Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Mai 1949 (Tübingen)


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Sonntag, den 8. Mai 1949.
Meine einzige Freundin!
Die lange Pause in meinen Nachrichten "ist mir sehr fatal." Sie hat ihre Ursachen nicht nur in dem Semesteranfangstrubel, sondern auch in einer Fülle durchweg sehr angenehmer Besuche. Telegraphisch angemeldet erschien am Samstag den 23. April Theo. Wir verlebten mit ihm auch noch den ganzen Sonntag. Nachmittags gingen wir nach Bebenhausen; alles in der Blüte! Es war derselbe Herzenszusammenklang wie stets. Am folgenden Tag fuhr er mit dem Omnibus nach Baden-Baden weiter.
Dann folgten 3 Hamburger: Am Donnerstag 28. April hielt der Kollege Leese hier einen ausgezeichneten Vortrag. Hinterher kam er auf eine Kaffeestunde zu uns. Am Samstag 30. April von 14–21 war, bei recht schlechtem Wetter, Flitner bei uns. Auch dies Zusammensein war sehr wohltuend, da es hier doch an persönlichen Aussprachemöglichkeiten gänzlich fehlt. Er schwankt
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| immer noch, ob er Heidelberg annehmen soll. Die ihm angebotene Wohnung in Neuenheim sagt ihm nicht zu. Aber Eure so viel verschmähte Universität drängt ihn nun ernsthaft, und ich bin neugierig, was dabei herauskommt. – Endlich erschien Wenke am letzten Mittwoch hier zu den Berufungsverhandlungen. Es wurde alles gründlichst durchgesprochen. Die Sache sieht eigentlich hoffnungsvoll aus. Auch hierbei hängt es an der Wohnung. Die Universität baut jetzt an der Straße zu Oesterreichs hinauf Holzhäuser. Mir würden diese Hütten und ihre Lage nicht zusagen. Auch W. stellt Ansprüche, da er sicher sein kann, daß man überall dringend wünscht, ihn zu haben oder zu behalten. Freitag früh ist er wieder abgereist, nachdem alles, was seine Sache betraf, erörtert worden war.
Ich vermute, daß auch Du mit gebührender Freude Cillis Verlobungsanzeige erhalten haben wirst. Er ist ein tüchtiger, geistig aufgeschlossener Schneider in einem Ort bei Hagen in Westfalen. Cilli fürchtete überflüssiger Weise, daß man das als miß
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|lichen Punkt empfinden könnte. Ich halte es sogar in dieser Zeit für ein Plus. Das gute Mädchen ist sichtlich aufgelebt, und wir nehmen von Herzen an ihrem Glück teil.
"Zwischendurch" lief nun – erfreulicherweise nur langsam – das Semester an. Ich begann mit den "Grundzügen der geisteswissenschaftlichen Psychologie" (2 St.) im voll besetzten Maximum. Ebenso war es dann bei der "Erziehungs- und Unterrichtslehre" (2 St.), einem Plauderkolleg. Die Übungen über Hegels Religionsphilosophie konnte ich durch rigorose Aufnahmebedingungen bei ca 16 Teilnehmern halten. Ich zweifle aber, ob es die richtigen sind. In der ersten Sitzung wurde Frl. Dr. Schaal bescheiden abgefeiert, und der cand. phil. Iring Fetscher hat seine Funktionen als Assistent aufgenommen.
Ich gehe einer sehr arbeitsreichen Zeit entgegen. Neben den Vorlesungen sind mehrere, nicht unwichtige pädagogische Sonderaufgaben am Orte zu erfüllen. Aber auch die offizielle Goetherede für unsre Universität habe ich nebenher vorzubereiten. Ich muß für ein neues Thema viel lesen und verarbeiten. Dir möchte ich empfehlen, mal Goethes Schweizer
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|reise von 1797 wieder zu lesen, die in Frankfurt, Heidelberg, Stuttgart und Tübingen beginnt. Er war damals in einer merkwürdig "statistischen"Geistesverfassung. Dies Registrieren wirkt manchmal fast stumpfsinnig. Es sind ja aber auch nur herausgegebene "Reiseakten."
Du fragst mich, ob Du das ganze Geld zu Hause behalten sollst. Es liegt nichts dagegen vor, eine Kleinigkeit auf die Sparkasse zu bringen, obwohl Du alles aufwenden solltest, um Dich vor Anstrengungen zu entlasten, und jedenfalls nur dann in meinem Sinne verfährst, wenn Du Dich richtig pflegst. (Das alte Geld, das nicht auf der Bank war, ist doch auch zu nichts geworden.)
Also Du warst in Mannheim? Hier ist die Lehmbruck-Ausstellung, wenn sie überhaupt da war (?), in die ungünstigste Zeit gefallen und so gut wie unbeachtet geblieben. Hingegen hatten wir 2 Ereignisse 1) Vortrag von Klages; nur Susanne ging hin, fand aber einen solchen Andrang mit Mord und Totschlag, daß sie zurückkam, ohne den Gott gesehen zu haben. 2) Die Caux-aufführung vorgestern: "Der vergessene Faktor." Es ist Edelkitsch, wobei beide Bestandteile der Wortes ganz ernst zu nehmen sind. Darüber wäre noch viel zu sagen. Moral im Stil des Sports ist nicht ganz meine Sache.
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Ich beginne noch dieses Blatt, obwohl gleich geschäftlicher Besuch kommt. Er hängt mit Kippenbergs 75. Geburtstag am 22. Mai zusammen. Man drängt mich aufs deutlichste, nach Marburg zu fahren, um ihm – als nunmehr einziger Vizepräsident und im Ernstfalle präsumptiver Nachfolger [über der Zeile] (!), – persönlich zu gratulieren. Das würde mir mitten im Semester 3 Tage kosten. Jede Fahrt dauert mindestens 11 Stunden. Ich ziehe mir Unwillen zu, indem ich es unterlasse. Aber ich habe gestern eine schriftliche Adresse verfaßt und will jetzt mit einem Künstler wegen einer festlichen Ausstattung verhandeln.
Und noch ein anderes Drängen drückt mich: Ich habe Klaus Morgner auf seinen Wunsch die Zulassung in Kiel verschafft. Aber nun stellt sich heraus, daß er gerade noch 3 M hat und nicht hinreisen kann. Ich schicke ihm seit der W.R. jeden Monat 30 M. Sein ganzes Studium finanzieren, wie es sein Vater es möchte, kann ich nicht und will ich auch nicht. Denn da gibt es noch andere.
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Mit meinen Kräften bin nicht gerade auf der Höhe; immer müde. Deshalb muß vieles liegen bleiben, was nachher wieder neue Schwierigkeiten hervorbringt.
Ich hoffe, daß es dir normal geht. Der Frühling greift ja immer an. Und diesmal ist er voll von Wechsel der Temperaturen. Leider stehen die Eisheiligen noch bevor.
Was hast Du zu dem Halbritterschen Bild von mir gesagt? Oder bilde ich mir nur ein, es vor 4 Wochen beigelegt zu haben?
Das ganze Haus grüßt herzlich. An der Spitze in bekannter Treue
Dein
Eduard.