Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Juli 1949 (Tübingen)


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Tübingen, den 16. Juli 49.
Meine einzige Freundin!
Du wirst dir ja gedacht haben, daß diese schrecklich lange Briefpause von den Verhältnissen erzwungen war. Wenn ich jetzt endlich schreibe, so ist die Notlage noch keineswegs behoben; sie wird noch schlimmer. Nur dem bisher gleichmäßigen Wetter danke ich es, daß ich bisher durchgehalten habe. Die jetzt anhebende Gewitterperiode macht alles schwerer.
Für Deinen lieben Geburtstagsbrief – (denke Dir: er gehört zu denen, die ich schon gelesen habe; andere liegen noch ungelesen bei den 100!) – werde ich heute garnicht im rechten Ton danken können. Aber gefühlt habe ich ihn ganz. Das Bild soll "restauriert" werden. Ich suche einen würdigen Platz an der Wand. Aber hier sind nur Regale. Ganz würdig, wie ich ihn wünschte, wird der Platz nicht sein können.
Wie kommt es, daß sich im Keller immer noch Wasser sammelt? Ist da ein
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| Rohr leck? Wenn etwas wegzuräumen ist, mach es nicht selbst, sondern versuche, jemanden dafür zu bekommen.
Vom Geburtstag zu erzählen, wäre überholt. Nur das will ich erwähnen: meinem Assistenten hatte ich jede Beachtung des Tages untersagt. Aber als ich um 8 ins Maximum kam, standen alle auf, und der Hermann Meyer, der von der Dorer herkommt und dem ich wegen einer recenten Rippenfellentzündung den Besuch der Vorlesung untersagt hatte, hielt eine schöne, in jeder Weise beglückende Ansprache. Am Abend brachen 5 Musikantinnen herein und ein Musikant, die ein von Goethe für s. Enkel gedichtetes, stark an Fröbel erinnerndes Wiegenlied ungefähr so vortrugen, wie mir dabei zu Mute war. Dies geschah auf Anstiften der Lotte Geppert.
Eine besondere Belastung brachten Durchreisende, die z. T. sehr willkommen waren, aber eben doch in der Zeit schlecht untergebracht werden konnten. So kam vor 14 Tagen der Berliner medizinische Freund Munk gleich mit 4 Figuren seines Anhangs, und dazu dann
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| gleichzeitig Herr Cording mit Tochter aus ehemals Yokohama. Also waren wir alle neune. Abends mit Munks im "Museum" war es nahrhaft und nett; jedoch wurde es spät. Und nun nur eine Liste derer, die nicht bloß gehört werden wollten (was z. T. unmöglich war), sondern auch geehrt:
Hellpach (nicht gehört u. nicht gesehen.)
Emigrant Historiker Rothfels (Chicago!)
Prof. Minder (Nancy, Freund v. Alb. Schweitzer.)
Dietrich Seckel, über buddhistische Kunst.
Zwischendurch ging nun das Glückwünsche beantworten, ein Colloquium philosophicum meines Kreises mit schwierigem Gegenstand; ein Volkshochschulvortrag in Reutlingen, schließlich heute vor 8 Tagen Fahrt und Vortrag Herrenalb. Wir wurden beide im Auto abgeholt. Die Fahrt beträgt 80 km (= 100 Minuten) knapp. ¼ Herrenberg 2/4 Calw/Hirsau, ¾ Calmbach (von da sind auch wir [über der Zeile] 1934 mit dem Postauto über Dobel nach H. gefahren.) Der Vortrag verlief normal; die Leitung war liebenswürdig, aber nicht geschickt. Im Auto zurück bis Herrenberg, dann Bahn. Herrenalb hat schon wieder Betrieb, aber "unser" Hôtel ist noch beschlagnahmt. Es war sehr heiß.
Ganz wirst Du meine Leistung erst begreifen, wenn ich hinzufüge, daß ich außer allem Erwähnten
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| auch noch die Goetherede für den 19.7. gemacht [über der Zeile] (auch noch 1 Dissert. gelesen!) und die Korrekturen "Zur Geschichte der deutschen Volksschule" für Qu. u. Meyer gelesen habe. Natürlich sind wir nie über den Botanischen Garten hinausgekommen.
Für die Zeit bis zum Semesterschluß muß ich nun wiederum um Nachsicht bitten. In die nächste [] Woche fallen außer der Rede: 10 Staatsprüfungen, 50 Fleißprüfungen, Sitzungen, eingelegtes Seminar, Doktorberatungen u.s.w. Es ist ein bißchen hart. An Besuchen steht vorläufig nur Frl. Hilgenfeld zu erwarten. Am 30.VII Frau Morgan aus New York.
Ich lege Dir hier einen Geburtstagsgruß von meinem hiesigen Konabiturienten H bei, den Du wohl mal zurückschickst. Und obwohl noch viel zu erzählen wäre, beurlaube ich mich für heute; denn das heutige Gewitter, das noch in der Nähe herummurkst, hat mich sehr mitgenommen.
Also nur noch die Versicherung meiner Treue und Nähe, auch als Nichtschreibender!
Dein
Eduard

[] Flitner definitiv für Heidelberg entschieden