Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Juli 1949 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

27.7.49.
Meine einzige Freundin!
Heute ist seit 14 Tagen der erste menschliche Tag, obwohl der volle Betrieb noch bis Freitag Abend weitergeht. In 1½ Woche außer dem Normalen: 50 Fleißprüfungen, 10 Staatsprüfungen, 2 Sitzungen, 1 Konzert (Elly Ney) und dazu noch der sonntägliche Einbruch der 3 Alpirsbacher, – das genügt wohl, um mein Nichtschreiben zu entschuldigen.
Ich will nun zunächst von der Goetherede erzählen, die ich genau 40 Jahre nach meinem Colloquium vor der Berliner Fakultät gehalten habe. Es ist keiner dabei zu Schaden gekommen; aber man hat hier für "Form" in keiner Beziehung Sinn. Der Introitus (im Ornat) vollzog sich, während mein Student Raffalt schon das
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| 1. Stück des Programmes, ein Adagio (!) von Mozart, auf der Orgel spielte. Unser Rektor Erbe, der in Heidelberg die Reden von Geiler und Böckmann mit geringem Genuß gehört hatte, begrüßte sehr nett. Kluckhohns Ansprache fiel aus, weil er recht krank ist. Es folgte also die Rezitation im Mädchenschulstil (Selige Sehnsucht, o jeh! o jeh!, Trilogie der Leidenschaft.) Dann kam ich an die Reihe mit 63 Min. Redezeit. Die Wirkung wurde z. T. durch den Lautsprecher verdorben, der mich in manchen Gegenden des Saales unhörbar machte, wie schon bei meiner 1. Festrede. Während Raffalt gemäß Programm improvisierte, zog der Lehrkörper schon wieder aus. Dauer 2 Stunden.
Über den Inhalt der Rede hat mir kein Mensch ein gescheites Wort gesagt. Sie wird ja noch anderwärts (z. B. 28.8. in Ulm) gehalten werden und irgendwann gedruckt erscheinen. Aber für hier brauchte ich mir diese ungeheure Mühe nicht zu machen. Einige inhaltlose Lobsprüche bleiben ja nicht aus.
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Bei dieser Gelegenheit möchte ich von Herrenalb noch nachtragen, daß ich ausgerechnet einem Heidelberger Kaufmann dort auf das fromme Gemüt getreten bin, so daß er gleich abreisen wollte, und daß in der Debatte eine wie eine Abiturientin aussehende Frau Helga Klein mitflüsterte, die in Heidelberg, Rohrbacherstr. 25 wohnt!
Heute kam wieder ein sehr herzlicher und netter Brief von Hellpach.
Zwei Sachen, die Pädagogik und die schwierigen Hegelübungen, haben bei voller Besetzung schon ein Ende genommen. Morgen ist noch mein philosophischer Privatkreis und die letzten 7 Fleißprüfungen. Freitag um 9 endet die Psychologievorlesung. (Es folgt aber noch ein Besuch von Felix Meiner, Examen von Raffalt und eine Pestalozziorientierung für die nach der Schweiz fahrenden Pädagogikstudenten.) Am Samstag ist Frau Morgan (New York) ganztägig zu erwarten; am Sonntag das jung vermählte Paar v. Rabenau, am Montag Frl. Hil
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|genfeld
, die in Pliezhausen (!) auf Sommerfrische ist. Damit ich das Allernötigste noch aufarbeiten kann, ist verbreitet, daß wir am Mittwoch reisen. Es geschieht aber erst am Freitag 5.8. früh. Nach dem Plan ist dann für 20 Tage die Adresse: Scheidegg bei Lindau. Wir haben hier seit 6 Wochen bestes Wetter; man darf annehmen, daß es nicht beliebig lange reicht.
Gestern ist das Ökonomiegebäude von Schloß Kreßbach niedergebrannt. Dort – im Schloß – wohnen schon 2 Kollegen, und Wenke hat sich da ein Arbeitszimmer ausbedungen.
Das Professorenfest war recht langweilig; der Scherz der Studenten zündete nicht. Trotzdem sind manche 10 Stunden länger dort geblieben als wir.
Krüger ist mal wieder krank gewesen; das hatte zur Folge, daß ich für ihn mitprüfen mußte.
So, jetzt bist Du über die Vorgänge des Tages wieder im Bilde. Ich werde erst wieder von Scheidegg aus schreiben können. In Immenstadt (!) sind Begegnungen mit Bork und Litt projektiert. Die Frau des letzteren ist leider gemütskrank geworden. (Vertraulich!) Sonst aber muß einmal Ruhe gehalten werden. Denn dies <li. Rand> Semester war wieder schlimmer als eines in Leipzig u. Berlin. Apropos Leipzig: Schröbler hat mal wieder geschrieben – ob ich nicht seiner nacificierten Tochter in L. helfen kann
<Kopf> Wie bist du zu dem schlimmen Schnupfen gekommen? Ich muß zur Sprechstunde. Innigste Grüße Dein Eduard