Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Dezember 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14.XII.48
Mein geliebtes Herz!
Wie bist Du nach Ehingen gefahren? Ich habe auf dem [über der Zeile] Plan und im Kursbuch die Züge von dazumal studiert, und vermute, daß die Möglichkeit über Sigmaringen die beste ist. Vermutlich hat es bei dieser Gelegenheit ein Wiedersehen mit Frl. Krogner gegeben? Ich habe lebhaft an unsern Aufenthalt in Ulm mit seiner reizvollen Wehrmauer gegen die Donau und an unsern Besuch in Blaubeuren gedacht!
Sehr froh bin ich, nicht nur im eignen Interesse, sondern mehr noch für Dich, daß der Winter, der als so besonders kalt annonciert war, sich so milde anläßt. Da ist doch das Reden in dem ungeheizten Saal nicht so ungesund. Und bei der gegenwärtigen Temperatur ist auch mein Zimmer genügend heizbar. Ich habe eine Klappe im Rohr anbringen lassen, die es verhütet, daß zu viel von der kostbaren Feurung durch den Schornstein
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| fliegt. Aber ich weiß, daß man sie nur zuschieben darf, wenn alles gut durchgeglüht ist.
Daß mir die Einlagen in den Schuhen vom ersten Moment an äußerst bequem waren, schrieb ich Dir ja. Ein wenig ungewohnt ist aber die damit gegebene Erhöhung, die etwa ein Gefühl wie auf Stelzen gibt. Das ist wohl auch schuld daran, daß ich leicht stolpere. Auch ist mein Gang schon länger anders geworden, ich hebe die Füße nicht genug, und die plumpen Schuhe, die ich mir im Sommer in einer gewissen Panik ungeschickt kaufte, sind auch nicht günstig. So ist es gekommen, daß ich wenige Tage, nachdem ich von den Fußschmerzen glücklich befreit war, recht gründlich hingefallen bin. Es war zwischen 6 und 7 Uhr abends, an einem mondhellen Tage, aber in der Von der Tannstr. waren die Autos so weit auf den Gehweg gefahren, daß ich nicht auf den Boden guckte, sondern nur eilig vorbeischlüpfen wollte, und da lag ich schon in ganzer Länge, d. h. so viel ich davon aufzuweisen habe! Aber bei meiner guten Natur hat es weiter nichts geschadet. Nur hat es mir
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| wieder allerhand lästige Behinderung gebracht, die ich bei meiner selbständigen Lebensweise nicht gut brauchen kann. Frl. Dr. Clauß hat zwar erst einen Knochenbruch in der rechten Hand vermutet, aber ich fühlte gleich, daß es nur eine Prellung war und einige Tage fester Verband haben mich geheilt. Nur muß ich natürlich noch Anstrengung der Hand vermeiden. Und geschlafen habe ich nach der Geschichte wie ein Säugling, am Tage und nachts, völlig wie erschöpft. Das war die natürliche Reaktion, und die ist auch die Grund, weshalb ich am Sonntag diesmal nicht zum Schreiben kam. Ich habe schon oft das Talent bewiesen, mich einfach gesund zu schlafen. – Auch äußere Umstände haben sich zu meinen Gunsten gefügt. Das Mittagessen holte mir immer eine alte Frau, mit der ich durch diese Altersspeisung bekannt wurde, und am Sonntag war ich zum Essen eingeladen, so daß ich tagelang gut versorgt war. Und jetzt bin ich wieder ganz arbeitsfähig. – Nur mit meinen kleinen Weihnachtsplänen bin ich in Rückstand geraten und möchte deshalb heute schon schreiben, daß ich
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| zu meinem Kummer garnichts zu schenken habe. Es geht mir alles so langsam von der Hand und es ist eine große Entschlußlosigkeit in mir, die es mir schwer macht, eine große innerlich Faulheit zu überwinden. Du siehst also: "mit mir ist nicht viel los."!
Aber sehr lebhaft ist mein Wunsch, daß der "telepathische Gleichschritt", von dem Du schriebst, in diesem Falle nicht eintrat, sondern daß Du Dich wohl fühlst und mit innerer Befriedigung den hohen Anforderungen Deines täglichen Berufes gewachsen sein kannst.
In wenigen Tagen wird nun das Licht auf unserem Erdball wieder wachsen und mehr denn je genießt man in dieser dunkel verworrenen Zeit diese nie enttäuschte Hoffnung. Je weniger ich äußerlich für das Fest des Lichtes vorbereiten kann, desto mehr ist mein Herz dafür bereit. Und mit diesen Gedanken bin ich bei Dir, auch wenn Du weniger schreiben kannst. Ich will doch nicht auch noch Mühe verursachen!
Und so sei innig gegrüßt von
Deiner
Käthe.

[li. Rand] Die Broschüre von Meinecke lese ich mit wachsenden Verständnis weiter.