Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. November 1949 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

18.11.49.
Meine einzige Freundin!
Es ist wohl ein subjektives Empfinden, wenn mir die Pause seit Deinem Schreibdatum "3. Nov." so groß erscheint. Inzwischen habe ich ja auch noch das Gläschen mit Gelee erhalten, das ich zwar mit Genuß konsumiert, aber auf der Karte noch nicht dankend erwähnt habe. Zur Nachfrage veranlaßt mich auch die Furcht vor unsrem bekannten Gleichschritt. Mir ist es nämlich in dieser Woche recht schlecht gegangen. Am Samstag den 12. – jeder Samstag "soll" fortan Ausflugsnachmittag sein, – waren wir zu Fuß auf der Kapelle. Es war recht windig, z. T. auch regnerisch, aber nicht kalt. Wir gingen dann nach Wurmlingen herunter und in der Dämmerung nach Unter-Jesingen weiter. Ich hatte schon eine leichte Erkältung,
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| die aber trotz der guten Luft nicht besser wurde. Am Sonntag waren wir bei Wenkes in stark überheizten Räumen. Husten, Schnupfen und – beim Husten – ein Schmerz in der Nierengegend, mit offenbar leichtem Fieber, waren für meine 5 Vorlesungen in dieser Woche recht störend; manchmal dachte ich, die Fortsetzung wäre zu gewagt. Es erfordert doch viel Kraft, für 550 Leute schwere philos. Sachen herauszubringen. Übrigens wird noch nach einen anderen Hörsaal übertragen, in dem jetzt noch [über der Zeile] weitere 300 sitzen sollen. So war es auch bei der Diesvorlesung am Donnerstag über "Recht und Grenzen einer Soziologie des Wissens", die eine Extraarbeit bedeutete. Nachdem ich vor 2 Stunden auch noch das Seminar hinter mich gebracht habe, bin ich etwas wie der Reiter vom Bodensee. Es geht mir auch merklich besser. In meinem Beruf gibt es keine Vertretung. Das ist
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| immer der Gefahrenpunkt.
Am Mittwoch war der General Dr. Speidel aus Freudenstadt zu Mittag bei uns, der jetzt auch eine Stunde an der Universität liest. Heut Nachmittag machte ein Heidelberger Besuch, der Historiker Andreas, [über der Zeile] Schwiegersohn v. Marks, der in diesem Semester die Vertretung von Stadelmann hat. Bei der Gedenkfeier für diesen sollte ich absolut reden; ich habe es aber abbiegen können. Mein Rücken trägt nicht mehr alles Beliebige.
Sonst ist nicht viel zu berichten, da ich mich möglichst im Hause gehalten habe. Wie hast Du existiert? Sorgst Du auch für voll ausreichende Wärme in Deinem Zimmer?
Am Sonntag haben wir Kaffeebesuch: außer dem "Damenschneider" noch 2 Rosenkränze, die wohl auch aus Heidelberg kommen. Ich bin etwas übermüdet und mache Schluß mit vielen herzlichen Grüßen.
Dein
Eduard.