Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. August 1949 (Scheidegg/Hotel Post)


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<ohne Datum, aber etwa vom 9.8.1949 – vgl. kh1949/057: sie erwähnt den Poststempel vom 9.>
z. Z. Scheidegg, Hôtel Post
Meine einzige Freundin!
Dies "Scheidegg" erwies sich in den ersten Tagen als eine volle Pleite. Seit heute haben wir eine freundlichere Auffassung; aber eine große Nummer wird es kaum werden. Dabei spricht natürlich das Hermersberger-Hof-Wetter mit. Die Sonne brütet Tag für Tag erbarmungslos. Es gibt nur nach 2 Seiten hin Wald. Der Ort selbst liegt völlig reizlos; nur die Fernsichten sind wunderschön: AllgäuArlbergRheintalalpen bis Säntis, jedoch nicht gerade vom Ort aus. Den See sieht man an einigen Stellen andeutungsweise. Es erinnert auch an Heiden, insofern man eben nur auf Hümpel von Wald stößt; wo aber zusammenhängender Wald ist, da ist man auch bald an der Grenze. Zwei Wege gibt es, bei denen man nach 10 Minuten im Schatten ist. Das Hôtel ist sehr gut, Bedienung freundlich. Nur liegt es an einer dicken Verkehrsecke, so daß wir auf den Autokrach Tag und Nacht nicht zu verzichten brauchen, und es hat keinen Garten
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Mit Hilfe von Leuten, die mich kannten, bin ich auf einen Berg aufmerksam geworden, der in eine Waldeinsamkeit aufwärts führt. Dort ist über einer höhlenartigen Felsbildung ein 5 m hoher Wasserfall, jetzt natürlich nur Wasserstrahl – eine fast Böcklinsche Landschaft, mit 4 bunten badenden Gestalten.
Ich bin bisher völlig untätig gewesen. Die Fahrt ging über Sigmaringen, Aulendorf, Ravensburg (!), Friedrichshafen, Lindau (Mittag), dann Strecke nach Buchloe, zum Schluß eine Kleinbahn.
Ehe wir abreisten, hatten wir noch 2 Tage Besuch von Frl. Hilgenfeld, nicht sehr ergiebig, aber nun auch schon eine 43jährige Bekanntschaft, und von Richard Conrads aus Heidelberg, die mit einem Madrigalchor durchs Land streifen, wobei der 16jährige Sohn Orgel spielt. Sie kennen Dich ja auch. Sonst habe ich noch so viel erledigt, wie ich konnte, aber ebenso viel – wenigstens an Briefen, mitgenommen. Es ist aber hier vorläufig unmöglich, etwas zu tun. Man sieht nur immer nach dem Himmel und bittet um Regen.
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Reehs, aus der ähnlich gearteten Johannismühle, waren mit ihrem Auto 5 Min. hier. Sie sind jetzt in Wangen. Dorthin wollen wir am Montag fahren, um zu wählen. Denn wir können nur in einem württ. Ort wählen. Ihre Absicht, uns öfter im Wagen herumzufahren, scheitert daran, daß sie eben Verwandtenbesuch haben.
CDU ist in Süddtschld Centrum. SPD. hat kein Programm, nachdem sie sich ihren Marx hat nehmen lassen müssen; ist also nur noch gegen den Kapitalismus, und ohne den kommen wir vorläufig nicht in die Höhe, weil wir in amerikanischem Schlepptau krägeln. Bleibt also nur LDP oder wie die Sache nun heißt – die Partei der Gebildeten. Aussicht hat sie infolgedessen garnicht; aber das ist ja gleich. Ich nehme an, daß die Wahlbeteiligung, außer bei den Kommunisten, ganz gering sein wird.
Dein Zimmer wird jetzt seine Vorzüge haben. Wäre es doch umgekehrt; denn etwas mehr Wärme verträgt man im Alter ganz gut. Daß mit Frl. N. jetzt etwas mehr Kontakt ist, erfreut mich; aber eigentlich aufschließbar scheint sie mir nicht. Der Fall Héraucourt ist ebenso rätselhaft wie traurig.
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Am Samstag vor unserer Abreise, während Frau Morgan bei uns war (sehr angenehm und interessant) ist Oesterreich begraben worden. Ich war nicht dabei, habe aber an Cilli recht herzlich geschrieben.
Herr Schmeil ist in Lindau. Ich rate ihm aber ab, hier heraufzukommen. Jede terminliche Bindung ist jetzt unerwünscht. Ich werde ihn dies Jahr noch in Heidelberg besuchen.(!) Vorläufig ist immer noch das Hin- und Her mit den Terminen Hamburg, Bremen, Hannover. Das macht viel Umstände.
Mein Blick aus dem Fenster im 3. Stock geht auf ein paar Tannen und ein paar Häuser; nur ganz in der Ferne ist ein schattenhafter Höhenzug. Nach dem Pfänder – falls Grenzschein – braucht man 3 Stunden; dies kommt allenfalls zum Schluß. Aber bis zum 24. werden wir wohl kaum hierbleiben.
Sollte ich etwas vergessen haben, so rechne es dem traurigen Zustand zu, in dem ich mich befinde. Bei Susanne war es in den ersten 3 Tagen noch schlimmer.
Ich gedenke unsrer früheren, meist besser gelungenen Reisen. Aber damals konnten wir auch noch etwas leisten.
Viel innige Wünsche u. Grüße von uns beiden
Dein getreuester Eduard

Ida ist in dem Schmorkessel Alpirsbach