Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18./19. April 1949 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

18.IV.49.
Meine einzige Freundin!
Das war eine ganz besondere Osterfreude, die alten lieben Bilder aus Freudenstadt. Die Originale sind nämlich in Berlin geblieben; sie hingen im Seminar, sind zwar gerettet, aber noch nicht hergesandt. Jedenfalls haben sie mir gefehlt. Sie begrüßen mich nun wie gute alte Bekannte, nach 33 Jahren. Gleichzeitig las ich die 2. Korrektur meines Geleitwortes zu der "Seele des Erziehers", die mir gewidmet war und nun als erstes wieder erscheint. Der Vf. ist schon seit 17 Jahren nicht mehr unter uns.
Zu einem rechtzeitigen Osterbrief ist es leider nicht mehr gekommen. Bei m. Rückkehr am Karfreitag fand ich natürlich die übliche Rache in Gestalt eines Berges von Post. Der mußte zunächst notdürftig abgetragen werden. Ich hoffe, daß
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| die ungewöhnliche Osterwärme auch in Dein Zimmer hineingestrahlt ist. Es war fast zu viel; gestern 28°R in der Sonne; 8 Tage vorher noch 3° (allerdings morgens im Schatten.) Man muß sich hüten, bei solcher Frühlingswärme zu steigen. Ein Weg gestern über den Spitzberg zum Neckar ist mir – trotz der Übung – zu viel geworden.
Die Reichenautour habe ich Dir genau geschildert. Es blieben noch 2 Tage; am ersten Nachmittag ging ich östlich nach St. Leonhard herum (hochgelegenes Hôtel.); am 2. Nachmittag – bei warmer Sonne, entschloß ich mich, noch einmal nach dem Haldenhof zu gehen. Einmal, um den nahen Weg zu finden (was immer mit falschen Experimenten verbunden ist und nur ¼ Stunde sparte.) Sodann wollte ich das Fräuleinchen wiedersehn, das auf dem Haldenhof bedient – eine kleine Nachfolgerin von Hermine Kleiser. Oben war diesmal außer mir nur eine Autoladung (darunter ein Franzose.) Ich genoß den schönen Alpenblick bis zum letzten Moment, ging schnell nach Sipplingen herunter, in der Hoffnung, daß der Tag vor Karfreitag
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| fahrplanmäßig nicht als "v. S." gülte. Es war aber doch so, und so mußte ich auf der Landstraße ca 6 km noch zu Fuß gehn (über Goldbach), was mir bis 20.45 gelang. Der Blick auf Ruine Bodman lag leider hinter mir – in der eben sinkenden Sonne.
Das einzig Mißliche der ganzen Tour (Kosten ca 150 M) war die Rückfahrt am Karfreitag. Zwar ging es bis Singen im Dzug; dort Umsteigen. Aber da gegen 200 Leute aus der Schweiz am deutschen Zoll waren, bekamen wir schon in Singen 1½ Stunden Verspätung. In Horb war der Zug schon weg, an den der durchgehende Wagen angehängt wird. Also ergab sich in Horb wieder ein Aufenthalt von 5/4 Stunden. Moderne Verkehrsverhältnisse!
In der Post war ein Brief von Hellpach, eine Chicagospende für unser Leibnitianum, ein Brief von der Schwägerin von Senzoku, die in London lebt. Ich hatte von ihm seit Anfang 1945 nichts mehr gehört. Nun erfuhr ich, daß ihre Schwester auch bald nach der Ankunft in Japan gestorben ist (das Kind wohl schon auf der Reise.) Sie war eine Russin, sehr angenehm. Ich habe via London an Senzoku
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| geschrieben.
Nun beginnen 3½ Monaten schwerer Arbeit. Demnächst ist Theo hier zu erwarten; auch Wenke. Frl. Dr. Schaal scheidet am 1.V. aus der Assistentenstelle; es folgt ein Student, den ich mir ad hoc anlernen werde.
In ¼ Stunde kommen Niemeyers zum Kaffee, die aus Halle geflohen sind. (Wer bleibt noch in der Ostzone?) Erinnerst Du Dich, wie ich 1914 für ihn auf der Reichenau und – bei Sturm auf der Mainau Korrekturen las? Es ist alles schon so lange her. Eben habe ich die Bodenseegeschichte "Der liebe Augustin" gelesen, die Du wohl kennst.
Ich muß aufhören, weil der Besuch kommt. Vielleicht kommt vor der nächsten Postabholung noch eine Nachricht von Dir, die ich dann morgen noch bestätigen könnte.

19. April 49.
Endlich ein bißchen Gewitter! Hoffentlich bist Du in der Blüte gewesen! Hier schießt alles in ein paar Stunden empor.
Ich grüße Dich herzlichst, auch vom Anhang, und danke noch einmal für das schöne Ostergeschenk!
Dein getreuester
Eduard.