Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. April 1949 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

8. April 49.
Meine einzige Freundin!
Geographie schwach! Die Comburg liegt nicht bei Stuttgart, sondern 75 km davon in imponierendem Aufbau über oder bei Schwäbisch-Hall. Dorthin wurde ich mit einem Ministerialauto am 1. April gebracht und oben von den Kursteilnehmern: Religions- und Deutschlehrern aus Baden (auch Hockenheim) und Württemberg beider Konfessionen warm empfangen. Ich wurde aber nicht auf der Burg untergebracht, sondern unten in der Stadt im Solbadhôtel, einem alten, aber ganz gemütlichen Hause. Am gleichen Abend ließ ich mich noch von einem Tischgenossen in die Geheimnisse der Zigarrenfabrikation einweihen.
Am 2.IV um 8 brach ich nach der Burg auf, sogleich gefolgt von einer Tübinger Studentin (kath.) Der Weg am Kocher ist ganz nett; nachher Anstieg, im ganzen ½ Stunde. Mein Vortrag "Christentum u. Humanitätsidee" sollte in 2 Teilen ablaufen. Aber es entstand zunächst eine Schwierigkeit. Der Saal war so überfüllt, daß ich nicht hineinkonnte.
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| Aus der Umgegend hatten sich allerhand Leute eingefunden, auch ein Omnibus mit der Oberstufe der Lehrerbildungsanstalt Schwäb. Gmünd (mit Direktor und m. Schüler Dr. Dürr.) Die mußten erst hinausgetan werden; dann konnte ich durch die gedrängt gefüllten Gänge hinein u. konnte mit gutem Erfolg meinen Spruch reden. Hinterher kam der Dürr und barmte. Was blieb mir übrig, als um 14 Uhr die Schw. Gmünder noch extra den für Stuttgart bestimmten Vortrag "Grundstile der Erziehung" zu halten? Um 16 Uhr hatte ich dann eine Philos. Arbeitsgemeinschaft zu leiten, improvisiert, da das Thema "Erziehbarkeit des Gewissens" erst von den Teilnehmern gewählt wurde. Es war eine sehr hochstehende Diskussion, ich – bis 18 Uhr – stehend. Dann, also nach 5 Stunden Arbeit, Abendessen in der Gemeinschaft. Wirtschaftsleiterin Frl. Rümelin, Tochter des Kanzlers v. Tübingen. Abends mit der kath. Studentin Kuppe beim Wein. – Sonntag sah ich mir die sehr interessante Stadt an. Es war Konfirmationssonntag. Zu der alten mächtigen Kirche führen 56 Stufen empor, u. man hat einen schönen Blick über Stadt und Berge. Mittags zum Essen auf der Comburg. Um 14 Uhr beim Geschäftsführer Dr. La
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, einem alten Leipziger Hörer, zum Kaffee. Die Frau kommt aus Riga; viele gemeinsame Erinnerungen. Von 15–17 Uhr Führung durch die Comburg (Thema für sich.) 17 Uhr Vortrag eines Benediktinerpaters aus Beuron, der in Tüb. eben studiert hat. ("Was Sie sagen, hört sich gut an ......") Gemeinsames Abendbrot. Unten im Hotel noch mit dem Kollegen Leese aus Hamburg zusammen.
Montag früh ging ich noch einmal auf die Burg, hörte wieder einen kath. Vortrag. Um ½ 11 war mein Auto da, und unter den Ovationen der dankbaren Teilnehmer fuhr ich ab. Um 12 war ich im Hotel StafflenbergStuttgart. Um 14¾ im Rundfunkhaus, um einen Goethevortrag für Radio Frankfurt aufs Band zu sprechen. Wieder wurde ich begrüßt, als wenn ich der Geheimrat Goethe selbst wäre; in ½ Stunde nicht einmal versprochen. Aber die Stimme klang bei erstem Reproduktionsversuch absolut fremd. Man ließ mich im Auto ins Hôtel fahren. Um 19 Uhr Vortrag für die Junglehrer, etwa 300 Teilnehmer. Abends still im Hôtel.
Dienstag um 10 in der werdenden Päd. Akademie (Caselmann), um mit beiden Gruppen, Studienreferendaren u. Volksschulkandidaten, ein "Gespräch"
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| zu führen, wieder improvisiert. Die halbe Schulabteil. des Ministeriums, von Mack an, war da. 5 Themata zur Wahl gestellt. Es wurde zufällig wieder das Gewissensthema gewählt. So etwas macht nicht jeder, mit 200 (!) Leuten ein philos. Gespräch zu produzieren. Ich bin heute in solchen Sachen absolut sicher. Aber technisch war es abscheulich (schlechte Akustik u. Straßenradau.) Die Teilnehmer zeigten sich diesmal als völlig ungeschult im Denken u. Können. Aber ich holte doch noch etwas heraus.
Um 14½ ging ich in die staubige Stadt, um Kragen zu kaufen (die es nicht gab) Um 15½ auf der amerikanisch finanzierten Päd. Arbeitsstelle. Von 16–18 noch einmal Aussprache mit ca 50 Junglehrern (Volksschule.) Um 18½ kam mein Auto, und, nach regnerischer Fahrt durch den Schönbuch, war ich um 19.20 zu Hause.
Die warme Verehrung, die mir überall entgegenkam, hatte etwas Rührendes. (oller Herr!) Ich sehe, daß ich in der Pädagogik noch nicht entbehrlich bin.
In 3 Stunden geht mein Zug nach Überlingen, wo ich 6 Tage im Hôtel zum Anker zu bleiben hoffe. Von dort werde ich nur einmal kurz schreiben. Denn ich muß m. Vorlesung geistig organisieren.
Die Zeit drängt. Ich danke für Deinen lieben Reisebrief und grüße dich innigst. Vielleicht erinnerst Du Dich, daß ich 1920 im Kappputsch über <li. Rand> NürnbergCrailsheim nach Heidelberg kam u. in Hall am 2. Tage 1½ Stunden Aufenthalt hatte.
<re. Rand> Schöner persönlicher Dankbrief von Carossa. Heute früh Schneesturm.
<Kopf>
Innige u. treue Wünsche! Dein Eduard.