Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. August 1949 (Scheidegg)


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Scheidegg, den 20. August 49
Flitners 60. Geburtstag
(er geht nicht nach Heidelberg.
Meine einzige Freundin!
Wir haben uns mit Scheidegg ganz ausgesöhnt. Einige kräftige Gewitter (auch mit Naßwerden à la Paulinzella) haben die Hitze, z. T. auch die Sonne, beseitigt. Man kann nun allerhand Wege mit Fernsichten machen. Das – sehr lebhafte – Hôtel erfüllt alle Ansprüche; vor allem kommt niemand hin, der mich kennt.
Am vorigen Sonntag sind wir, in der Dir bekannten umständlichen Weise, nach Wangen gefahren. Es ist eine freie deutsche Reichsstadt gewesen und erinnert an Ravensburg, bei wesentlich flacher Lage. Dort haben wir zunächst den Postamtmann a.D. Sowieso gewählt und um 15 Uhr Reehs besucht, bei denen es ganz gemütlich war. Susanne hat einen schmerzenden Fuß, der für die Reise nicht ganz paßt.
Am Dienstag erschien gemäß telegra
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|phischer Ansage der Dr. Bork aus Steglitz. Mit ihm sind wir 3 Nachmittage zusammen gewesen; das war anregend und doch nicht aufregend.
Es steht nicht genau fest, ob wir bis zum Freitag (26.8.) früh hierbleiben und dann gleich nach Tübingen durchfahren, oder schon am 25. abfahren und noch irgendwo am See eine Nacht bleiben. Ich bin hier – abgesehen von einem Gutachten für das Stuttgarter Ministerium – völlig faul gewesen und empfinde den Aufenthalt als förderlich. In Tübingen ging es mir zuletzt nicht ganz gut. Ich hatte unter der Herzgegend gelegentlich ein "Hüpfen". Es ist nicht sicher, daß es mit den Herzen direkt zusammenhängt; denn Ähnliches habe ich längst an den Beinen und sonst. Also wohl Kreislaufstörungen; aber dieses Zucken war niemals mit eigentlichen Herzbeschwerden verbunden. Ich kann hier auch noch maßvoll steigen und meine Dreistundenwege machen.
Zum 28. August hat der Reichsminister a.D. Hermes zu Gesprächen über die deutsche Einheit nach Godesberg eingeladen. Aber das wird mir zu viel Reiserei. Am 3. muß ich schon wieder nach Ulm, wo ich m. Goetherede am 4. festlich wieder
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|holen soll, und um den 12.IX herum beginnt die Goethe-Hansareise. Ida ist wenige Tage in Alpirsbach gewesen und neulich auch auf dem Hohenzollern.
Cilli heißt jetzt Frau Grafe, und ihre Adresse ist wie bisher: Waldhäuserstr. Nr. ?
Für Matussek wäre das hier kein schlechter Aufenthalt. Es gibt ein Kurheim, das Emmy Fr. im beiliegenden Brief erwähnt. Nur wenn Winde kommen, liegt der Ort recht exponiert. Einen eigentlichen Bodenseeblick hat man nicht; wir sind gestern – mit Verirren – 3 Stunden unterwegs gewesen, bis man einen Zipfel sah. Für den Besuch des Pfänders braucht man einen Grenzschein, und der ist nur – in Lindau zu haben. Also nicht!
Auch Lore hat heute Geburtstag . Sie lebt in Hard/Vorarlberg. Ich habe ihr geschrieben; bisher keine Reaktion. Ein "Hard" liegt unmittelbar bei Bregenz. Das wird es kaum sein. Sie ist nicht mehr im strengen Sinne "wahrnehmungsfähig."
Nun ist für diesmal mein Stoff eigentlich erschöpft. Du weißt, wie sehr ich auch hier
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| unsrer gemeinsamen Wanderungen gedenke. Wir waren dafür wie zueinander geschaffen. Deine klugen Kartenstudien und Dein Interesse für Entdeckungen fehlen hier manchmal sehr. Auch ich scheine die Sicherheit des Richtungsgefühls verloren zu haben. Die "koupierte" Landschaft hier ist schwer zu "kapieren."
Ich wünsche Dir weitere Erwärmung der Temperatur im eignen Hause und bleibe, mit herzlichen Grüßen auch von Susanne, in täglichem Gedenken
stets Dein
Eduard Spra [unter dem Gestrichenem] (Folge des Stumpfsinns!)