Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. März 1949 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

9.III.49.
Meine einzige Freundin!
Ich glaube, daß Du mir um 2 Briefe voran bist. Ich bestätige zunächst den Empfang der lange nicht genossenen Regenwürmer, die noch immer meinen Nachtisch bilden, und der "Volkszigarren". Diese sind ganz ordentlich; aber zu dem Preise kann ich sie hier auch haben, und Du sollst Dir damit keine Mühe machen.
Im übrigen erwarte bitte von mir keinen vernünftigen Brief. Ich bin in keiner günstigen Verfassung. Ende des Semesters habe ich mich überanstrengt, und das hat sich nicht ausgleichen lassen. Ich bin ohne jede Urteilskraft und lasse alles liegen, obwohl so vieles drängt.
So etwas ist bei mir natürlich immer auch psychisch. Ich ärgere mich krank
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| über die Unvernunft der hiesigen Einrichtungen. Vorige Woche 3 mal "Großer Senat" zu je 4 Stunden und 15 Stunden Staatsprüfungen. Wenn man dann noch die Ratsuchenden empfangen hat, bleiben gerade 2 Abendstunden übrig, und da ist man zu müde. Diese Woche geht es in der gleichen Art weiter, bis zum 21.III. Zwischendurch ein (überflüssiger) Vortrag in Stuttgart.
Ich habe beim Stuttgarter Ministerium (Mack) schon früher protestiert, daß bei diesen Lauseprüfungen jedesmal 3 hochqualifizierte Beamte dabeisitzen. Ich weigere mich, über 20 Stunden bloß als Protokollant dabeizusitzen. Das kann jeder Studienrat. Beim 3. Mal habe ich endlich – für den nächsten Termin – meinen Willen durchgesetzt. Ich wäre sonst damit bis zur obersten Stelle gegangen.
Heute kam Nachricht aus London: Zu Land und See daure die Reise dorthin und zurück je 3 Tage. Dies würde wohl
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| zu anstrengend werden, und so verzichte man bedauernd auf den Plan. Ich wüßte gern, was sonst noch dahinter liegt. Aber mir ist es im Grunde recht, daß diese – in manchem ja lockende – Verpflichtung gleich nach Schluß eines mörderlichen Sommersemesters fortfällt.x) [Fuß] x) Wenke schrieb aus London, es wäre unglaublich anstrengend. Es ist garnicht zu verkennen, daß meine Kräfte zurückgegangen sind, vielleicht weniger durch Altern, als durch eine Lebensweise, die eine geistige Konstitution nicht aushält: niemals freie Verfügung über einen ganzen Tag, nicht einmal Sonntags. So seit 1. November. Das unablässige Sitzungen läßt auch die Darmstörungen wieder auftreten, die ich während der ersten Demokratie (um 1924 bis 1928) hatte.
Ich danke herzlich für die Auskunft über Götze-Klaren. Auch mit der Zeitausgabe für Förderung einzelner Personen muß ich sparsamer werden. Meine Korrespondenz besteht schon aus lauter Nichtigkeiten.
Schinzinger schrieb direkt aus Japan.
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| Der in Europa hinterbliebene, kranke Japaner Shinohara fährt heute mit dem Flugzeug von Genf ab. Der Flug dauert im ganzen 5 Tage. Hoffentlich hält er ihn mit seinen sehr verbrauchten Kräften aus.
Ich erbitte wiederholt Dein Nachsicht, wenn ich heute nicht mehr schreibe. Der ganze Tag war besonders ungut, und morgen Punkt 8 muß ich weiterprüfen.
Bleibe Deinerseits gesund und habe nochmals Dank für alles!
Dein
Eduard.