Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Januar 1949 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

22.I.49.
Meine einzige Freundin!
Die Irreführung durch meinen Fahrplan war recht nachteilig. Wenn gegen 16.30 noch ein Zug nach Stuttgart ging, hätte ich doch den Zug, der kurz vor 21 von Stuttgart geht, mit Bequemlichkeit erreichen müssen. Aber die Sache sollte nun einmal verbockt sein; man ist in solchen Augenblicken nur darauf bedacht, nicht noch einen neuen Fehler zu machen. Das Essen bei Dir war ja höchst vorzüglich und den weitesten Weg wert. Aber reden konnten wir nun eigentlich garnichts. Das wäre vielleicht bei einem Wege am Neckar besser möglich gewesen. Nun, hoffentlich das nächste Mal!
Der Mann in meinem "Schwerbeschädigtenabteil" war ein Steuerhinterziehungsfahnder. Da ich den Vorzug hatte, mit ihm ganz allein zu bleiben, konnte
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| ich mit ihm außer allen übrigen Fragen der Zeit auch meine Berliner Steuersorgen besprechen, wobei sich aber nur herausstellte, daß es dafür noch keine Bestimmungen gibt oder daß er sie auch nicht kannte.
Am Stuttgarter Bahnhof trank ich Kaffee und wurde dabei von einer angehenden Lehrerin identifiziert, die einmal – einen Vortrag von mir gehört hatte. Auf dem Bahnsteig nach Tübingen traf ich den mit 2 Zyklopenkoffern aus Halle kommenden netten Patensohn Wolfgang Herchenbach, und der ganze Zug quoll von zurückströmenden Studenten über. Um 20 Uhr war ich zu Hause und fand meine 30 Postsachen von 2½ Tagen vor.
Diese erste Woche war ungemein anstrengend, weil ich in der Vorlesung bei der Relativitätstheorie bin, die an meinem Vorstellungsvermögen immer Grenzen findet. Aber der Besuch ist höchstens um 30–40 verringert; das Katheder immer noch blockiert. Diesmal hatte sich zum Anfang sogar ein reizender kleiner Terrier eingefunden, der zur allgemeinen Heiterkeit erst hinausgetragen werden mußte. Das Hündchen Turbur (?) von Oberzell?
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Morgen kommen der Internist Bennhold u. der Germanist Kluckhohn mit Frauen. Mit dem letzteren will ich beraten, ob ich die Einladung zur Goethefeier in London 8./9. August annehmen soll. Die Vorstellung dieser Reise – wohl im Flugzeug – beunruhigt mich im voraus, und ich sehne mich nach einen stilleren Sommer.
Am Sonntag gab das Leibnitianum hier einen Mordesempfang. Auch solcher Massenansammlungen bin ich entwöhnt. Es ist überhaupt oft schon etwas zu viel für mich. Um "zu mir zu kommen", plane ich für Montag zwischen 14 und 19 eine Ausflug mit der Bahn nach Eyach (2 Stationen hinter Niedernau.) [re. Rand] Wetterfrage. Von da will ich – ca 2 Stunden Landstraße – nach Horb gehen, ein Glas Wein trinken und abends um 19¼ zu Hause sein. Denn am Dienstag um 8 ist Kolleg.
Die Köngener sind eine alte Jugendbewegungsgruppe (cf. Marianne Weber), die jetzt wieder jungt. Es waren Alte und Junge da. Ich habe von meinen fürsorglichen Wirtsleuten (Dieterle) den Haussegen geschenkt bekommen, der mir so sehr gefallen
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| hat: "Alles, was Dir begegnet, muß zuerst an Gott vorbei."
Die Sachen in Berlin regen mich mehr und mehr auf. Die Masse hier hat dafür garkein Interesse.
Ich muß wohl schließen. Zwischen dem 24.XII und 15.I. sind 140 Postsachen aus meinem Hause gegangen. Da hast Du ein Bild.
Die beiliegenden Briefmarken bitte nicht zu lecken.
Ich danke nochmals für die rührend vorbereitete, üppige Bewirtung bei Dir und grüße Dich mit all den Wünschen u. Gedanken, die Du kennst.
Innigst Dein
Eduard [Spranger] [unter dem Nachnamen] Automatismus der Hand.