Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Oktober 1949 (Tübingen)


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Tübingen, den 3. Oktober 1949.
Meine einzige Freundin!
Der Postberg und eine schwierige Arbeit sind schuld, daß ich Dir erst 8 Tage nach dem Abschied am Heidelberger Bahnhof schreiben kann. Meine Rückreise nahm insofern noch eine eigenartige Wendung, als in Stuttgart aus meinem Zuge der griechische Professor Haralambides ausstieg, den ich seit seiner Promotion bei mir vor 10 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er war auf dem Wege von Stockholm nach Rom. Auf seine Anfrage, ob er mich in Tübingen besuchen könnte, hatte er wegen meiner Abwesenheit keine Antwort erhalten. Nun half sich die Fügung so. Ich mußte ihn gleich mitnehmen. Glücklicherweise war Ida zu Hause, so daß ich ihm eine Tasse Kaffee vorsetzen konnte. Dann zeigte ich ihm noch Tübingen; als ich ihn fast zum Bahnhof gebracht hatte, stellte sich heraus, daß er s. Hut in der Rümelinstr. gelassen hatte. Das gab nun eine entsetzliche Rennerei.
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Die Woche enthielt 5 Nachmittage mit je 3 Stunden Prüfungen. Außerdem mußte ich den "gelehrten Apparat" zu meiner Tübinger Goetherede eiligst für den Druck herstellen. Das fing ich verkehrt an und hatte infolgedessen gräßliche Mühe + Zeitverlust. An Durchreisenden hat es auch nicht gefehlt: Klotz (Gotha) mit Sohn, Scheel (Mainz, früher Akademie Berlin), Frau Gurland (früher Riga) u. andere.
Die Tage in Heidelberg waren so unbedingt schön, wie eben nur "Herbst"erlebnisse sein können. Zunächst freute es mich, Dich in besonderer Frische (und Geduld) zu finden. Die Einrichtung mit der "Rose" war auch zweckmäßig. Endlich haben wir die alten Orte im Sonnenglanz wiedersehn können, vor allem Neckarsteinach. Man sagt, Romantik sei eine Altersstimmung. Für mich trifft das nicht zu. Früher sahen wir das Leben mit seinen Möglichkeiten und manchem "Erträumten" auf solchen Wegen noch vor uns. Jetzt ist das alles in fester Gestalt hinter uns, und ich denke, wir sagen mit einem gesunden Realismus
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| "Ja" dazu. Manche Entwicklung hätte milder sein können. Aber mein Grundgefühl ist doch, daß mir das Leben nichts schuldig geblieben ist. Ich sehe kein Glück, das ich mir noch erträumte. Es ist gut so, wie Gott es werden ließ. Und selbst jene etwas sentimentale Zukunftsangst, die uns früher mitten in der schönsten Natur beklommen machte, ist nicht mehr. Was da kommen muß – an Altersverlust und -verfall, das sehen wir ja deutlich vor uns. Wir werden es hinnehmen mit dem Mut und der Ruhe, die aus dem Bewußtsein entspringen: "es hat sich gelohnt, und das müssen wir nun eben noch draufzahlen". Das Symbol des Zeitlosen (die Herbstzeitlosen) bleibt dabei immer in uns lebendig, aber ohne jede konkrete Ausmalung. Denn was wir gelebt haben und wie wir gelebt haben – das ist doch das Einzige, was wir wissen, und zu dem sagen wir eben in alle Ewigkeit "Ja".
Aber natürlich: damit es zu solchem ruhigen Bewußtsein komme, dazu ist etwas gutes Wetter erwünscht. Auch dies haben wir wieder genossen. Wir wollen es mit der Dankbarkeit empfinden, die immer aufwallt,
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| auch wenn man keine ganz bestimmte Adresse weiß. Zu Dir geht ein ganz gewaltiger Anteil dieser Dankbarkeit.
Die nächste Zeit hier wird wenig stimmungsvoll sein. Ich habe mindestens eine Woche noch mit den Goethemanuskripten zu tun, obwohl ich nun ernstlich für eine Weile genug habe, aus dieser Quelle zu trinken. Am 20. u. am 26.X. habe ich sogar noch über ihn in Stuttgart Vorträge zu halten. Beide Male wird es wohl mit dem Auto gemacht werden, so daß es je mit 5 Stunden abgetan ist. Die Ankunft von Wenkes verschiebt sich um einige Tage. Dafür sind schon wieder manche andere in Sicht.
Nun bin ich etwas müde und schließe mit vielen guten Wünschen für Deine Tage, Bitte um Vorsicht beim Kaltwerden und herzlichen Grüßen, vom ganzen Haus,
als Dein sehr zufriedener
Eduard