Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. März 1949 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

25.III.49.
Meine einzige Freundin!
Die Tage, an denen man hier mit einer "Spitzmaus im Munde" aufwacht, werden immer häufiger. (cf. Freytag, Journalisten.) Nachdem Herr Krüger in Heidelberg angenommen hatte und zur Einrichtung der Wohnung dort hingefahren war, erschien er vorgestern am späten Abend bei mir und erklärte, er habe alles rückgängig gemacht und wolle hier bleiben. Ganz durchsichtig ist die Sache noch nicht. Der Entschluß würde mir im Sommer natürlich manche Erleichterung bringen, falls er wirklich auch liest. Zunächst aber war schon manches auf sein Fortgehen eingestellt und muß nun umgestellt werden. Es ist hier der klassische Ort der unprogrammmäßigen Verläufe.
Gestern habe ich den Brief von der Reichenau erhalten, den ich u. R. mit dem von Hannelore hier beifüge. Er
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| bestätigt, daß wir dort nicht wohnen könnten. Auch mir wäre es wie ein Traum, wenn sich ein Frühlingsaufenthalt dort ermöglichen ließe. Aber das hindert vorläufig nicht nur die Beschlagnahme des Mohren, sondern leider noch manches andere:
1) das Geld langt nicht, weil unbedingt Nötiges beschafft werden muß; ein Sommeranzug steht auf der Ausgabenliste mit mehr als 300 M!
2) falls ich (s. u.) nach Überlingen gehen sollte, so muß ich dort die Vorlesungen geistig organisieren; also muß ich allein sein.
3) wäre die Fahrt für Dich sehr anstrengend, und die Heizung ist nicht so ganz sicher. (cf. April in Wiesbaden!)
Aber wir wollen weiterträumen und annehmen, daß im Spätsommer der "Mohr" schon wieder geöffnet sein könnte.
Heute habe ich die Nachricht bekommen, daß ich im "Anker" in Überlingen – wohl ziemlich 2. Ranges – ein heizbares Zimmer in der Woche vor Ostern haben könnte. Ich bin noch nicht entschlossen. Aber die ständigen Unterbrechungen durch Besucher hier machen es eigentlich dienstlich
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| notwendig, mich 6–7 Tage diesem aufreibenden Betrieb zu entziehen. Morgen ist z. B. schon wieder Großer Senat. Wenn man hier ist, kann man sich nicht verbergen.
Nachdem London für Kluckhohn und mich sich in einen Nebelstreif aufgelöst hat, habe ich bereits 4 Briefe aus Chicago erhalten, die mich zu Gastvorträgen und einem Seminar für Dozenten! sowie zu einer Goethefeier in den Rocky Mountains (m. A. Schweitzer und Ortega y Gasset) einladen. Es handelt sich um die nach deutschen Muster organisierte Universität Chicago, an der u. a. Joachim Wach, Bergsträßer, Liepe (Mann einer Böhmseminaristin dozieren! Kommt natürlich garnicht in Frage, aber erfreut das Herz.
Nebenbei: die Leute in Mendoza (Argent.) haben sich so um mich bemüht, daß sogar die Gesandtschaft in Paris und das Ministère des Affaires Étrangères sich eingeschaltet haben.
Ich bin froh, wenn ich mein Vortragsprogramm für den Sommer und den Vorlesungsbetrieb (incl. der hiesigen Goethefestrede) durchhalten kann. Es ist nämlich ein zunehmendes Mißverhältnis zwischen den Ansprüchen, die die deutsche Öffentlichkeit an mich macht, und dem Nachlassen meiner
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| Kräfte. Einer der schlimmsten Punkte ist die (meist belanglose) Korrespondenz, und dabei besonders schlimm, daß ich nicht mehr frisch genug bin, auf das von Dir angeschlagene politische Thema einzugehen. Aber interessant war es mir, daß auch Treitschke in Süddeutschland gern gelebt hätte. Ebenso sehe ich ein: das nüchterne Preußen an Weichsel u. Elbe mußte sein, und daß es heute fehlt, ist eine Tragik der Weltgeschichte, die nicht nur die Deutschen trifft.
Mein Vortrag in Stuttgart war von 600 Leuten besucht, und zwar so, daß im Mittelgang gegen 150 Leute dicht gedrängt 1 ½ Stunden standen. Viele mußten fortgehen, weil sie keinen Einlaß mehr fanden. Unter den Hörern war m. alter Freund, unser Minister Bäuerle, u. der Justizminister Beyerle. Die honneurs machte mir der frühere Tübinger Psychiater Gaupp (79) ein sehr reizender Herr, viel angenehmer als der Papst (s. jetziger Nachfolger.) Denkst Du noch an den Albert Überle-Saal in Stuttgart (1922?)
Bei Euch soll man schön spucken, daß man nach 1 Jahr Warten immer noch keinen Philosophen hat. (Sie hätten aber jemanden bekommen, der entschieden katholisiert.)
Ich bin betrübt, daß die Besserung bei Frl. Héraucourt nicht anhält. Wie viel Plage und Auf und Ab der Stimmung! Für heute muß ich schließen. Du wirst bald in die Blüte gehen <li. Rand> können. Aber vermeide ja Anstrengung des Herzens im Frühling! Innigst Dein Eduard
[re. Rand] BrenneckeNicolassee droht mit Besuch.
[Kopf] 1.–5. April Comburg/Stuttgart.   2./3. April Adresse Comburg.