Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Juni 1949 (Tübingen)


[1]
|
<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

17. Juni 1949.
Meine einzige Freundin!
Es hat mich sehr gefreut, daß Ihr so unternehmend gewesen seid, die Fahrt nach "Heiligkreuzsteinach" zu machen. Das Wort erinnert mich , daß Goethe ein besonderes Gefallen an dem Berliner Ausdruck "Butterkellertreppengefalle" geäußert hat. Man merke ordentlich, wie man herunterkommt.
Meine Rückreise ist normal verlaufen. Ich fand zu Hause einen erträglichen Berg Post, aber die Dampfwalze vor dem Hause! Die Post rächte sich aber in den nächsten Tagen durch abnorme Steigerung (während meine Schreibhilfe mal wieder nicht konnte). Darunter befand sich auch die Nachricht, daß Flitner Heidelberg angenommen hat. Wenn er dies Wagnis ohne Wohnung unternehmen konnte, dann hätte er besser nach Tübingen gehen sollen, wo er entschieden gut hingepaßt hätte.
[2]
|
Andere Freuden lagen in langen Schulreformsitzungen. Aber das Schlimmste kommt in der nächsten Woche, wo 2mal Übungen im Leibnitianum und ein Vortrag in der Volkshochschule Reutlingen zu halten sind. Der letztere fällt mit einem Vortrag zusammen, den Hellpach hier hält; ich müßte ihn doch endlich einmal kennen lernen!
Mit der Materialsammlung für die Goetherede bin ich einigermaßen fertig. Für die innere Formung brauchte ich eigentlich Ruhe. Aber daran ist garnicht zu denken; auf 1 Monat hinaus ist alles mit Einzelverpflichtungen besät. Ich werde sogar an Dich nur Karten schreiben können.
Auch von der Dorer kam ein endlos langer Brief. Ich habe nun in Darmstadt noch einmal darauf gedrückt, daß sie wenigstens den Professortitel bekommt. Nach 17 Jahren anstrengendsten Dienstes ist das eine Anstandspflicht.
Cilli hat heute geheiratet. Vor 3 Tagen war sie mit "ihm" hier. Er machte mir den besten Eindruck.
[3]
|
Heute hatte ich Besuch von einem alten New-Yorker Bekannten, Prof. Busse, dessen Schwiegersohn hier lebt. Morgen ist ein 10-köpfiger Kaffee im Hause – zum Abschied für Frl. Schaal.
Georg Weise sendet eine Abhandlung über frz. und deutsche Baukunst in der Stauferzeit. –
Es ist eigentlich doch seltsam, daß ich trotz des Rückzuges in "kleine Verhältnisse" immer nur von äußeren Pflichten getrieben werde und niemals meinen inneren Intentionen leben kann. Das ist einfach die Signatur unsrer Zeit, und aus diesem Grunde ist eigentlich alles Reden von der "freien Persönlichkeit" ein Bluff. Ich sehe, wie schon Goethe, der doch wohl noch ein "bißchen" berühmter war, eine Technik der Selbstbewahrung anwenden mußte, auch nur mit begrenztem Erfolg. Flitner und Wenke sind gleichzeitig vor dem "Apparat" in Hamburg ausgerissen. Hier spart man einige Wege, aber das Getriebe erfaßt einen auch hier.
[4]
|
Das wäre nicht so schlimm, wenn man nicht spürte, daß jetzt manches endlich in einem reif wird, was man noch ausführen sollte. Und ein wesentlicher Faktor der Behinderung ist doch der, daß man eben heute ohne ein Gehalt nicht leben kann.
Aber man kann nichts anderes tun, als sein Faß getreulich weiter rollen. Und ich tue es mit all der Sorgfalt, der ich noch fähig bin. Vielleicht hat man für diese Qualität hier nur sehr wenig Sinn. Es ginge auch billiger. Nur die Selbstachtung fordert, daß man sein Bestes tut.
Ich war sehr glücklich, daß wir die 2 ruhigen Tage in Wimpfen noch haben konnten, ehe die stürmische Zeit dieses Sommers kommt. Habe Dank und tue alles, um Dich zu pflegen und zu schonen. Vor allem niemals eine Anstrengung, die zu starken Ansprüche an das Herz stellt. Langsam und bedächtig können wir "Alten" noch allerhand leisten.
Mit innigen Wünschen und Grüßen.
Dein
Eduard.