Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1949 (Tübingen)


[1]
|
<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

23.II.49.
Meine einzige Freundin!
77 ist eine sympathische Zahl. Wenn man einmal alt geworden ist, macht ein Jahr mehr oder weniger garnichts aus. Man hat sich in diesem halb zeitenthobenen Bereich eingerichtet und ist zur inneren Ruhe gekommen, was vielleicht das schönste Gnadengeschenk des Lebens ist. Wäre nicht der Körper manchmal ein unwillig gewordener Diener, so säße es sich in der etwas entrückten Loge garnicht schlecht. So empfinde ich es, und wünsche Dir zum 25.II., daß auch Dir das Positive stärker zum Bewußtsein komme, als das Negative. Dazu gehört Gesundheit, Geduld und freundliche Mitmenschen, an denen es Dir ja Gottseidank nicht fehlt. Du solltest Dir nun außerdem eine Flasche Pfälzer Wein kaufen, damit Dein Geburtstag ganz nach meinem Sinne ist.
[2]
|
Dein Eindruck von Litt hat mich sehr interessiert. Daß er mir ähnlich sehen solle, habe ich noch nie gehört (das war Sigmund-Schultze.) Er ist ein Kraftmensch, ich bin zeitlebens eine kümmerliche Physis gewesen. Auffällig ist mir, daß Du ihn als Redner nur mäßig lobst; er ist der Beste unter den Lebenden, die ich kenne. Sein Thema scheint er diesmal etwas eigenartig angelegt zu haben. Der Hauptthese, daß wir uns politisch nicht auf die Dauer (!) aus der Welt zurückziehen dürfen, stimme ich zu, und ich sorge hier eben dafür, daß das bei den Studenten nicht einreißt. Man braucht diese Forderung ja nicht gerade mit Goethe zusammenzubringen; da handelt es sich um einen anderen Menschen und eine andere Zeit. Die P. Prov. ist [über der Zeile] überdies nur ein Teil der "Wanderjahre", die ganz zur Aktivität aufrufen und zum Schluß – leider – den Blick nach Amerika richten. – Es kommt mir so vor, als ob L. sich neuerdings als Redner, nun gar als Schriftsteller, etwas abgebraust hätte. Auch unser Verhältnis ist nicht mehr ganz so, wie es war. Man behauptet seit langem, "er mache Geld."
[3]
|
Ein neuer Schmerz ist eingetreten durch den Tod von Hans Wahl (Weimar.) Er hat sich im Dienste Goethes auf hoffnungslosen Posten verbraucht. Es wäre darüber viel zu sagen und zu klagen. "Deutsches Schicksal" – nach außen hin zu scheitern.
Mir ist es in der Woche, in der ich die Vorlesungen wieder aufnahm, garnicht gut gegangen. Es waren noch minimale Temperaturen, und ich mußte mir jede Leistung geradezu abquälen. Zu dem normalen Programm kamen noch 30 Fleißprüfungen, jede zu 20 Min.; 10 davon füllten den Sonntag. In dieser Woche habe ich 2 Vorlesungen eingelegt, beide Male in der angenehmen Zeit von 13–14. Dazu kommen 5 Sitzungen, so daß mancher Tag in der Form verläuft 8 Uhr Universität, 13 Uhr Universität und 20–22f. noch einmal Universität. Von dem herrlichen Wetter habe ich nichts; es hält nun schon wochenlang an; höchstens 20 Min. Botanischer Garten kommt heraus. Übermorgen schließen die Vorlesungen; aber es setzt sofort eine Staatsprüfungsperiode ein, die bis zum 20. März dauert. Man muß hier etwas tun für sein Geld. (für wenig Geld.)
Wenn nun Krüger nach Heidelberg geht (Flitner möchte es auch), d. h. wenn dieses 12 Monats
[4]
|kind wirklich einmal zur Welt kommt, sitze ich erst recht in der Tinte. Wenke ist zwar hierher berufen, aber wenn ....., dann wäre das auch erst Hilfe für den Winter.
Einladung zu dem (faschistischen) Philosophenkongreß in Mendoza (Argentinien) habe ich abgelehnt. London ist ein halber moralischer Zwang, schon weil Kippenberg nicht hingeht.
Am Sonnabend soll bei mir der (verschobene) philosophische Kaffee stattfinden. Ich bin dafür etwas zu kaputt. Aber man ist dafür dankbarer als für den besten Vortrag.
Jetzt muß ich sehen, wie ich aus ca 7 unerledigten Vorlesungen Stoff für morgen zusammenschneide, und abends um 20 – nach der Sprechstunde – ist noch eine wichtige Sitzung. Also nehme ich für diesmal Abschied und wünsche nochmals einen freudigen, friedlichen, nicht anstrengenden Geburtstag. Voriges Jahr war ich gerade da, das gute Wetter wird mich diesmal bei Dir vertreten.
Innigste Grüße
stets Dein
Eduard.