Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Dezember 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Dezember 1948.
Mein liebes Herz!
Der Wunsch, zu schreiben, siegt über die Einsicht, daß der Brief das Porto nicht wert sein wird. Aber ich vertraue auf Deine Nachsicht, die mit dem guten Willen vorlieb nimmt. Es ist eine so große Müdigkeit in mir, daß ich gestern, Sonntag, sehr gern die Anordnung von Frl. Dr. Clauß befolgte, einen "Apfeltag" einzulegen, d. h. im Bett zu bleiben und nur von Äpfeln zu leben. Ich habe nach und nach etwa 1 <altes Pfundzeichen> vertilgt und viel geschlafen. Es hatte sich durch den fortgesetzten Kampf mit den Schmerzen in den Füßen eine dauernde Erschöpfung angesammelt, und auch die widerwärtige eisige Nebelluft fiel mir auf die Nerven. Aber die mildere Witterung und das bequeme Leben lassen mich heut wieder ganz bei Kräften sein. Hoffentlich kannst Du das auch von Dir sagen. Ich bin doch immer noch etwas in Unruhe, ehe ich wieder mal eine Nachricht habe, die mir Deine dauernde Wiederherstellung bestätigt. – Ich hatte ziemlich viel Mühe mit Wegen in die Stadt, zur Krankenkasse, in die
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| Sprechstunden zu Frl. Dr. Clauß und dem Orthopäden Dr. Graf, was jedesmal langes Warten bedeutet [über der Zeile] und ganze Vormittage kostet. Aber ich habe mit dem Spezialisten gute Erfahrungen gemacht. Er redet nur das Allernötigste, besieht den Schaden und trifft kurz seine Maßnahmen. Heut habe ich, nach mehrtägiger Probe in der vorigen Woche, die Einlagen in die Schuhe bekommen, die mir glänzend passen und mit denen ich ohne jede Beschwerde gehen kann. Das alles auf Kosten der Krankenkasse! – Und mit dem übrigen Menschen ist Frl. Dr. auch zufrieden. Der Blutdruck ist zurückgegangen und ich habe seit heute wieder Lust zu arbeiten. z. B. habe ich Anmachholz gehackt.
Eigentlich hatte ich gehofft, der Ruhetag im Bett würde mir recht behaglich Zeit zum Schreiben geben, aber die Kälte im Zimmer (8°R) ließ mich ganz unter die Decke kriechen und ich fiel aus einem Halbschlaf in den andern, nicht einmal zum Lesen raffte ich mich auf.
Du wirst natürlich denken, die Zeit mit Hermann sei so angreifend gewesen, aber ich kann mit gutem Gewissen versichern, daß er mir mehr Hülfe als Mühe gebracht hat. Nur das
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| Mißgeschick mit dem Fuß war schuld, daß wir um so manches nette Vorhaben gekommen sind. Ich bin nur froh, daß die starke Kälte erst nach seiner Abreise einsetzte.
Jetzt hat man nun mit Sorgen nach Berlin gedacht, und mit Erregung von dem guten Verlauf der Wahlen gelesen. Was wird es nützen? Werden nun auch andere entsprechend standhalten? Es wäre blamabel wenn sie es nicht täten. Aber wann richtet sich Politik nach moralischen Grundsätzen! Nur in Zeitungsartikeln.
Der Fußdoktor wohnt gleich neben dem Josephshaus, wo Frl. Heraucourt krank liegt, und da bin ich jedesmal gleich zu ihr gegangen. Heut traf ich sie nun zum erstenmal außer Bett und hatte endlich mal den Eindruck, daß es doch jetzt im Besserwerden mit ihr ist. Hätte man doch das Penicillin früher angewandt und damit viele Kräfte geschont. Aber es soll Vorschrift sein, daß man es nur bei Lungenentzündung gleich, und sonst nur im äußersten Notfall anwenden darf.
Ist es Zufall, daß Trudel Nitsche eben ungewöhnlich gesprächig und freundlich ist? Weihnachten
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| steht bevor, und ich machte manchmal in ähnlicher Lage die gleiche Beobachtung. Ist es ein Zufall? Ist es meine bösartige Auffassung? Auf alle Fälle ist mir diese normale Atmosphäre angenehm.
Auch die Temperatur im Zimmer werde ich möglichst auf erträglicher Höhe halten. Wenn der kleine Ofen trotz des vorhandenen Materials (wir bekommen wieder 2 Ctr. Eibriketts), das reichlich in Keller liegt, nicht genügen sollte bei stärkerer Kälte, so hat mir Frl. Dr. Clauß im Attest geschrieben, das mir Zusatzberechtigung an Strom für "Wärmebestrahlung" verordnet. Das Frieren kommt mir aber öfters mehr vor wie nervös, so von innen heraus, auch nachts im warmen Bett!
Doch nun genug von all den Nichtigkeiten. In wachen Stunden habe ich Meineckes "Deutsche Katastrophe" wieder vorgenommen und grüble darüber, inwieweit es gerechtfertigt ist, in einer Sache wie Bismarcks genialer Staatsschöpfung, die eine ungewöhnlich lange Friedensperiode herauf führte, auf ihre Schuld an einer verfehlten Gegenwart hin zu untersuchen. Sollte man nicht vielmehr betonen, wie diese Gegebenheit "mensch
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|licher und geschichtlicher Größe und zugleich Problematik" nach dem Gesetz irdischer Unvollkommenheit, durch mangelnde Einsicht und Überheblichkeit der nachfolgenden Zeit zerstört wurde? Es hieße doch sonst alles wirklich Große zu verurteilen, weil es auch sterblich ist. – Heute bekam ich zu meiner großen Freude die Danksagung für die Geburtstagswünsche zum 86. Geburtstag des alten Herrn mit eigenhändigem Gruß und Dank [über der Zeile] unterschrieben. Es ist mir ein Geschenk, daß auch mein unbedeutender Glückwunsch diese persönlichen Schriftzeichen auslöste, da ich doch aus der Zeitung weiß, daß er vom Krankenbett aus die "Freie Universität" eröffnete. Möchten sich recht viele in der Ostzone an seinem Glauben stärken! Und möchten auch sie den Weg ins Freie wiederfinden. Seine ehrwürdige Persönlichkeit wird vor etwaigen Gefahren geschützt sein, möge er seinem Wirkungskreis noch lange Schutz sein können.
Wie dankbar bin ich, Dich in glücklicheren Schaffungsmöglichkeiten zu wissen. Halte nur haus mit Deinen Kräften!
Viele innige Grüße fliegen zu Dir, auch wenn ich nicht schreibe. Und die lieben Hausgenossen grüße ich auch.
Deine Käthe.