Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. Dezember 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Dez. 1948.
Mein geliebtes Herz!
So armselig wie diesmal bin ich noch nie zu Weihnachten zu Dir gekommen! Ich würde noch trauriger darüber sein, wenn ich nicht wüßte, daß dieser Mangel für Dich doch nur ein äußerer Schein sein wird, und daß Du ihn aus meiner augenblicklichen Behinderung verstehst. Du wirst, so hoffe ich, einen kleinen Ersatz bekommen, den ich in den Weihnachtstagen herzustellen denke, und heute schon auch das fühlen, was mich dabei beseelt. Es ist mir in diesem Jahr schwer geworden, die Sammlung zu weihnachtlicher Stimmung zu finden, aber jetzt fängt es doch an, lichter und freudiger in mir zu werden. Es wäre auch garzu undankbar, wollte ich nicht in dankbarem Herzen fühlen, wie gnädig mit mir das Schicksal verfährt, das mich gerade in letzter Zeit vor wiederholter ernster Sorge bewahrt hat. Denn ich darf doch
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| hoffentlich annehmen, daß die gesundheitlichen Störungen, von denen Du mir kürzlich zu berichten hattest, völlig überwunden sind! Und der kleine Unfall, den ich Dir leider melden mußte, ist auch besser abgelaufen, als es erst den Anschein hatte. Ich bin nur unverhältnismäßig behindert dadurch gewesen, und es wurde mir schwer, auf manch kleine Vorbereitung für Weihnachten deswegen zu verzichten. Jetzt habe ich aber gestern nun doch wenigstens noch einen schönen, großen Tannenzweig in einer verhältnismäßig nahen Gärtnerei erstehen können, der nun wie alljährlich ein Bäumchen vortäuscht, und ich werde ihn am heiligen Abend mit den goldenen Nüssen und dem immer gleichen Stern schmücken – Deiner gedenkend, und Eurer Weihnachtsfeierstunde. Das ist nun freilich nur eine Freude für mich selbst und nicht, was schöner wäre, für andere. Aber [über der Zeile] ich suche mir klarzumachen, daß es vielleicht auch ein Liebesbeweis werden kann, sich in aufrichtiger Freude beschenken zu lassen! Und
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| dazu habe ich bereits jetzt volle Gelegenheit! Zwei gewichtige Päckchen kommen von Tübingen, von denen ich den reichen Inhalt vermute. Und heute nachmittag kam eine schlesische Verwandte von der Familie Knaps – Frau Mehnerderen Mann Direktor bei den Anilinern war, und die ich beide jetzt manchmal in Neuenheim sah, und brachte mir eine reizende verpackte große Tüte mit allerlei guten Dingen. Das war eine ganz unvermutete Überraschung, denn früher kam sie nur in dieser Art zum Vorstand, und wir besuchten uns nicht. –
Eine Freude ist es auch, daß Hanne Héraucourt am Donnerstag nach Haus kommen darf. Ihre Mutter hatte am gleichen Tage wie ich den Fuß verknaxt und ich hörte gestern, daß sie ebenfalls im Josephshaus gelegen hat. Heut habe ich beide dort kurz besucht und die Mutter gerade im Aufbruch getroffen. So haben sie doch dann beide ein hübsches Fest daheim.
Gestern, Montag abend, hatte mich, eigentlich
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| recht widerstrebend, Frau Buttmi nach dem Nachtessen eingeladen. Da ich erklärte, abends nicht mehr ausgehen zu wollen, holte sie mich ab und brachte mich wieder zurück. Das ist mir doch auch ein liebes Geschenk gewesen. Und so werde ich weiter von guten Menschen verwöhnt, denen ichs garnicht entsprechend vergelten kann. Wie sollte man da nicht das Licht der Weihnachtszeit spüren?! –  – Heute morgen dachte ich auch mit Freude: von nun an geht täglich wieder die Sonne früher auf! Und wie oft habe ich auch morgens, wenn ich mich ungern zwischen ½ 8 und 8 Uhr erhob, daran gedacht, wie Du nun schon wieder im Begriff seiest, Vorlesung zu halten, und die Bewunderung für Deinen Fleiß half mir, die eigne Faulheit zu überwinden. So bist Du mir immer gegenwärtig, vorbildlich – helfend, der Sinn und die Kraft meines Lebens. Es gibt wohl viele, deren Leben reichen Gewinn durch Dich empfängt in Lehre und brieflicher Mitteilung. Ich aber kenne und fühle Dich in Deinem tiefsten Sein, Deine Klarheit des Denkens, der
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| unbestechliche Wille zur Wahrhaftigkeit, aus dem heraus Lehre und Menschentum zur lebensweckenden Persönlichkeit gewachsen sind. Das fühlen die Schüler und darin liegt der Kern Deiner großen Wirkung. Wie glücklich bist Du, jetzt aus der Reife Deines Seins schenken zu können! Wir aber, Deine Nächsten, Susanne und ich, wir dürfen Dich lieben! Darin sind wir glücklich und – wie ich gewiß bin – Du mit uns.
Das sind so meine Gedanken unter dem Weihnachtsbaum. Und dabei wünsche ich dann von Herzen, daß der "zweite Akt" in Tübingen ebenso befriedigend und Deinen Kräften angemessen verlaufen möge, wie der bisherige. Wenn Du Dir kein Übermaß aufbürden läßt, dann ist da keine Sorge nötig. Vielleicht löst sich ja die Berufungsfrage noch auf eine günstige Art. – Die schöne Schwungkraft dieser Feder soll ein Sinnbild sein für das, was Dir jedes Kalenderblatt von meinen Wünschen für
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| Dich sagt. Erkennst Du sie wieder, die wir auf unserm schönen Weg von Rottweil nach Niedernau fanden?
Ich möchte Dir noch viel sagen und erzählen, aber es ist höchste Zeit, daß der Brief fortkommt. Darum nur noch innige Grüße weihnachtlichen Friedens von
Deiner

Käthe.