaden! Ich wenigstens mache bei mir
[2]
| die Erfahrung. – Ich kann nach meinen persönlichen "ärztlichen" Kenntnissen nur sagen, daß solche Glaskörpertrübungen nichts Bedenkliches, sondern nur etwas Störendes sind. Und das kann man in unsern Berufen nicht gebrauchen. Ich hoffe sehr herzlich, daß bei entsprechender Vorsicht mit dem schlechten Tabak und etwas Zurückhaltung mit schlecht gedruckter Lektüre die Sache bald ganz verschwinden wird.
Gleichzeitig mit Deinem lieben Brief kam ein Packet von Susanne, auch mit einem lieben, langen Schreiben und für alle drei Gaben danke ich Euch herzlich. Von den Schuhen, kann ich die kleinen anziehen, und sie sind, obgleich etwas schmal, bequemer als die Klötze, die ich mir selbst kaufte. Sie sind mir besonders willkommen, da ich gerade mit den Füßen etwas behindert war. Am Bußtag haben Hermann und ich eine Wanderung von Eberbach nach Dielbach gemacht, und beim Aussteigen aus dem Zuge kam ich etwas ungeschickt aus dem Wagen und habe mir den linken Knöchel gezerrt oder verknaxt. Das war nur ein momentaner Schmerz und ich merkt zunächst beim Gehen nichts.
[3]
|Der Weg von 2 Stunden ist sonst ansteigend, eine herrliche Waldchaussee. Aber nach einer kleinen Frühstückpause unterwegs stellten sich Schmerzen ein, die mir fast das Gehen unmöglich machten. Den Rückweg machten wir im Postauto, und im Stillhalten spürte ich keinen Schmerz, aber ich habe seitdem den Fuß bis jetzt noch erheblich schonen müssen und humpelte umher, was gerade jetzt recht unbequem war. Aber Hermann hat mir sehr eifrig und geschickt alles unnötige Gehen abgenommen und mir überhaupt sehr geholfen. Seit gestern ist es nun so viel besser, daß ich hoffe, wir werden doch auch von hier noch ein wenig "Natur" genießen können.
Am Bußtag trafen wir bei Kohlers nicht die Eltern, die eine kranke Schwägerin in Adelsheim besuchten, sondern nur das Brautpaar und Bärbel zu Haus. Aber die Wanderung an sich wäre ohne meinen kleinen Unfall sehr schön gewesen. – Überhaupt ist Hermanns Besuch eine große Freude. Er ist erstaunlich praktisch im täglich Kleinen und so habe ich eigentlich weniger Mühe als Hüfe von ihm. Ganz besonders freut es mich, daß er sich damit beschäftigt, bei meinen Büchern festzustellen, was etwa von
[4]
| Wert sein kann. Dabei ist er richtig in seinem Element und ganz eifrig vertieft. – Am Mittwoch mit Matusseks war es sehr lebhaft und gemütlich. Den Jüngeren kannte er ja schon und mit dem Älteren unterhielt er sich gut. – Daß er schon am 15. statt am 18. kam schrieb ich wohl schon. Er will nun am 24. nachts wieder nach Essen weiter reisen und dort über Weihnachten bleiben.
Es war gut, daß in diesen Tagen Dr. Drechsler nicht Anspruch auf das Zimmer machte. Gerade gestern war der Geburtstag seiner Schwester und er kam für einige Stunden her. Aber er konnte nicht länger von seiner Arbeit loskommen, da er jetzt neben der Schule noch Vorlesungen an der Technischen Hochschule hält. Auch mit ihm war es eine lebhafte Unterhaltung mit Hermann/. Das Wetter hätte uns begünstigt, wenn ich nicht leider invalid gewesen wäre, hätten wir viel schöne Wege machen können. So war es nicht durch Schneestürme, aber dennoch vereitelt. Doch habe ich mich auf diese Weise nicht so anzustrengen brauchen, wie Du fürsorglich fürchtest, denn ich hatte eine "Hüfe" im Hause. Wir haben uns sehr gut vertragen und Du warst als Dritter immer dabei. Haben Dir nicht die Ohren geklungen?
Dir und Susanne viel herzliche Grüße. Ich glaube nach eigner Erfahrung, daß man sich wegen der Augen keine Sorge zu machen braucht und hoffe, daß Du nicht <li. Rand> mehr davon behindert bist. In stetem Gedenken
Deine Käthe.

[5]
|
Mein lieber Eduard!      Heidelberg,den 22.XI.48
Ich benutze die Gelegenheit, daß doch ein Brief nach Tübingen abgeht, um Dir auch meinerseits einen herzlichen Gruß für Dich und Deine Gattin zu schicken. Das Zusammensein mit der lieben Schwester ist, wie Ihr Euch denken könnt, sehr gemütlich, anregend und erinnerungsreich. Ich bewundere Käthes Rührigkeit und, trotz körperlicher Behinderung, ungebrochene Initiative. Bei der hat sie sich beim Aussteigen in Eberbach, als wir zu Kohlers nach Dielbach die selbst im kahlen November schöne Waldstraße wanderten, den lk. Fuß vertreten. Ein wenig kann ich ihr ja Gänge abnehmen, kann Milch oder die Altersspeisung holen und Kohlen aus dem Keller und vom Speicher Holz bringen. Aber im ganzen läßt sie sich – an absolute Selbstlosigkeit gewöhnt – zu meinem Bedauern wenig helfen. Natürlich suchten wir auch das nette Ehepaar Buttmi auf; ich lernte mit Interesse den Dr. Drechsler – Karlsruhe kennen, der einen sehr sympatischen Eindruck machte; und am Freitag hatten wir einen
[6]
| sehr netten Abend mit den gescheidten Brüdern Matussek, den Berliner "Landsleuten". Das Wetter ist milde und erfreulicherweise nicht naß, wenn auch meist "bedeckt".
Mittwoch Abend will ich dann nach 10 Tagen "Einst" nach der britischen Zone weiterfahren und das "Jetzt" in Oeynhausen bei meiner Patennichte Mädi Pramann, geb. Ruge (mit Mann u. 3 kleinen Jungen), in Holzhausen bei meiner Tochter Gisela (Vikarin), in Bethel bei Dieter und schließlich in Essen bei der kleinen Familie Saß-Hadlich mitgenießen, ehe ich danach im Januar in unsere netten beiden Zimmer nach Tutzing zurückkehre und wieder Nachhilfeunterricht gebe.
Hattest Du meine kurze Karte aus Kilchberg (den Gruß betr. Sonja Schimeck, meiner Eisenbahnbekanntschaft) bekommen? Von dem so verkehrsüberfluteten, auto- und menschenwimmelnden Neu-Heidelberg grüßt Dich und Deine liebe Frau vielmals
Dein Hermann.