Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. November 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.XI.48.
Mein geliebtes Herz!
Du wirst Dir denken, daß ich einen großen Schreck bekam über die Nachricht von Deiner Erkrankung. Denn wenn es auch keine Diptherie war, so ist eine Angina an sich schlimm genug und mich deucht, daß es bei so vielem Herumdoktern daran recht leicht eine septische werden könnte. Ich bin recht dankbar, daß es so vorüberging und daß Du die entscheidende Direktion behieltest. Hoffentlich fühlt sich die betreffende Ärztin recht blamiert, daß sie Dir neben der Krankheit solch unnötige Erregung verursachte. Aber rechne lieber ihre Unbegabung nicht der ärztlich Kunst im ganzen zu, das wäre mir schmerzlich. Diese ehrgeizige Person mit ihrem Wichtigtun ist ein Typ, den es auch sonst gibt, das ist individuelle Eigenart. Es ist wohl leicht, daß Frauen im männlichen Beruf gern übertriebene Sachlichkeit markieren. Und die psychologische Behandung ist spezielle Begabung. Für solchen Fall war die alte Sitte des Hausarztes sehr günstig. Die nüchterne Einstellung auf den "Fall" ist in den Kliniken schlimm genug, und im ganzen ist doch die heutige Medizin wieder auf die Behandlung des ganzen Menschen eingestellt und Deine eitle Ärztin ein überwundenes Exemplar.
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Doch genug davon, und nur noch einmal ein froher Dank, daß Du die Attacke so gut überwunden hast. Du bist doch "im Grunde" eine sehr elastische und gesunde Natur, daß Du so fix wieder arbeitslustig und arbeitsfähig warst.
Zwei liebe Briefe habe ich heut eigentlich zu beantworten, denn für den vom 18. Nov. habe ich noch ebenso wenig gedankt, wie für den letzten vom 25. – Darin lag das Bild, das eine sehr gute Photographie ist, mir aber irgendwie einen Zug der Mainzer Gesamtstimmung durchscheinen läßt, der es mit ein wenig fremd macht. Das liebste ist mir doch das kleine Paßbild vom Sommer 47. –  – Und das Danken nimmt kein Ende, denn am letzten Tage von Hermanns Hiersein kam der Postbote mit 120 M. aus Tübingen. Du weißt, wie innig ich aus allem Deine treue Liebe fühle!
Also in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag ist Hermann um 4.15h nach Oeynhausen abgereist. Es war sehr hübsch und behaglich mit ihm. Er hat sich sehr geduldig in die Enge der Verhältnisse gefunden und mir auch recht praktisch geholfen. Er hat Milch geholt und das Essen vom Hilfswerk, hat Kohlen aus dem Keller und Holz vom Boden geholt, und vor allem meine Bücher auf Erstausgaben
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| untersucht und aufgeschrieben. Das hat ihm sichtlich Freude gemacht, und überhaupt war er stillzufriedener Stimmung, summte viel vor sich hin, und hat mir aus der Bahn schon einen munteren Brief geschrieben. – Was meine Füße anbelangt, so bin ich in der Tat gerade durch ihr Versagen mit Dir im Einklang des Erlebens gewesen. Aber so teuer wie bei Dir wird hoffentlich die Sache bei mir nicht ablaufen. Es wäre richtiger gewesen, einige Tage ganz still zu liegen, aber die häusliche Arbeit, noch dazu für einen Gast, hinderte etwas daran, wenn ich auch jeden unnötigen Weg vermied und Hermann dadurch von Heidelbergs Schönheit so gut wie garnichts sah. Sofort nach seiner Abreise ging ich in die Sprechstunde zu Frl. Dr. Clauß und brauchte dazu mit der Fahrt genau 4 Stunden!! Es waren 10 Patienten vor mir da. Resultat ist nun, was auch meine Vermutung war: ein Nachlassen der Bänder im Mittelfuß links und rechts – was man Senkfuß oder "gebildeten Plattfuß" nennt. (Wie könnte es auch ein ungebildeter sein!) Ich soll nun morgen zum Orthopäden, der mir Einlagen in die Schuhe verschreiben wird, wozu ich am Sonnabend auf der Kasse einen Krankenschein holte. So wird es also ein billiger Scherz, denn ich bin durch meine Altersrente in der Krankenkasse. – Überhaupt gab
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| mir Frl. Dr. einige Verordnungen und vor allem für die Füße möglichst viel zu liegen. Es wurde ohnehin von selbst schon besser und solch Sonntag ohne Ausgehen schont sie sehr. Es waren nämlich abscheuliche Schmerzen und ich schlich elend humpelnd durch die Gegend. Ich bin überzeugt, daß ich rasch wieder auf den Beinen bin, und mit wenig Kosten. Außerdem bin ich so reichlich mit Geld versorgt, daß ich auch dem "Spezialisten" gefaßt entgegenstehen könnte. Ich habe mit Deiner neuen Sendung noch 177 M; habe 37,20 M Rente und 20 M von der Klinik zu bekommen.
Wie steht es denn seitdem mit Deinen Augen? Wie gut, daß der Prof. Stock keine Erkrankung fand! – Es ist günstig, daß der Winter noch immer mäßige Kälte bringt. So wird das Lesen im Festsaal doch nicht schädlich sein und Du kannst ungetrübte Freude an Deiner großen Hörerschar haben. Bleibe jetzt nun aber hübsch gesund, denn das wirkt sich bekanntlich auch an mir aus. Mit Teilnahme denke ich daran, wieviel Sorge Susanne in den Tagen um Dich gehabt hat. Grüße sie herzlich, ebenso Ida. Und verzeih die schlechte Schrift. Ich schreibe im Liegen, das mir ganz merklich von den Schmerzen geholfen hat. Ich grüße Dich von Herzen.
Deine

Käthe.