Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Oktober 1949 (Tübingen)


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Tübingen, den 29. Oktober 49.
Meine einzige Freundin!
Es ist leider schon so spät geworden, daß ein gesammelter Brief leider nicht mehr zustande kommen wird. Und es ist seit vorgestern auch Winter geworden. Der eine Gingkobaum hat nach seiner Gewohnheit an einem Tage begonnen, seine Blätter fast vollständig abzuwerfen.
Die wieder beigefügte Mitteilung von Hermann ist – eine Mitteilung, keine Motivierung. Diese folgt vielleicht einmal noch; vielleicht auch nicht. Er hat für mich immer zu den seltsamen Menschen gehört. Aber ich bin nun so alt geworden, daß ich jedem seine Seltsamkeiten lasse. Ist es für ihn ein Glück und ist sie sich klar, daß nach normalen Umständen eben nur ein Herbst für sie beschieden sein kann, – wen geht das eigentlich etwas an? Allenfalls die Kinder Hermanns,
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| und die haben ja zugestimmt. Wäre er noch OSt.Dir. in Stolp, so hätte er auf die allgemeinen Anschauungen der "Gesellschaft" Rücksicht zu nehmen. Aber diese Instanz ist für den Flüchtling fortgefallen, und es gibt ja auch sonst kaum eine "Gesellschaft" in diesem Sinne mehr. Wollen zwei Menschen, die es sich beide gründlich überlegt haben, ein Glück im Winkel gründen (trotz des Grafen Petöfy, den ja wohl beide gelesen haben werden oder sich selbst ausdenken können), so sollte sich niemand darüber ereifern. Nur die gedruckte Anzeige hätte unterbleiben sollen; denn für den Gratulanten erzeugt sie eine Verlegenheit. Ich habe mich dann auch auf 2 Sätze beschränkt. Die Frage: "in ein Bild einordnen", konnte für mich nicht auftreten, da ich mir von Hermann kaum jemals ein Bild zu machen vermochte. – Hoffen wir also, daß alles gut geht und ihnen der gemeinsame Winterabend mollig wird!
Von hier ist nicht viel Neues zu berichten. Der 1. Vortrag in Stuttgart für das Rote Kreuz, der doch "Geld machen" sollte, war nicht genügend bekannt gemacht. Infolgedessen
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| blieben – zum 1. Male in Stuttgart – etwa 40 Plätze von ca 450 frei. Angenehm ist bei diesen Veranstaltungen immer die Begegnung mit dem mindestens 80jährigen Psychiater Gaupp, dem Vorvorgänger des Protestanten Kretschmer. Während damals die Fahrt durch den Schönbuch noch bei Tage stattfand, war es bei dem Vortrag vor 3 Tagen schon dunkel. Susanne, die ich zur Ausfüllung des Autos mitnahm, hatte davon nicht viel. Der Widerhall war beide Male stark.
Ein Problem beginnt die Überfülle von Durchreisenden zu werden. In den letzten Tagen kam fast täglich ein Unangemeldeter: z. B. Prof. v. Brandenstein, früher Budapest, jetzt Saarbrücken, ein redseliger oesterreichischer Typ. Oder der Enkel Mothes der guten Frau Günther † in Cröben bei Leipzig – was doch nun schon 30 Jahre totlag; oder der Pfarrer Fischer aus Schönwalde bei Buch (Du wirst den Ort kennen.) Derartiges wäre ganz hübsch, wenn man nicht immer aus der Arbeit aufgestört würde. Was irgend geht, wird ja schon von mir ferngehalten.
Am 4. November will ich mit Vorlesung und Seminar beginnen. Die Ferien waren ja lang genug. Morgen fahren wir zu
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| einer philosophischen Apothekertagung im Hohenzollernschen Jagdschloß Lindich bei Hechingen. Das ist dann der Abschluß der Ausflugssaison.
Jetzt aber bin ich – eigentlich ohne Berechtigung – so todmüde, daß ich wohl oder übel einfach abbrechen muß. Bitte schiebe nicht aus Geiz das Heizen so lange hinaus, daß es Dir ungemütlich wird. Das bißchen Häuslichkeit ist im Alter die eigentliche Bühne des Lebens. Wenn Du den Vorhang zugezogen hast und der Ofen brennt, kannst Du Dir einbilden, Du säßest im schönsten Schloß.
Hoffentlich kann ich bald gescheiter schreiben.
Innige Grüße
Dein
Eduard.

Butterkellertreppengefalle     }
Budikerkellertreppengefalle   }   welche Leseart ist richtig?
Boulettenkellertreppengefalle }
Immer einen leichten, aber festen Stock mitnehmen!