Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. August 1949 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

29. August 1949.
Meine einzige Freundin!
Zu unsrem gemeinsamen Erinnerungs- und Festtage das herzlichste Gedenken! Der Dr. Bork, der von Heidelberg kam und in Petersthal gewohnt hatte, erzählte auch vom "Weißen Stein"! Wie mag es jetzt, nach 46 Jahren, dort aussehen? Seltsam, daß wir gerade diesen Punkt nie wieder aufgesucht haben!
Ich will zunächst noch vom Abschluß unsrer Reise erzählen, die ebenso rationell und erholsam wie nicht billig war. Wir sind am Freitag um 10 von Scheidegg abgefahren, waren um 12.50 (schon!) in Lindau, gingen sofort auf den Dampfer nach Friedrichshafen. Dort kam gleichzeitig ein Dampfer an, mit dem wir wieder nach Lindau zurück fuhren. Viel Sinn hatten diese Fahrten mit unerfreulichen Touristen nicht. Denn es war so neblig, daß man kaum das deutsche Ufer sehen konnte, und zum Schluß regnete es auch kräftig. Aus dem Dampfer ging es
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| gleich in den direkten Zug nach Tübingen, der um ½ 10 hier war. Zu Hause empfing mich, trotz der dreitägigen Nachsendung der Post, ein solcher Berg von Eingängen, daß ich bis heute noch nicht durchgekommen bin, obwohl in 2 Tagen gegen 20 z. T. sehr umfangreiche Briefe hinausgegangen sind.
Wenkes hatten ihren Aufenthalt bis Samstag verlängert, um uns noch zu sehen. Sie luden uns (verkehrte Welt) zum Mittagessen in die "Forelle" ein. Dort wurde etwas mehr getrunken, als bei dem schwülen Tage zweckmäßig war. Am 1. Oktober siedeln sie hierher über.
Gestern, am Goethetag, haben wir ganz still und arbeitsam für uns existiert. Heute haben wir die Familie Wais besucht, die 14 Tage mit allen 4 Kindern in Hinterzarten gewesen war.
Ein amüsantes Erlebnis aus Scheidegg muß ich noch erzählen. An einem Tag mit starker Regenneigung wollten wir nach Bad Sibers, einem obskurem Ort, gehen. Gleich neben der Post liegt Gasthaus u. Metzgerei Hirsch. Ein großer Hund trieb
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| sich vor ihm herum, musterte uns und gab uns ziemlich deutlich zu erkennen: ich gehe mit euch. In der Tat lief er immer vor uns her, als ob er das Ziel wüßte. Oft verloren wir ihn bei seinen Jagdsprüngen aus dem Auge; aber immer kam er wieder und immer schien er über unsre Richtung völlig orientiert. Weniger angenehm war es, daß dieser "unser" Hund auf den Gehöften die Kühe und Kälber und Pferde aufjagte, die ihn z. T. ihrerseits bedrohten. Vor einer Katze mußte er schimpflich Reißaus nehmen, und nur zum Schluß errang er einen schmählichen Triumph über furchtsame Lämmer. Bad Sibers erreichten wir nicht, weil das Wegesystem sich verwirrte und der Regen sehr zunahm. Als wir an einem Waldrand rasteten und Äpfel aßen, setzte er sich zu uns und nahm es nicht übel, daß wir für ihn nichts hatten. Ich wählte bei strömenden Regen einen näheren Rückweg, der zwar absolut richtungssicher war, aber in sumpfige Wiesen mit zu breiten Bächen führte. Da sprang unser Freund immer über das Wasser hin und her, als ob er uns zeigen wollte: So müßt Ihr's auch machen. Nach 3 Stunden kamen wir in den Ort zurück. Dorfjungen
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| begrüßten "Bello" mit Halloh. Nun wußten wir auch seinen Namen. Ganz zum Schluß bekam er Konflikte mit einem Kollegen und vergaß es, sich vor der "Post" von uns zu verabschieden.
Noch 2 "kleine Mitteilungen." 1) Frl. Dorer entbehrt seit längerer Zeit eine Nachricht von Dir. Dies gebe ich ohne Drängen weiter. Vorläufig ist sie wohl in Schönwald. 2) eine Bitte, die auch mit einer Karte von Hermann aus Berlin zusammenhängt: über kleine Sendungen von uns an Dich kannst Du natürlich absolut frei verfügen. Aber nicht erwünscht ist Weitergabe an das Haus Ruge, weil es uns nach dem erbärmlichen Benehmen von Carl 1944 fremd geworden ist.
Heute war auch Nieschling 2 Stunden da. Kalender: 4. Sept. Rede in Ulm. – 13. in Hannover, 16. in Bremen, 17. in Hamburg. Auf der Rückfahrt von Hamburg, die etwa am 19.9. stattfindet, komme ich kurz nach Heidelberg.
Jetzt bin ich von dem schwülen Tag so müde, daß Du mich beurlauben mußt. Wie sollte ich auch die Gefühle zum 31. August in Worte kleiden? Früher habe ich es versucht. Aber man lebt immer schweigsamer nach innen. Bleibe gesund!
Schone Dich und sei innigst gegrüßt von
Deinem
Eduard.